Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 13 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 „Neue National-Zeitung" Seite 9 testaktionen der rumänischen Juden unternommen worden zu sein. Im Verlaufe der 30 Jahre seit Abschluß des Berliner Vertrages, der auch die Bestimmung enthält, daß den Juden die Gleichberechtigung mit den übrigen Staatsangehörigen zu gewähren sei, hat die Zahl der naturalisierten Juden in Rumänien 200 nicht erreicht. Angelo von Wassermann, der jüngst in den Adelstand erhobene bayrische Hofbankier, ist ein konservativer Jude. Sein Sohn, der Geheime Medizinalrat Prof. Dr. August von Wassermann, der langjährige Assistent Kochs, ist der Schwiegersohn des verstorbenen Gouverneurs Theodor von T a u s s i g. TVie Znekerkandl Anatom wurde. In der „Ungarländischen Jüdischen Zeitung" erzählt Dr. Josef L e w a r t sehr interessante Details über den Entwicklungsgang des Hofrates Zuckerk a n d 1 und insbesondere von dem Einflüsse, den der berühmte Anatom H y r 11 auf das Studium dieses aus Ungarn zum Zwecke des Studiums der Philosophie nach Wien zugereisten armen Studenten genommen hat. „Als Philosoph belegte Zuckerhandl, wie usuell, ein Semester bei Prof. Hyrtl über Anatomie. Hyrtls Vortragsweise machte auf ihn einen solchen Eindruck, daß er sich auch praktisch an den Gegenstand herannragte und fleißig sezieren ging, ohne dazu autorisiert zu sein. — Da trug sich nun einmal folgende Szene zu, welche bestimmend auf seine Laufbahn wurde. Der Philosoph Zuckerkandl sitzt im Seziersaale und präpariert die Nerven eines Unterschenkels mit großem Verständnisse. Lautlos schreitet Prof. Hyrtl bei einer Türe herein und bleibt hinter dem Sessel des vornüber gebückten Zuckerkandl stehen. Ernst und schweigend sieht er über dessen Schulter seine Leistung mit an und mit dem Kennerblick des Meisters das Genie erratend, klopft er ihm endlich beifällig auf die Schulter. Ueberrascht fährt Zuckerkandl in die Höhe und sieht sich Hyrtl gegenüber. Nun entspinnt sich folgendes Zwiegespräch: H: Wie heißen Sie? Z: Emil Zuckerkandl. H: Ein süßer Name 5 in welchem Jahrgange sind Sie Mediziner? Z : Ich bitte um Verzeihung, Herr Hofrat, ich bin nicht Mediziner. H: Was sind Sie denn und wie kommen Sie hierher? Z: Ich bitte, ich bin Philosoph und habe ein Semester Anatomie bei Herrn Hofrat eingeschrieben und da konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, nach der Vorlesung auch selbst zu sezieren. H: So werden Sie doch lieber gleich Mediziner; da haben Sie eine reelle Grundlage; denn die Philosophie gleicht einem Urwalde, in dem Sie sich verirren und nicht wieder herausfinden werden. Z: Leider kann ich das nicht tun, denn die Medizin ist ein teueres Studium und ich hin ein armer Junge. H: Wovon leben Sie denn als Philosoph? Z: Ich esse „Tage". H: Was essen Sie? Z: „Tage"! H: Wie kann man Tage essen? Man kann Fleisch, Brot, Kartoffel, Bohnen etc. essen, aber „Tage" essen habe ich nie gehört! Z: Um Verzeihung, Herr Hofrat, so nennt man bei uns Juden die Wandelkost für arme Studierende; heute bei der einen, morgen bei einer anderen Familie. H (ihn ergriffen ansehend): Junger Mann, das muß nicht sehr heiter sein. Kommen Sie morgen früh in mein Arbeitszimmer, ich werde trachten, Ihnen das Tageessen abzugewöhnen. Z: Aber ich bitte, Herr Hofrat. . . H: Still, junger Mann, wenn ein Hyrtl ruft, so kommt man!* J^otizen. Schiffsnachrichten der Hamburg-Amerika Linie. Die nächsten Abfahrten von Post- und Passagierdampfern finden statt: Nach Ne w-York: 16. 6. Schnellpostdampfer Deutschland, 19.6. Postdampfer President Lincoln, 23. 6 Postdampfer Amerika, •,•26'. 6. Postdampfer President Grant,. 30. 6.. Postdampfer Cincinnati, 3. 7. Postdampfer. Pennsylvania^ 7. 7. Postdampler Cleveland, 14. 7. Postdampfer Kaiserin Auguste Victoria. Nach Boston: 22. 6. Postdampfer Nicodemia, 7. 7. Post- ■dampfer Bo?nia. Nach iß al tin*ore: _22. 6.- Postdampfer Nicodemia, ,7. 7. . Postdampfer Bosnia. Nach Philadelphia: 24. 6. Postdampfer Barcelona, 3. 7. Postdampfer Pisa. Nach N e w - 0 r 1 e a n s: 18. 6. Postdampfer Atlantic. Nach Quebec-Montreal: 28. 6. Postdampfer Willebad. Nach Westindien: 20. 6. Postdampfer Schwarzburg, 22. 6. Postdampfer Eger, 27. 6. Postdampfer Bolivia, 2. 7. Postdampfer Virginia. Nach Mexico: 14. 6. Postdampfer Antonia, 18. 6. Postdampfer Constantia, 28. 6. Postdampfer Dania. Nachtrag. Das Verbot des Bodenankaufes in Palästina. Wie dem Warschauer Tagblatt „Unser Leben" telegraphiert wird, hat die türkische Regierung den Juden den Ankauf von Grundstücken in Palästina verboten. Diese Nachricht wird nicht verfehlen, in den weitesten Kreisen die größte Sensation zu erregen. Das Verbot bildet einen schweren Schlag für die fortschreitende und erfolgreiche jüdische Kolonisation in Palästina; auch die Tätigkeit der politischen Zionisten erscheint durch dieselbe lahmgelegt. Diese unerwartete Stellungnahme der jüngtürkischen Regierung, die bisher dem Zionismus gegenüber großes Wohlwollen an den Tag gelegt hat, scheint mit ihrer precären politischen Lage zusammen zu hängen. Die Jungtürken rechnen jetzt mit der öffentlichen Meinung der Araber in Palästina, die der jüdischen Einwanderung feindlich gesinnt ist. Den unmittelbaren Anlaß zur Erlassung des Verbotes dürfte ein Massentelegramm christlicher Araber aus Nazareth gegeben haben, die sich bei der Regierung darüber beschwerten, daß 100.000 russische Juden im Begriffe seien, Palästina zu überschwemmen. Dieses Telegramm wurde noch am selben Tage in der Konstantinopler „Turquie", dem Organ der französischen Missionäre veröffentlicht, um größere Wirkung zu erzielen. Es ist somit klar, wer hinter den Arabern steht. Das Telegramm der Araber von Nazareth ist wieder darauf zurückzuführen, daß dieselben durch die Grundkäufe des jüdischen Nationalfonds in ihrer Umgebung, dem fruchtbaren Tale von Emek Esrael, aufgeschreckt, sich von den Missionären zur Denunziation mißbrauchen ließen. Daraufhin hat die türkische Regierung, die wohl jetzt wegen der Kretafrage sich die inneren Schwierigkeiten rasch vom Halse schaffen möchte, das Verbot erlassen. Das Verbot bezieht sich erfreulicherweise nur auf die ausländischen Juden. Es ist eigentlich nicht neu, sondern bildet die Wiederholung eines seit 1882 bestehenden Verbotes, welches in den letzten Jahren faktisch außer Kraft war. Angesichts dieses Verbotes muß aber auch den ausländischen Juden in Palästina nachdrücklichst in Erinnerung gebracht werden, was ihnen Hofrath V a mbery bereits vor zwei Jahren in unserem Blatte zugerufen hat: sie müssen sobald als möglich selbst ottomanische Staatsbürger werden. Unsere Freunde und Gesinnungsgenossen werden gebeten, in den Cafes und Restaurants die „Neue National-Zeitung" zu verlangen!