Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 13 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425801-2425815--1723-2428101- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10_„Neue National-Zeitung"__Nr. 13 FEUILLETON. Dr. M. Grünfeld: T)ie 6egner. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben halbvergangener Zeiten. (Schluß.) Ahron, der an seinem Erfolge fast verzweifelt hatte, konnte sich jetzt vor Glück, das ihm wie eine reife Fracht in den Schoß gefallen war, nicht fassen. „Da muß jemand gearbeitet haben, um mir diese Würde zu sichern*, sprach er, unwillkürlich auf Dr. David blickend. Der fing den Blick Ahrons auf und, auf Jossef zeigend, erwiderte er: „Hier steht der Mann, der seine Geschicklichkeit in Wahlangelegenheiten deutlich gezeigt hat". „Da muß ich schon dieses Lob abweisen und es Herrn Dr. David zuteil werden lassen. Er hat mich auf den Weg geleitet, den ich zu gehen hatte, um das höchste Amt in der Gemeinde dem Würdigsten zu verschaffen. Und der sind sie Reb Ahron. Sofort werden die Männer der Gemeinde kommen, um ihr Oberhaupt zu begrüßen." Und sie kamen. An ihrer Spitze der wackere Lehrer Awrom. Reb Ahron nahm die Würde an und versprach sein Amt mit Herz, nach seinem besten Wissen und Gewissen zu verwalten. „Wo aber," fragte er, „ist Baruch? Warum kommt er nicht, mich zu beglückwünschen?" „Baruch", bemerkte Awrom, „war überhaupt zur Wahl nicht erschienen". „Begreiflich", warf David ein, „er ist in Pest und macht in Wolle. Reb Ahron ich muß meine Schuld heute bekennen. Wenn Baruch sich am Tage der Wahl aus der Kilian entfernte, so bin ich der Schuldtragende. Ich wollte, er möge die Prüfung bestehen, was ihm höher stünde, das Geschäft oder die Liebe. Auch er ist zu leicht befunden worden, wie jener alte König, von dem die Bibel erzählt. Das Geld, das Geschäft ging ihm über die Liebe zu Ihrer Tochter, Reb Ahron. Entscheiden Sie nun selbst, ob ein solcher Mann würdig gewesen, Dir Schwiegersohn zu werden. Mag sein, daß meine List Ihnen verwerflich erscheint Aber die List die ich anwendete, wird entschuldigt durch meine Liebe zu Ihrer Tochter, deren Hand Sie mir wohl jetzt nicht versagen werden, Reb Ahron!« „Und, nochmals rufe ich Masol Tow aus", überlaut kam es von Jossefs Lippen. „Nun gute Nacht, Reb Ahron, Herr Doktor und die ganze Familie. Jetzt gehe ich nach Hause zu meinem Weibe Zertl und meinen Jungen. Es war eine schwere Arbeit, die ich heute zu verrichten hatte. Wenn ich aber an Salman denke und an seinen Jekew, den Ueberklugen, wie die jetzt betrübt dasitzen xnit ihrer Gescheitheit, dann bekomme ich einen noch besseren Appetit, als ich ihn, Gottlob schon habe." „Gott mit Euch, Jossef," rief ihm freudig bewegt Ahron zu und schüttelte ihm die Hand. „Ich werde mich dankbar zeigen. Ihr habt mir einen großen Dienst geleistet* „Unter uns", sagte Jossef, mit den Augen blinzelnd, „ich habe dies alles mehr für Herrn Dr. David, als für Sie getan, obgleich ich Sie, Reb Ahron, höher einschätze, als Salman." Und nun saß die Familie Reb Ahron noch lange bei einander. Baruch war abgetan. Ein Mann, dem seine Interessen, seine Schafwolle hoher ging, 'als seine Braut, war kein Gatte für Reb Ahrons Tochter. An. einem 'der Halbfeiertage des Laubhüttenfestes wurde Rosls und Davids Verlobung feierlich begangen. Die Beiden hatten sich längst verlobt. Die Liebe hatte einen herrlichen Sieg davongetragen. Der Doktor führte seinen Plan aus, ging in die Landeshauptstadt und bekam bald eine Stellung an einem Hospitale, in dem er segensreich wirkte. Dann führte er seine Rosl heim. Von der lustigen Hochzeit sprach man lange in der Gasse. Jossef saß obenan an der Tafel und schwang sich v sogar zu einer Tischrede empor. Jahre waren seit diesem schönen Feste hingegangen. Reb Ahron führte sein Amt segensreich zum Wohle der Gemeinde, zum Wohle der Armen und Dürftigen. Die Gemeinde bereute es nicht, ihn zum Oberhaupte gewählt zu haben. Salman Korallenbaum konnte seine Niederlage nicht verwinden. Er nahm nicht einmal den Trost Jekews an, den er als den Schuldtragenden bezeichnete, daß er eine solch schmähliche Niederlage erlitten. Er gab sein Geschäft auf und glaubte sich dadurch an Reb Ahron zu rächen, daß er es ganz Baruch überließ. Der wurde von Tag zu Tag reicher, heiratete eine Dorfjungfrau, die ihm auch einen Haufen Geld in die Ehe mitbrachte. Freilich erzählte man sich in der Killah, die Ehe Baruchs sei keine glückliche. Man erfuhr, die Beiden könnten sich nicht vertragen, denn der Himmel hatte ihnen das versagt, was sich Baruch am meisten wünschte, den Kindersegen. Andere wieder meinten, der Geiz von Baruchs Weibe hätte den Unfrieden gesäet. Eines Tages war er mit seinem Weibe aus der Killah weggezogen. Er hatte sich in der Hauptstadt niedergelassen und bewohnte hier ein statliches Haus. „Ich gönne es ihm", sprach Ahron zu Gitl, die mit den Vorbereitungen zum Pessahfeste beschäftigt war. „Mag er sich Häuser bauen, das Glück weilt doch nicht darin. Wie recht hatte doch unser lieber Schwiegersohn. Auf der Liebe allein ist das Weltengebäude errichtet. Bereite, liebe Gittl, alles Gute zum Pessah-Abende vor. Unsere lieben Kinder werden es verschönern mit ihrem herzigen Jungen. Wie freue ich mich, sie wiederzusehen." Draußen leuchtete die helle Aprilsonne. Wie neues Leben ging es durch die Lüfte. Das war ein herrlicher Seder-Abend, den Reb Ahron und Gitl feierten, wenn sie auf das strahlende Antlitz ihrer Tochter blickten, auf ihren wackeren Eidam und ihr prächtiges Enkelkind, einen strammen, pausbäckigen Knaben.— „Gelobt sei der Herr, der uns diese Zeit hat erleben lassen," kräftig sprach Ahron den uralten Segensspruch und im Chor sagten ihn sein Weib und seine lieben Kinder nach. Der Prophet Elijah, der Glückverkündiger, ging unsichtbar durch die Familienstube Ahrons. LITER/miR UND KUNST, Die Nationalitätenprobleme der Gegenwart. (Eine Studie von Max A n i n. Riga 191(X) Nationale Fragen zahlen vielleicht zu den kompliziertesten und dunkelsten Problemen dor Soziologie. Nirgends ist wohl der theoretische Gedanke so weitab von der praktischen Willensbetätigung zurückgeblieben, wie auf dem Gebiete des Nationalen. Der nationale Wille hat ohne Zweifel dem 19. Jahrhundert sein Gepräge gegeben oder wenigstens einen seiner markantesten Züge, dagegen hat der nationale Gedanke, rein theoretisch genommen, bei weitem nicht so fühlbare Spuren in der wissenschaftlichen Physiognomie des .Jahrhunderts der Nationalitäten" hinterlassen. Es ist hier nicht am Platze, auf die Ursachen dieser widerspruchsvollen Erscheinung einzugehen,