Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 13 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 13 Konstituierende Generalversammlung des „Verbandes der östlichen Juden" in Wien *) Montag den 20. d. M. fand im Restaurant Guth die konstituierende Generalversammlung des „Verbandes der östlichen Juden" statt. Die Versammlung war trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit sehr gut besucht und wurde im Namen der Proponenten von Dr. S. R. Landau eröffnet Der Vorsitzende schilderte in großen Zügen die Aufgaben und den Zweck des Verbandes, die ja durch den Namen selbst gegeben sind. Der Verband sei weder ein Kampf-, noch ein Trutz-, sondern ein Schutzverein. Er will ein Zentrum der gegenseitigen Annäherung und des Gedankenaustausches für die in Wien wohnenden östlichen Juden, aber auch der gemeinsamen Arbeit für die Juden des Ostens bilden. An der Hand der Statuten wies der Redner nach, wie jedes der gesteckten Ziele tatsächlich einem brennenden Bedürfnisse der östlichen Juden entspreche. So sei unbedingt eine Enquete über die Lage des jüdischen Proletariates in Wien und im Osten notwendig, da nur auf Basis einer genauen sozialen Diagnose eine erfolgreiche Hilfsaktion eingeleitet werden kann. Und gerade dieser Hilfsaktion für die östlichen Juden, die jetzt auf der Tagesordnung der jüdischen öffentlichen Meinung in Europa steht, die bereits verschiedene jüdische Organisationen in Wien und Berlin auf ihr Banner geschrieben haben, müssen sich in erster Linie die östlichen Juden zur Verfügung stellen, weil sie ja die politische und soziale Not ihrer Brüder nicht bloß aus Zeitungsartikeln, sondern aus ihren eigenen Erlebnissen kennen. Der Verband werde auch durch die Gründung einer jüdischen Volkslesehalle und durch die Schaffung einer unentgeltlichen juristischen Sprechstunde der ärmeren jüdischen Bevölkerungsklasse geistige Nahrung und Hilfe in mehrfachen schwierigen Lebenssituationen schaffen. Der Verband wird und soll daher auf seinem Gebiete bahnbrechend wirken, da das ostjüdische Problem nur von ostjüdischer Seite richtig verstanden und behandelt werden kann. Zum Schlüsse appelliert Redner an die Versammlung, durch energische Agitation dem Vereine Mitglieder und Mittel zu verschaffen. Diese Ausführungen entsprachen vollkommen den Ansichten der Versammlung und fanden daher auch allgemeinen Beifall. Es ergriff hierauf das Wort Hof- und Gerichts-Advokat Dr. Max Jakobsohn, welcher dem Vorsitzenden Dr. Landau für seine Initiative zur Gründung des Verbandes und für die Leitung der Vorarbeiten im Namen der Versammlung den wärmsten Dank aussprach. Ueber Antrag des Dr. Jakobsohn wurden sohin nachstehende Vereinsfunktionäre gewählt: Vereinsvorstand: 1. Herr Isidor Be 1 f, Kaufmann. 2. „ Adolf B o j k o, TDaraen-Konfektiönär. 3. „' Dr. B. Ebner, Höf- - und Gerichtsadvokat. 4 , Joachim Halberstamm,Fleisch-Kommissionär. 5. „ Leo H e i 1 p e r n, Fleisch-Kommissionär, 6. „.; Saul Klausner, Kaufmann. 7. „ ■ Dr. Max Jakobs o h n,'Hof- und Geriehtsadvokat. 8. „ Dr. S. K. Landau, Hof- und Gerichtsadvokat. 9. „ Max Markus, Disponent . ,r.,. lO , Dr. Tobias P o n i k av e r, Arzt ' 11. „ Ignaz Sil b e r, Apotheker.' ir 12. „ A. H. Sporer, Vefsicherungs-Konsulent." *) Der Schlußartikel über .den „.Verband" mußte vegen Raummangel für die nächste Kummer zurückgestellt Werden. Die Redaktion. Revisoren: Herr Emil E h r 1 i ch, Bankbeamter. r Adolf Knopf, Kaufmann. Schiedsrichter: Herr Salo Braff, Kaufmann. „ Max Falk, Ingenieur. „ Josias Goldschmidt, Juwelier. „ Jacob März, Kaufmann. Einige Stellen im Ausschusse sowie eine Stelle für einen Juristen im Schiedsgericht wurden mit Zustimmung der Versammlung unbesetzt gelassen, da von den in Aussicht genommenen Persönlichkeiten infolge ihrer Ferienreisen die bezüglichen Erklärungen noch nicht eingelangt sind. Den nächsten Punkt der Tagesordnung bildete die Festsetzungeines Jahresbeitrages für ordentliche Mitglieder und wurde als solcher der Betrag von 6 K bestimmt. Damit war die Tagesordnung erschöpft und es entwickelte sich noch eine Diskussion über die nächsten Arbeiten des Verbandes, an der sich insbesondere die Herren A. H. S p o r e r, Max Markus und Dr. Jakobsohn beteiligten. In später Stunde schloß der Vorsitzende die Versammlung mit dem Danke an die Teilnehmer und mit einem neuerlichen Appell an dieselben, auch während des Sommers für den Verband eine werbende Tätigkeit zu entwickeln. In den nächsten Tagen erfolgt die eigentliche Konstituierung des Vorstandes. Oberrabbiner t)r. öüdemann, die „Oesterr. Wochenschrift" und die verbotenen Selchwaren. Im Jänner d. J. hat bekanntlich das Wiener Rabbinat im Einvernehmen mit dem Kultusvorstande sich endlich entschlossen, wider die Selch Warenfabrikanten P i o w a t y, Th eum an n und Ehr lieh (Tauria) ein öffentliches Verbot zu erlassen und in demselben kundzugeben, daß die in den genannten Fabriken erzeugten Selchwaren t r e f e sind. Dieses Verbot hat das Organ des Kultuspräsidenten, welches ja für die Veröffentlichung der Gemeinde- und Rabbinatskundmachungen ein Jahrespauschale bekommt, seinen Lesern verschwiegen und hat sich bloß damit begnügt, bei den Reklame-Inseraten der drei T refe-Selchfabrikanten die hebräische Bezeichnung „koscher" wegzulassen. Wiewohl wir von seiten vieler Leser gedrängt wurden, diesem Vorgange unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden, haben wir dies nicht getan, um nicht den Eindruck der Animositätzu erwecken. Nun zwingt uns aber ein anderer Umstand, auf. diese Frage jetzt zurückzukommen. In obigem Verbote des Rabbinates heißt es ausdrücklich, daß die Erzeugnisse der drei Fabrikanten aus T r e f e-Fleisch hergestellt werden. Allein aus einem Briefe der „Oesterr. Wochenschrift" an einen Abonnenten, dem die plötzliche Metamorphose bei den Inseraten aufgefallen ist, erfahren wir etwas ganz anderes: Das Verbot wurde einzig und allein— behauptet die „Oesterr. Wochenschrift" — „infolge von Differenzenz wi sehen de m Ob er r a b b i n er u n d e i n i g e n G r oß s.e Lc h e r f a b r i k e n" erlassen. Welcher Art diese; Differenzen waren, . ob sachlicher oder persönlicher Natur, wird nicht angegeben.. Dagegen erklärt die „Oesterr. Wochenschrift*, daßihr der Anlaß, den das Rabbinat zu diesem Schritte hatte* ni cht bekannt sei. Der zitierte Brief,- der, uns ,zum Zwecke der Publikation übermittelt wird, lautet: