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Neue Nationalzeitung · 1910-07-08 · Heft 14 (8.7.1910) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 14 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NSUS WCiONftL-ZBDUNG XII. JAHRGANG. WIEN, 8. JULI 1910. Nr. 14. Ein Wiener Juden-Roman Von Prof. Dr. M. Grünfeld. ~l In einem seiner Feuilletons, welches in den „Widmungen" zu Ferdinand v. Saars 70. Geburtstage erschienen und der „Herr Bischof von Meaux" betitelt ist, schildert Theodor Herzl einen an den Augen erkrankten Greis, der sich diese mit Lourdes-Wasser wäscht. Aber alle Waschungen nützen nichts, und der arme Kranke seufzt, da ihm alles nichts hilft, „er seufzt — wie ein Jude". An dieses symbolistische Geschichtchen wurden wir gemahnt, als wir Adolf Dessauers Roman „G r o ß s t a d t j u d e n" *) zu Ende gelesen hatten. Wir mußten seufzen wie Juden. Denn was lehrt dieses Gesellschaftsbild? Uns Juden ist schwer oder gar nicht zu helfen, auch durch die Mischehe nicht, welche der Verfasser als eine Art Heilmittel, eine Art Lourdes-Wasser zu betrachten s-heint. durch das die „Judenfrage" aus der Welt geschafft werden könnte. Wir meinen, der Herr Verfasser glaubt selbst an diese seine Hypothese nicht. Was er ausführen will, läßt sich auf folgende Formel zurückführen: Wird die Ehe zwischen Juden und Christen, die ganz ohne Vorurteile sind, geschlossen, dann muß sie zu einer Versöhnung zwischen Judentum und Christentum führen. Wenn aber diese Ehen nur der Abneigung der Juden oder Jüdinnen gegen ihre jüdische Stammeszugehörigkeit ihre Entstehung danken, dann gehen sie schlecht aus. Quod erat demonstrandum. Unsere Meinung ist aber, der Schluß Dessauers krankt, wie so viele andere Schlüsse, an der Unrichtigkeit der Prämissen. Denn wir können es nicht glauben, daß die Vorurteile sowohl bei Juden als auch insbesondere bei Christen geschwunden sind oder jemals schwinden werden. Wir sind noch sehr weit *) Verlag von W. Braumüller, Wien und Leipzig 1910. entfernt von dem Zeitalter, in dem der Wolf friedlich lagern wird mit dem Lamme. Die Ehen zwischen Leopold Kastner und Fritzi Hebenstreit, Karl Hebenstreit und Elvira Jordan, mit ihrem unglücklichen Ausgange, werden wir wohl begreifen, die Ehe aber zwischen Artur Gschmeidler und Lotti Kastner, die vorurteilslose Eheverbindung, wird nur eine Ausnahme bleiben. Und Ausnahmen bestätigen die Regel. Was aber die Kinder anlangt, die aus solchen Ehen entstammen, sind sie nicht meist dem Judentum verloren? Darum sind wir mit dem Plaidoyer Dessauers für das Universalheilmittel der Mischehe durchaus nicht einverstanden. Aber wir begreifen es, wenn er mit realistischen Farben schildert, wie viel Unglück solche Ehen schon heraufbeschworen haben. Was wir aber an dem vorliegenden Romane hoch schätzen, das ist die wahrhaft porträttreue Charakterschilderung der in ihm vorgeführten Personen. Wir haben es in diesem Romane durchaus nicht mit einem Kunstwerke zu tun; keine psychologischen Auseinandersetzungen, keine Zerfaserungen des Seelen- und Gemütslebens der geschilderten Personen behelligen und langweilen uns. Wir werden vielmehr vom Verfasser gleichsam vor ein Bild hingestellt: so sind die Menschen, mit denen ich euch bekannt mache, so sind sie geworden, ein Resultat der Verhältnisse, unter denen sie leben. Und wahrlich, diese Personen leben alle. Durch diesen Roman geht frisch pulsierendes Blut. Er leidet nicht an der Anämie der modernen Milieuschilderungen. Diese Juden, welche wir in dem Romane kennen lernen, sind gute alte Bekannte: der Schreier Jakob Weintraub, seine gute, von ihm und anderen ausgebeutete Schwester Frau Kastner, der Engländer Löwy,

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