Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 14 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „Neue Natiönal-Zeitung" Nr. 14 sich selbst ihr Gepäck schleppen. Aber diese Leute trauen sich nicht, den Wagen zu verlangen und es ist niemand da, der sich ihrer annimmt. Sie sind dem Bureau ganz preisgegeben." Und dann erzählt er mir von dem Unfug, der an den Bahnhöfen geschieht, ohne daß die Polizei eingreift. Diejenigen, die von einem Bureau dien er erwartet werden, seien noch sehr gut daran. Wie viele Emigranten, die zumeist Analphabeten sind, fallen Schwindlern in die Hände, die ihnen das Geld annehmen und dafür ein wertloses Papier als Schiffskarte übergeben! Vor einigen Tagen sei eine russische Jüdin von ihren fünf Kindern weggelockt worden und bis heute sei ihr Aufenthalt unbekannt . . . Diese Dinge waren mir ohnehin nicht neu. Eine viel kompetentere Persönlichkeit, der Wiener Bureau- Chet der „Hamburg-Amerika-Linie", hat mir noch viel traurigere Details über die Ausbeutung der Emigranten in W i e n mitgeteilt. In der großen Millionenstadt mit den zahlreichen Wohltätigkeits-Vereinen für Sieche, Kranke, Wöchnerinnen, Krüppel und Waisen hat bisher noch niemand daran gedacht, armen Juden auf der Wanderung auch nur mit Rat beizustehen. Selbst die Israelitische Allianz verschafft den Durchreisenden höchstens eine halbe Karte, auf die sie so lange warten müssen, bis sie ihre paar Gulden verzehrt haben. Auch auswärts ist es nicht besser. In Krakau bleiben die jüdischen Emigranten der Obhut eines Agenten der englischen Missionäre ausgeliefert, da weder der Kultusvorstand, noch die Filiale der Wiener Allianz irgendwelche Fürsorge den Emigranten zuwenden. Nun wird es Aufgabe des Verbandes sein, den Emigranten Rat, Schutz und Beistand zu gewähren. Ein wichtiger Zweig der Fürsorge für die Enterbten unseres Volkes soll nicht mehr brach liegen. Die jüdische Allgemeinheit und auch der Staat werden dem Verbände bei seinem Werke ihre Hilfe nicht versagen. Wenn die Regierung dem polnischen Emigrantenverein eine Jahressubvention und überdies einen namhaften Beitrag zur Errichtung eines Eimigrantenheimes zuwenden kann, dann wird sie sich hoffentlich den Bestrebungen des Verbandes gegenüber auch nicht passiv verhalten. Neben der Emigrationsfrage eröffnet sich dem Verbände ein sehr großes Gebiet ersprießlicher Tätigkeit aus Anlaß der Hilfsaktion für Galizien und Bukowina. Seitdem ich im Jahre 1898 durch meine Schrift „Unter jüdischen Proletariern" die große jüdische Oeffentlicbkeit und dann im Jahre 1899 durch meine Reise nach Paris die J. G. A., schließlich durch meine Vorträge in veschiedenen Städten von Preußisch - Schlesien die Bnei-Brith-Logen auf die Notlage der Boryslawer jüdischen Bergarbeiter und dann des jüdischen Massen-Proletariates überhaupt aufmerksam machte, ist allerdings zur Linderung des Massenelends etwas geschehen: die J. C. A. in Paris hat Vorschußvereine errichtet; der Wiener Hilfsverein hat die Haarnetz-Industrie und die Spitzenklöppelei ins Land gebracht; die Wiener Allianz hat diese Tätigkeit des Hilfsvereines sowie einen Kindergarten in Chrzanöw subventioniert und schließlich noch zwei einklassige Volksschulen errichtet. Das ist ja gewiß auch etwas, und doch sehr wenig. Die Judenfrage in Galizien und in der Bukowina ist ein soziales Problem, dem man mit kleinen Paliiativ-Mitteln nicht beikommen kann, zu dessen Lösung vielmehr die Entfaltung organischer Arbeit auf Grund eines bestimmten wirtschaftlichen Programms notwendig ist. Man bedenke doch: in Galizien und Bukowina wohnen 900.000 Juden, von denen mindestens 80 Prozent „Luftmenschen" sind, ohne Beruf, ohne Erwerb, ohne Existenz, die vor Hunger zugrunde gehen und die nicht einmal auswandern können, weil sie hiezu keine Mittel haben. Was sonst noch an jüdischem Mittelstand in diesen Ländern übrig bleibt, wie Kaufleute, Handwerker, Schanker, das wird durch die wirtschaftliche Entwickelung und die Maßregeln der staatlichen und autonomen Behörden in das Massenproletariat herabgeschleudert. Ein Schulbeispiel spielt sich jetzt vor unseren Augen ab: Die Existenz von 15.000 jüdischen Schänkerfamilien hängt in der Luft und die politische Intrigue des Bauernführers Stapinski vermag die auf Zusicherungen des Statthalters aufgebauten Hoffnungen aufs schwerste zu erschüttern. Die verheerende Tätigkeit der Kolka rolnicze, die seit zwei Dezennien unter Patronanz des Landesausschusses mit staatlicher überaus reicher Subvention die Juden vom Handel verdrängen, ist zu bekannt, als daß es noch notwendig wäre, darüber ein Wort zu verlieren. Dagegen wollen wir ankämpfen mit Haarnetz- Industrie, Spitzenklöppelei, einem Kindergarten und einigen Vorschuß-Vereinen? Den großen Hilfsorganisationen im Auslande, die von den besten Intentionen geleitet sind, die aber die richtigen Hilfsmittel nicht finden, weil ihnen die Verhältnisse zu wenig bekannt sind, will der Verband ein treuer und selbstloser Berater sein. Eine seiner nächsten Aufgaben wird es sein, ein Programm sozialer Hilfstätigkeit zu entwerfen, das von großen Gesichtspunkten geleitet dem ganzen Komplex der wirtschaftlichen Einzelfragen und den speziellen Landes- Verhältnissen in Galizien und Bukowina gerecht werden soll. Wenn dann der Weg klar sein wird, den wir gehen müssen, um unsere Brüder zu einem menschenwürdigen Dasein zu führen, wenn die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Hilfsaktion und von der Richtigkeit dieses Weges in die weitersten Kreise unsere glücklicheren Brüder gedrungen sein wird, dann hat der „Verband der östlichen Juden" einen seiner wichtigsten Lebenszwecke schon erfüllt. L. Maxim Anin: Aus den Tagen des Grauens und Wahnsinns. iSckluß.) Als Signai zu den erwünschten „Gefühlsäußerungen c dient in der Regel ein Provokationsausschuß. In Bialystok z. B. begehen die offiziellen Pogromarrangeure einen terroristischen Anschlag gegen den Polizeimeister Derkatschow, „um sich des pogromfeindlichen Beamten zu entledigen und andererseits den nötigen Vor wand zur Niederschlagung der jüdischen Revolution zu erlangen." (I. p. 247.) Zu den beliebtesten und auch wirksamsten Pogrominszenierungsmitteln zählt ferner die Verteilung von schweren Waffen unter die exzeßlüsternen Banden (p. 282). In denjenigen Orten, wo man unter den Abfällen des städtischen Bevölkerung nicht die genügende Anzahl von Raubgesindel auftreiben kann, begeben sich die örtlichen Vertreter der Regierungsgewalt in die nächst gelegenen Dörfer und verkünden den Bauern im Kommandoton,