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Neue Nationalzeitung · 1910-07-08 · Heft 14 (8.7.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 14 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 Neue National-Zeitung" Seite 3 POLITISCHE RUNDSCHAU. Volkszählung und jüdische Nationalität. Der Antrag des Dr. Kraraaf, in die Volkszählungskarte auch die Rubrik „Nationalität" aufzunehmen, wurde von der Majorität des Parlaments angenommen. Damit geht ein wichtiger Programmpunkt der Jüdisch-Nationalen seiner Erfüllung entgegen. Die Juden Oesterreichs werden es nicht mehr nötig haben, bei den anderen acht Nationen Gastfreundschaft zu suchen; sie werden durch ihr eigenes Bekenntnis und nicht erst durch die Gnade eines Ministers oder den Spruch des Reichsgerichtes ihre nationale Existenz proklamieren. Die praktischen Folgen dieses Beschlusses für die Juden auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete sind nicht zu übersehen. Sie werden zu einem politischen Machtfaklor emporwachsen und nicht mehr die Puffer abgeben für die um die Vorherrschaft kämpfenden anderen Nationen; die längst erstrebte jüdische Berufsstatistik wird sich ohne die Opfer, die niemand bisher tragen wollte, aus der Volkszählung selbst ergeben; wir werden eine Uebersicht über unsere soziale Struktur und unsere volkswirtschaftlichen Kräfte erhallen. Wir und auch die anderen werden erst einsehen, wie tief der Pauperismus an unserem Organismus zehrt. Daher begrüßen wir die Resolution Kramaf nicht so weit vom Standpunkte des Nationalismus, als vielmehr von dem der wirtschaftlichen Selbsthilfe. Das Lueger- Denkmal. „Rabbi" Kolischers Seitensprünge. „Rabbi" Kolischer — so nennt ihn der parlamentarische Witz wegen seiner markanten semitischen Nase — hat durch seine Abstimmung im Finanz-Ausschuß dem Polenklub keine geringe Verlegenheit bereitet. Der gehorsame Hausjude, der bisher nur durch Willkür-Akte der ßezirkshauptleute der jüdischen Wählerschaft aufgedrängt wurde und der es bei seiner letzten Wahl in Kolomea sogar auf — drei Stimmen Majorität gebracht hat, ist p'ötzlich bockbeinig worden. Er hört nicht mehr auf den Befehl des Polenklubs, er hat jetzt auch eine Ueberzeugung. Diese Ueberzeugung heißt — Stapinski. Seitdem Kolischer sein Mandat im Budget-Ausschuß zu Gunsten eines Allpolen niederlegen mußte und dafür ein anderes Mandat aus den Händen Stapinskis erhielt, umschlingen den Abgeordneten der Kolomeaer Juden und den Bauernführer, der die jüdischen Schänker aushungern will, Bande innigster Freundschaft. Herr Kolischer, der noch nie einem Juden einen Heller geschenkt hat, ist unter die Geldmänner der Volkspartei gegangen. Man sagt, er habe sogar die Papierschulden des Stapinski'schen Leiborganes aus seinen Büchern gestrichen. Stapinski darf sich also mit dem Klubobmann Glombinski messen, dieser hat den Hausjuden Gold, jener den Hausjuden Kolischer. Das Parlament vertagt. Die blutigen Kämpfe an der Lemberger Universität und die stürmischen Obstruktionsscenen im Budget-Ausschuß haben uns die Rücksländigkeit der Nationalitätenkämpfe in Oesterreich klar bewiesen. Polen und Slowenen wetteifern darin, die höchsten nationalen Kulturgüter, die Universitäten, die sie für sich in Anspruch nehmen, ihren nationalen Gegnern vorzuenthalten. Wir tun am besten, diesen Kämpfen teilnahmslos zuzusehen. Nur nicht einem Teile die Kastanien aus dem Feuer ziehen. Wir könnten uns leicht die Finger verbrennen. Die „Neue Freie Presse" ist allerdings anderer Ansicht. Im Herzen Wiens, auf dem Rathausplatze, wo die Bevölkerung Wiens einmal das Denkmal des Kaisers sehen möchte, will die antisemitische Selbstüberhebung dem ersten antisemitischen Bürgermeister von Wien ein „Standbild" errichten. Geld dazu dürfen auch Juden beisteuern. Die Leute, deren Aufrufe sonst nur an „das christliche Volk von Wien" gerichtet sind, wenden sich diesmal lediglich an die „Wiener, Oesterreicher, Freunde der Stadt und des Reiches". Trotzdem der Wiener Kultusvorstand sich unter die Schar der Leidtragenden gedrängt hat, ist bisher noch nicht bekannt, daß er einen Beitrag zum Denkmal beschlossen hätte. Wir dürfen das Gleiche selbst von den Anhängern dieses KuUusvorstandes erwarten. Pflicht der Wiener Juden wäre es, sich an der Sammlung für das Lessing-Denkmal zu beteiligen. Damit würden sie auch am besten ihre Gesinnung kundgeben. Die Partei, die ihrem Lueger ein Denkmal errichtet, soll es auch selbst bezahlen. Lord Primrose für die Jnden. Im englischen Parlament kam vorige Woche jene längst erwartete Bill zur Verhandlung, durch welche aus dem Eide des Königs die katholikenfeindlichen Stellen entfernt werden sollten. Es war eine merkwürdige Ironie, daß auch Mr. Bellock, der einzige antisemitische Abgeordnete, bei dieser Gelegenheit in überschwängliehen Worten die religiöse Toleranz predigte. Das veranlaßte Lord Primrose, den Sohn des gewesenen Premierministers Earl Roseberry und Enkel Lord Rotschilds zu einer bemerkenswerten Antwort. Wiewohl selbst als Protestant geboren, rühmte er sich .«einer jüdischen Abstammung. Er bezeichnete es als Heuchelei, wenn Mr. Bellock sich auf den Apostel der religiösen Toleranz ausspielt und schloß mit einer Paraphrase jener berühmten Worte, die einst Lord Beaconsfield im englischen Oberhause für die Gleichberechtigung der Juden auf die Wagschale warf: „Als meine Urahnen gezwungen wurden, in der Knechtschaft Ziegel ohne Stroh herzustellen, da waren es die Urahnen meines geehrten Vorredners, die sie zu dieser Zwangsarbeit verhalten haben." Dieses freimütige Bekenntnis jüdischer Abstammung wird dem jungen Lord hoffentlich in seiner Karriere nicht schaden. In anderen Ländern pflegen selbst jüdische Aristokraten damit sehr vorsichtig zu sein. „Verband der östlichen Juden" in "Wien *) (Schluß.) Vor einigen Tagen ging ich abends am Nordbahnhof vorbei. Der Krakauer Personenzug war soeben angelangt. Da sah ich eine lange Reihe von menschlichen Wesen, mit Spuren schwerer Ermüdung und tiefen Leides in den Gesichtern, aus den dunklen Schatten der Bahnhof-Mauern heraustreten: Frauen und Männer, Juden und Christen, Kinder und Greise. Es waren Emigranten. Ein buntes Gemisch. Die Männer plagten sich mit ihrem Gepäck ab; die Frauen hatten Mühe, die kleinen Kinder zusammenzuhalten, damit sie vom Fuhrwerk und der Straßenbahn keinen Schaden erleiden. Der Diener eines Schifiahrtskartenbureaus ging ihnen voran, bloß ihnen den Weg zeigend, ohne ihnen zu helfen. Ich fragte einen Dienstmann, der neben mir stand, wohin diese Leute jetzt gehen. Er erwiderte: „Ins Massenquartier. Sehen Sie, diesen Leuten gebührt ein Wagen. Sie haben dafür bezahlt und jetzt müssen sie *) Vgl. Nr. 12 vom 10. Juni d. J.

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