Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 14 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 .Neue National-Zeitung" Nr. 14 der auf den Zunamen James — Schames, wie ihn Jakob Weintraub vortrefflich verballhornt — hört, und der Franzose Richelieu, vulgo Karpeles, mit seinen beiden Töchtern Hortense und Ivonne. Richelieu, der große Nimrod vor dem Herrn, der gewaltige Jägersmann, wie erinnert er uns doch an manches köstliche Original, das dem Dichter als Modell gedient haben könnte. Und dann Leopold Kohn, genannt Kastner, und Elvira Jordan, die so ungerne an ihr Judentum erinnert werden und ihre Mischehen bitter büßen sollen. Braucht man nach Beispielen im Leben zu suchen, die ihnen gleichen? Egon, der Sohn des Millionärs Jordan, der Sozialpolitiker, welcher sich die Millionen des Vaters gefallen läßt, und gegen die Kartelle und das Manchestertum anstürmt, welch' guter, alter Bekannter! Jordan, der gute Vater, seine Tochter, die sozialpolitische Fanatikerin, Frau Jordan, für die das Heil nur im Katholizismus besteht, sie alle sind so lebenswahre Figuren, daß wir glauben, sie vor uns zu sehen, sie reden und handeln zu hören. Vergessen wir nicht an Frau Margulies, der „alles zukommt", die an Schmerzen überreiche Mutter und deren Tochter Kleopatra, vergessen wir nicht an das schlamperte Fränzchen Weintraub, welche an der Universität Vorträge hört, sich von russischen Studenten hofieren läßt und ihrem Gatten und Schwager, dem kostbaren Jakob Weintraub, die Trebitscher Abstammung vorhält, als wäre sie weit her. Wenn wir diese Personen betrachten, Produkte einer durch das blinde Vorurteil geschaffenen Gesellschaft, dann seufzen wir auf — wie Juden. Wie sind doch diese kleinen Nachkommen großer Vorfahren beschaffen! Die Judengeschichten waren früher meist Ghettogeschichten. Kompert, Bernstein, Franzos und andere haben ihre Ghettogestalten idealisiert. Wir haben diese Gestalten begriffen, denn in der Abgeschlossenheit, in der sie lebten und webten, konnten sie sich nicht anders entwickeln, als mit ihren Eigentümlichkeiten und Verschrobenheiten. Dessauers Roman ist eigentlich auch nichts anderes als eine Ghettogeschichte. Seine Juden beweisen nur, daß das Vorurteil eine Ghettomauer um sie gezogen hat. Frau Kastner, Frau Margulies, Jakob Weintraub, James Löwy und Richelieu vulgo Karpeles, sie alle sind gute Freunde, bekannte Leute aus der — Gasse. Diese Leute wird auch die Mischehe nicht anders machen. U <i wc-rni wir;-i betrachten, uns dann einem Leopold Kastner, einer Elvira Jordan, deren Frau Mama und Herrn Bruder Egon zuwenden, seufzen wir — wie Juden. Es besteht aber doch ein Unterschied zwischen diesen „Großstadtjuden" und den Ghettomenschen. Die Letzteren besaßen etwas, was ihnen Freude, Trost, Erhebung, Rettungsanker bedeutete. Das war ihre Religion. Diese fehlt den „Großstadtjuden" gänzlich. Frau Kastner, die noch am ehesten als Jüdin, im guten Sinne des Wortes, bezeichnet werden kann, wird demnach von ihrem zukünftigen, vorurteilslosen christlichen Schwiegersohn mit den Worten apostrophiert: Uns scheidet nur der Pfeffer fisch und der Gansbiegel von einander. Es scheint wirklich, daß für viele dieser Juden nur der Unterschied der Lieblingsspeisen das scheidende Moment zwischen Jud' und Christ bilde. Was gilt sonst diesen, in unserem Romane geschilderten Juden die Religion? Ein Ballast ist sie ihnen, den man leider mit sich schleppen müsse, wenn nicht gar, wie für Frau Jordan und deren Tochter, eine Verkörperung der Unkultur. Aber auch die Herren Arier kommen nicht gut weg in diesem realistischen Gesellschaftsbilde. Die Revidentenfamilie Hebenstreit vor allem. Welch' ein Pack! wird man versucht, auszurufen. Wir sehen ab von dem verrückten Luftschiffkonstrukteur Hebenstreit, dem die Juden gut genug sind, um ihm das Geld für seine Hirngespinste zu pumpen. Köstlich sein Weib, die am Vormittage ihr Herz entdeckt für ihre jüdischen Nachbarinnen, bei denen sie herumschnorrt, um die. notwendigsten Küchenbedürfnisse zu befriedigen, während sie am Nachmittage eine aufrechte stramme Antisemitin ist, die sich vor dem Hausmeister weidlich über die Jüdinnen ausschimpft. Und ihre Tochter Fritzi, dieses Ideal Leopold Kastners, der um keinen Preis der Welt eine Jüdin heiraten möchte, und dann dieser Wiener Vorstadt-Kokotte zum Opfer fällt! Würdig steht der Revidentenfamilie Hebenstreit die verwandte Sektionsichefsfamilie gleichen Namens zur Seite. Sie gehören zu einander diese Verwandten, die Revidenten und Sektionschefs. Das Haupt der letzteren Familie ist eine der köstlichsten Figuren des Romans, Dieser Mensch, welcher Burgtheaterzettel sammelt und die Besetzungen aller Stücke seit Laubes Zeiten kennt, aber beileibe nicht ihren Inhalt. Der leibhaftige Tepp! Und dann seine Gemahlin, die Frau Baronin, Intrig ntin und Börsenspielerin in einer Person! Der würdige Sprößling einer solchen Familie ist der Herr Sohn Karl, ein Lump vom unreinsten Wasser, Spieler und Kokottenjäger, Nichtstuer und Geldanbringer. Indem Dessauer der geschilderten jüdischen Gesellschaft diese „arische" Gemeinschaft gegenüberstellt, will er sagen: Sehet, die menschlichen Fehler sind interkonfessionell. Es gibt keine Rasseneigentümlichkeiten, keine speziell jüdischen und christlichen Tugenden, aber auch keine Rassenfehler. Namentlich die Lumperei findet sich in allen Formen und Gattungen bei Jud und Christ und wird auch nicht schwer bei Türken und Heiden aufzufinden sein. Wir geben ihm darin recht und doch seufzen wir, wie Juden, wenn diese zu Sündenböcken gemacht werden, welche man, beladen mit der Schuld der Einzelnen, in die Wüste schickt. Das ist unser Verhängnis. „Der Eine sündigt und der ganzen Gemeinschaft zürnt man." Diese Fritzis und Karls, und sonstigen Heben Streits mögen die miserabelsten Individuen sein, es" wird niemand einfallen, für ihre Lumpereien ganze Gesellschaftsklassen verantwortlich zu machen. Wie ganz anders benimmt sich die Gesellschaft den Juden gegenüber! Also kann man Artur Gschmeidler, den anständigen, vorurteilslosen Christen widerlegen. Es mag noch viel Wasser im Donaubette rinnen, ehe sich die Gesellschaft zu dem Idealismus dieses echten Wieners von alten Schrot und Korn erheben wird. Unser jüdisches Verhängnis bleibt es, ungerecht beurteilt zu werden. So war es seit Pharaos und Hamans Zeiten, so ist es geblieben bis zu den Tagen des deutschen und Wiener Antisemitismus. Wie die Dinge jetzt stehen, wird der Idealismus Gschmeidlers noch lange auf seine Verwirklichung harren. Und die Mischehen werden es auch nicht tun. Wenn wir aber das Judenverhängnis betrachten, dann seufzen wir, wie eben nur Juden seufzen können. Geholfen wird uns aber, trotz aller Seufzer, durchaus nicht. Herrn Dessauer sei übrigens für seinen Roman Dank gesagt. Nicht allzuviel Kunst, aber frisches Leben, das ist dessen Kennzeichen.