Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 13 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 „Neue National-Zeitung" Seite 11 nicht unerwähnt wollen wir es aber lassen, daß man einen großen Teil dieser theoretischen Gewissensschuld der liberalen, universalen, sich über alle nationalen Eigentümlichkeiten hinwegsetzenden Richtung in der Schulwissenschaft des 19. Jahrhunderts, insbesondere aber deren eifrigen Verfechtern, den jüdischen Assimilanten, einerlei ob bürgerlicher oder sozialistischer Observanz, in die Schuhe zu schieben hat... Doch das ist ein Thema für sich. Maxim Anin verdient die vollste Anerkennung, daß er es in seiner eingangs erwähnten Schrift unternommen hat, die Endergebnisse der wissenschaftlichen Forschung, insbesondere der österreichischen, auf nationalem Gebiet zusammenzufassen und sie in gedrängter, aber nichtsdestoweniger faßlichen Form einem größeren Publikum und zwar auch einem ausländischen darzubieten. Oesterreichische Denker haben Achtenswertes in der Erforschung des nationalen Problems geleistet und eine auf ihren Theorien lußende kritische Studie, wie sie uns Anin gegeben hat, wiid ohne Zweifel Nutzen bringen. Die von Rudolf Springer herrührende Idee, die Nationen durch ein freiwilliges Matrikelsystem als juristische, mit Hoheitsrechten speziell in Kulturangelegenheiten ausgestattete Personenverbände konstituieren zu lassen und ihnen damit die faktische Betätigung zu erteilen, als Träger der von ihm im Gegensatz zur Kronländerautonomie proponierten national-personalen Autonomie sowohl dem Staat gegenüber als auch untereinander auftreten zu können, muß a's glücklicher wissenschaftlicher Vorschlag auf sozialem Gebiet angesehen werden. Es ist das Verdienst Anins, daß er die Springerschen Theorien mit den grundlegenden Forschungen des Rumänen Popovici, der eine originelle nationalterritoriale Lösung des österreichischen Nationalitätenproblems vorgeschlagen hat, in Einklang zu bringen versucht. Sowohl Springer als auch Popovici sind die au*gesprochensten Gegner aller nationalen Bestrebungen, die sich auf verbriefte, sogenannte „historische" Rechte berufen (was würden wohl diese Denker zu den Ansprüchen der Zionisten auf Palästina sagen?). Der veralteten, oft höchst phantastisch aufgefaßten Geschichte stellen sie die reale Gegenwart gegenüber, deren Verhältnisse sich nicht nach dem Schema vergilbter Pergamente entwickeln. Anin weist nun mit Recht darauf hin, daß die national-personale Autonomie nur als Ergänzung der national territorialen in Betracht käme, daß Popovici mit seinen Theorien die normale Existenzform für den Hauptkern der Nationen festzustellen sucht, während es Springer auf den Schutz der Minoritäten, auf die Erhaltung der versprengten Volksteile dem Volksganzen abgesehen hat. Die von Popovici geforderte nationale Kreiseinleilung, die nach den reellen Siedlungsverhältnissen vorzunehmen wäre, müsse sich den Verfall der nationalen Minoritäten gefallen lassen, andererseits wäre aber die national-personale Autonomie ohne die von Popovici für den Volkskern geforderte territoriale nur ein luftiges Gebilde. Vereint ergänzen sie sich und beheben sich gegenseitig ihrer Mängel. Ein interessantes Kapitel widmet Anin der viel umstrittenen J u d e n f r a g e, die noch immer ihrer theoretischen Präzisierung in der Sozialwissenschaft harrt. Man hat die Judenfrage zumeist als religiöses Problem aufgefaßt, Marx war der erste, der die Emanzipation des Judentums und der Welt vom Judentum als soziale Aufgabe, als Befreiung aus den Fesseln des Kapitalismus definiert hat; mit dem Zionismus hat sich die nationale Problemstellung in der Judenfrage Bürgerrecht verschafft. Keiner von diesen Theorien huldigt A n i n. Wenn man seine Anschauungen näher präzisieren wollte, müßte man sie als national der Form und sozial dem Inhalt nach definieren, worin er sich als Adept der sozialistischterritorialistischen Theorien zeigt. Als radikale Lösung der Judenfrage kommen nach Anin nur eine territorialeKonzentration der jüdischen Massen mit Herausbildung einer normalen beruflichen Gliederung in Betracht. Daß die territoriale Lösung des jüdischen Problems kein pium desiderium ist, deuten unzweifelhaft die Tendenzen der modernen jüdischen Emigration und die auf denselben fußenden Kplonisationsbestrebungen an, die sich in der letzten Zeit in der Judenheit bemerkbar gemacht haben. Mit einer Anrufung des nationalen Völkerfriedens schließt dann die Schrift. W. ' * Ein neuer Wiener Judenroman. Von Hermann Blumenthal erscheint soeben unter dem Titel „J ü n g 1 i n g s j a Ii r e" der Schlußband der Romnntrilogie ,D;r Weg der Jugend* im .Jüdischen Verlag", G. m. b. EL, Köln a. R. Wir kommen auf das neue Werk Blumenthals bald ausführlich zurück. . * „Aus einer stillen Welt" Dieses ist der Titel eines zweibändigen Werkes*), das eine Anzahl von Jargonübersetzungen vereinigt und das seinem Inhalt und dem äußeren Gewand nach als die vortrefflichste Ausgabe von Jargonübersetzungen anzusehen ist. Es ist bezeichnend für unsere Epoche, wenn der Kritiker von Jargonbüchern zuerst das Publikum kritisieren muß. Ohne Zweifel, die Ausgabe solcher Bücher ist ein ideales, also gewagtes Beginnen. Die Literatur ist der Spiegel eines Volkes. Alle inneren und äußeren Regungen einer Nation kann die wahre Volksliteratur getreu wiederspiegeln, kann dem Verstehenden alle Tore des Verstehens, dem Gläubigee alle Pforten des Glaubens öffnen So ist sie die unmittelbare geistige Exegese und reicht, da sie zum Volksgenossen vom Volke spricht,. über die papierene Welt hinaus, wird sichtbares, warmes, pochendes Leben. Hie breite Kluft zwischen Ost- und Westjudentum, in politischer und kultureller Hinsicht immer wieder zu Tage tretend, zeigt sich deutlich genug an der Stellungnahme breiterer jüdischer Kreise Westeuropas. Oft genug ist es gesagt worden: es nützt nichts, den Jargon als „Kauderwelsch" abzutun. Eine lebende Volkssprache: das ist der Jargon. Er ist die Umgangssprache des größten Teiles von Ostjuden; du hörst ihn überall auf der New-Yorker Eastside; in London — Whitechapel. Ueberall wo der arme verprügelte Jude eine Heimstätte gefunden. Auf jeder JEastside des Lebens; überall wo Juden wohnen. Und dieses Volk, dem wir eine peinlich korrekte Zivilisation entgegenhalten, beschämt uns mit einer tiefinnerlichen Kultur. Jüdische Kultur — sie wohnt nicht in uns, ihnen aber ist sie mitgeboren, wie unseren Söhnehen die — Zivilisation, die Karriere, das Israelitentum und die Taufe . . . Und dieses geschmähte Volk hat eine Literatur, hat Dichter. Dichter, die nicht irren und suchen in fremden, wesenlosen Welten. Poeten, die tief verankert sind in jedem Gefühle, jedem Leid und Wollen ihres Volkes So sind sie Künder. Gläubige, die den Glauben lehren, Hoffende, die Hoffnung reichend. In diesen zwei Büchern „Aus einer stillen Welt" sind die besten Namen der Jargonliteratur vertreten. J. L. Perez ist da mit bangen, schweren Symbolismen; Schalom Asch, der uns die zitternden, zagen Mensehen zeigt, wie sie im Frühlicht scheu durchs Lehen gehen. Da ist der treffliche Braudes, sind noch Spector, Weißenberg (mit einer klassischen Novelle) zu finden. Und da erzählt uns Scholem Aleichem seine lieben dummen Geschichten und läßt uns die innige Heiterkeit vieler Stunden kosten. Abramowitsch (Mendele Mocher Sforim), Onauchi, Steinberg u. a. schließen den Reigen. Bilder aus einer stillen Welt, aus dem Reich tatenloser Träumer und traumverlorener Dinge zeigen diese Bücher. Diese Welt liegt vor uns im Morgenrot, in der Mittagsglut, in dunkler Nacht. Und läßt uns ihre Menschen sehen in Hoffen und Bangen, in Glauben und Zweifel, im Wollen und im Vollbringen. Eine stille Welt, eine neue Welt. Und neu, neu wie ihre Dichter. Die vortreffliche Einleitung von Theodor Z1 o c i s t i (inzwischen als Separatdruck erschienen) gibt eine Historie der Jargonliteratur und der Sprache. Eine Geschichte ihres Werdens und Bestehens. Zlocislis feinsinniger Kunst danken wir auch die Uebersetzung der Erzählungen in ein schönes klares Deutsch. Nur kongeniales Verstehen konnte so fein nachschaffen. Denn Uebersetzungen sind eine böse Sache. Sie sollen sein wie das Original und sind zumeist schlechter. Es ist mit ihnen — nach Klausners Ausspruch — wie mit den *) „Aus einer stillen Weit." Erzählungen aus der Jargonliteratur. Uebersetzt und eingeleitet von Dr. Th. Zlocisti. Verlag Leo Winz & Co., Berlin S. 42.