Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 13 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 13 Die Judenvertreibnngen aus Kiew. Auf der dieser Tage in Kiew stattgefundenen Sitzung der Kommission für-Rechtsbeistand an die Ausgewiesenen wurde festgestellt, daß von 1150 Familien, über die die Ausweisung verfügt worden war, (abgesehen von den 238 Famlilien des Vorertes Demiewka) nur 170 in Kiew bleiben dürfen. — Daneben wurde noch in Kenntnis gebracht, daß in letzter Zeit immer neue Kreise in den Bann der Ausweisung gezogen werden. Die Zahl der Ausgewiesenen, die in der ursprünglichen Proskriptionsliste fehlten, wächst mit jedem Tag. Auch „Nachthetzen" (Haussuchungen in Privatwohnungen) auf wohnrechtslose Juden sind eingeführt worden. Aus Warschau wird über einen enormen Zuzug ausgewiesener Kiewer Juden berichtet. Chachambaschi Nahuin in Palästina. Aus Anlaß der bevorstehendeu Ankunft des Chaehambaschi werden in Jerusalem und in Jaffa umfassende Vorbereitungen getroffen. In beiden Städten haben sieh gemeinsame Komitees von Sefardim und Aschkenasim gebildet, um Rabbi Nahum würdig zu empfangen. Wie es verlautet, wird der Cehachambaschi definitiv kommenden Sonntag in Jaffa an Land gehen. Der Zar ist barmherzig! Aus Odessa wird der „N. J. K." berichtet: „Die Zeitungen brachten vor kurzem die Nachricht, daß der Statthalter vom Kaukasus sich beim Zaren dafür verwendet hat, daß es den Juden gestattet sein dürfe, die kaukasischen Kurorte krankheitshalber aufzusuchen. Einige Zeit darauf waren sogar in vielen Zeitungen die telegraphischen Mitteilungen der Kurortverwaltungen zu lesen, daß den Juden die Erlaubnis erteilt worden ist, sich kurhalber in den kaukasischen Warmbadeorten zwei Monate aufzuhalten. Dieser Tage erhielt nun Reichsdumaabgeordneter Friedmann aus Pjatigorsk vom Abgeordneten Eltekow folgendes Telegramm: „Viele Juden lassen sich teils von der vorjährigen Erlaubnis, teils von den Zeitungsberichten über die Bemühungen d^s Statthalters bestimmen, um die kaukasischen Mineralbäder aufzusuchen. Sie werden aber sofort durch die lokale Behörde ausgewiesen. Eine unverzügliche Lösung dieser Frage nach dieser oder jene Richtung tut not, damit den Kranken die zwecklosen Plackereien erspart bleiben." Die Nachsaison der Progromagitation. In diesem Jahre hat die Pogrom agitation der echtrussischen Preßorgane, die in der Regel um die Osterzeit ihre Saison hat, eine dauernde Nachsaison erhalten. Die ÄRußkoje Snamja" wird nicht müde, alltäglich „beglaubigte" Berichte aus allen Ecken und Enden Rußlands über verschwundene christliche Kinder zu bringen, die merkwürdigerweise samt und sonders in entlegenen Sümpfen mit aufgeschnittenen Hälsen aufgefunden worden seien. Dieses Parteiorgan des Verbandes des russischen Volkes hat es natürlich auch nicht unterlassen, aus der rätselhaften Kirchhofschändung zu Sambrow in seiner Weise Kapital zu schlagen. In rührender Eintracht mit dem polnischen „Goniec", wußte die „Rußkoje Snamja" zu berichten, daß die Kirchhofschändungen von der Sambrower jüdischen Gemeinde begangen worden seien. Im Anschluß daran wurden die Polen in spaltenlangen Artikeln aufgefordert, sich an den Juden zu rächen und einen regelrechten Pogrom zu veranstalten. Die Polen hätten bereits in Bjelostok gezeigt, daß auch sie zu einem unmittelbaren gesunden Ausbruch des beleidigten Volksgefühls gegen die Niedertracht der Juden fähig seien; dies habe seine guten Folgen gezeitigt, indem in Bjelostok die Unterdrückung durch Juden ein Ende genommen habe. Zum größten Leidwesen der „Rußkoje Snamja" haben sich aber die Polen nicht beeilt, seinem weisen Rat zu folgen. Inzwischen ist man nun auf die Spur der echten Missetäter gekommen und diese sind — Polen. Sir Moses Ezekiel, der berühmte jüdische Bildhauer in Rom, ist nach New-York abgereist, um bei der Errichtung mehrerer seiner monumentalen Statuen anwesend zu sein. Ezekiel stammt selbst aus Amerika, wo er im Jahre 1844 in Richmond (Virginien) geboren wurde. Der Künstler, der in Rom eine hervorragende Stellung einnimmt, hat zahlreiche plastische Darstellungen biblischer Figuren wie „Kain", „Adam und Eva", „Königin Esther" usw. geschaffen. Ein Kongress der Karaiten. Wie „Rjetsch" berichtet, hat der oberste Chacham der Karaiten in Rußland von der Regierung die Erlaubnis erhalten, im Juli und August dieses Jahres am Sitze des geistlichen Oberhauptes der Karäer, in Eupatoria, einen Kongreß dieser Religionsgesellschaft abzuhalten. Es sind Unterhandlungen im Zuge, daß der Besuch dieses Kongresses auch Delegierten der außerhalb Rußland bestehenden Karäergemeinden möglich gemacht werde. Infolge einer Beschwerde der karaitischen geistlichen Oberbehörde erließ der Minister des Innern an sämtliche Gouverneure ein Zirkular, in welchem es u. a. heißt : „Karaiten stehen unter dem Schutze der allgemeinen Staatsgesetze und besitzen die gleichen Rechte, wie alle russischen Untertanen und können daher ihnen gegenüber die auf Juden bezughabenden Ausnahmsgesetze keine Anwendung finden." Für die Aufhebung des Ansiedlnngsrayons haben sich in der russischen Duma 166 Abgeordnete ausgesprochen, indem sie einen darauf lautenden Antrag einbrachten. In den Motiven dieses Antrages heißt es : Die vom Ministerium des Innern eingebrachte Vorlage, betreffend die Unantastbarkeit der Person, läßt Domizilbeschränkungen für Bürger zu, die in der Vorlage besonders angeführt sind. Das Expose zu der Vorlage erklärt, die Initiative zur Aufhebung des Ansässigkeitsrayons für die Juden müsse von der Volksvertretung ausgehen. Der Antrag der Abgeordneten weist darauf hin, das Fortbestehen der Domizilbeschränkungen für die Juden in dem erneuerten Rußland sei äußerst ungerecht, widerspreche dem Manifest vom 30. November, füge dem Staate direkt Schaden zu, dämme die wirtschaftliche Entwicklung ein, zu der alle Bürger ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität beizutragen berufen seien, und trage zur Demoralisierung eines Teiles der Staatsverwaltung bei, welche die Domizilbeschränkung der Juden zum eigenen Vorteil ausnütze, indem sie Umgehungen des Gesetzes gestatte. Der Antrag lautet daher : „Die in unserer heutzutage bestehenden Gesetzgebung enthaltenen Einschränkungen der Juden im Rechte der Wahl ihres Aufenthaltsortes und der Freizügigkeit werden abgeschafft." Der Führer der Gemäßigten, Graf W. B o b ry n s k iv der bekannte Panslavist, erklärte Vertretern der Presse gegenüber, daß er die Einbringung dieser Vorlage als große Unvorsichtigkeit betrachte. Er nehme an, daß die Vorlage in der zuständigen Kommission ad calendas graecas stecken bleiben' werde; sollte indes die Duma die Vorlage annehmen, sowerde die vierte Duma in ihrer tiberwiegenden Majorität aus Mitgliedern des Verbandes des russischen Volkes besteben;: dies werde die Antwort des Landes auf die Annahme der Vorlage sein. — Graf Bobrynski erklärte, er bedauere die arme jüdische Masse, er sehe indes absolut keinen Ausweg, aus dem gegenwärtigen Zustande. Die Naturalisierang von Jaden in Rumänien. Die rumänische Regierung hat sich endlich herbeigelassen, 15 reiche Juden, deren Naturalisierungsgesuch seit Jahren unerledigt geblieben ist, zu rumänischen Bürgern zu ernennen. Daß das Parlament im Sinne des Gesetzes um seine Zustimmung befragt wurde und daß das Parlament die Zustimmung hierzu gegeben hat, ist eine formalistische Komödie und darf nicht etwa als ein Zeichen eingetretener Gesinnungs— änderung zugunsten der Jnden aufgefaßt werden. Allerdingsscheint dieser Schritt unter dem Eindrucke der jüngsten Pro—