Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 13 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 „Neue National-Zeitung' Seite 3 schwemmt, die den klassisch-zynischen Vermerk tragen: -„Zu drucken gestattet. General Trepow." *) So wird von langer Hand zielbewußt und planmäßig die Pogromatmosphäre erzeugt und die Mordstimmung gezüchtet, so daß es schließlich nur noch -eines unbedeutenden Anlasses bedarf, um sie zuRaub- und Mordexzessen zu verdichten. Wenn der Pogrom schon gewissermaßen in der Luft -schwebt, wird, dem „carpe diem!"-Grundsatze der russischen Bureaukrätie gemäß, die Gelegenheit benützt, um außer den „ordentlichen" mannigfaltigen „Wsjatki* '(Erpressungen) von den Juden noch eine beträchtliche extraordinäre Pogromsteuer für den angeblichen „Schutz" zu erheben. Dann wird der Pogromapparat in Bewegung gesetzt ... „Es beginnt..." Eine offiziell veranstaltete oder bestenfalls genehmigte und jedenfalls begünstigte »patriotische" Manifestation, an deren Spitze fast stets die höchsten Vertreter der örtlichen Regierungsorgane und Geistlichkeit einherschreiten, leitet in der Regel den Pogrom ein. Bald aber räumen die leitenden Würdenträger ihren Platz den — vollziehenden Organen, denen offiziell die Parole der „Nichtbehinderung der national-patriotischen ■Gefühlsäußerungen" — alias die aktivste Teilnahme am Pogrom kundgegeben wird. Auf den offiziellen Teil der Manifestation folgt nun der offiziöse .. . (Schluß folgt.) POLITISCHE RUNDSCHAU. Pari am entar i sehe Huligans. Die antisemitischen Hetzer Gregorig, Schneider, Bfesnovsky „ zieren" das österreichische Parlament nicht mehr; ihre eigene Partei hat sie zu den politischen Toten geworfen. Die Judenhetze hat für kurze Zeit im Parlament geruht. Seitdem der aufgeblasene Hohlkopf und Streber Dr. P a 11 a i zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses gewählt wurde, haben sich die Verhältnisse geändert. Unter ^Mißbrauch seiner Stellung duldet Herr Pattai antisemitische Ausfälle und scheut selbst davor nicht zurück, wenn er von meinem Präsidentenstuhl herabsteigt, antisemitischen Reden (Beifall zu klatschen. Herr Pattai, der „Patent-Deutsche", fkennt in seinem Judenhasse keinen Unterschied der Nationalität. Auch dem Tschechen Myslivec spendet er Beifall zu •seinem antisemitischen Pöbelton; er deckt als Präsident den Wenzel Myslivec mit seiner Autorität, wenn dieser unter Akkompagnement seines Bruders von der parlamentarischen '.Tribüne zu Pogroms auffordert. Unter dem Patronate des Präsidenten haben sich im österreichischen Parlamente Huligans etabliert. „Das rote Meer". Wenzel Myslivec hat im Parlamente den österreichischen Juden mit Pogroms, mit einnm »roten Meer" gedroht. Dieser Huligan ist seiher politischen Stellung nach kein „Wilder"; er gehört vielmehr der tschechischen Agrarpartei an, die über eine stattliche Abgeordnetenanzahl verfügt und sich anschickt, als politische JIrbiri der Jungtschechen die Vorherrschaft im tschechischen Volke an sich zu reißen. Seine eigene Partei hat ihn bisher *) Auf die Frage eines höheren Beamten, welch einen Erfolg die verbreiteten Hetzschriften haben, gab Kammissaro w :zur Antwort: „Man kann einen beliebigen Pogrom veranstalten: wenn Sie wollen auf 10, aber auch auf 10 00O Menschen.. nicht desavouirt und es fällt daher auch auf sie die ganze Schmach dieses Huliganentums. Die Tschechen „mosaischer Konfession* mögen sich freuen. Ihr Chauvinismus, ihre tschechische Amtssprache in den Kultusgemeinden, ihre Zugehörigkeit zum tschechischen Wahlkataster in Mähren wird ihnen nichts nützen, wenn der durch die immunen Reden des tschechischen Kruschewan fanatisierte Mob mit Pogroms anfängt. Denn sie werden die ersten sein, wenn Myslivec und seine Hintermänner einmal losgehen. Vornehme Abgeordnete Die jüdischen Abgeordneten haben wie stets während der Ausführungen des Myslivec ihre vornehme Natur nicht verleugnet. Wenn der parlamentarische Huligan in dieser blutrünstigen Weise die Deutschen oder die Sozialdemokraten oder wenn ein deutscher Abgeordneter die Tschechen ähnlich überfallen hätte, dann wäre es ihm sehr schlecht ergangen. Er hätte die Züchtigungen bekommen, die er verdient : moralische und vielleicht auch physische. Seine Provokationen hätten in der sonst im Österreichischen Parlamente üblichen Sprache die entsprechende Kennzeichnung erhalten. Unsere jüdischen Abgeordneten haben sich sehr vornehm verhalten: sie haben dazwischen gerufen, und — welche Ironie! — von einem Pattai den Ordnungsruf verlangt. Auch von dem parlamentarischen Mittel, im Wege der tatsächlichen Berichtigung dem Myslivec auf die Finger zu klopfen, hat von den 13 jüdischen Abgeordneten keiner Gebrauch gemacht. Es ist dies eben schwerer als eine vorbereitete Rede zu halten. Dazu gehören Muth, Geistesgegenwart und parlamentarische Routine. Ein Kuhhandel auf Kostender Juden? Der Obmann der Polnischen Volkspartei, Herr Jan Stapinski, bat in der letzten Zeit viel Wasser in den Wein seines radikalen Programmes gegossen. Er ist seit einigen Monaten merkwürdig still geworden. Seine Agitation gegen den Finanzminister Dr. von Bilinski ist zu Ende, denn zwei Millionen aus dem Staatsschatze zur Liquidierung der Parzellierungsbank sind keine Bagatelle. Und auch die Beziehungen zu dem bisher als erz-reaktionär verschrieenen Statthalter Bobrzynski sind über Nacht sehr freundliche geworden. Herr Stapinski und seine . Bauern schleichen sich jetzt im Polenklub nur auf den Fußspitzen; sie essen den Stanczyken, ihren Erzfeinden, nur so aus der Hand. Was geht denn da vor? Der letzte Parteitag der Volkspartei in Taraow hat über diese Wandlung Klarheit verschafft. Stapinski will die Schank-Konzessionen für seine Bauern haben. Sie schimpfen zwar Über den demoralisierenden Branntwein, aber nur so lange ihn die Juden aussschänken. Die Schankkonzessionen soll den Kitt bilden, um das zerrüttete Gefüge der StapinsM-Partei zusammenzuhalten. Daher die Anbiederung Stapinski an den Statthalter, der bisher den loyalen Standpunkt eingenommen hat, daß bei der Vergebung der Konzessionen die bisherigen Schanker in erster Linie zu berücksichtigen sind. Wir glauben aber nicht, daß Statthalter Bobrzynski diesen JKuhhandel auf Kosten von Tausenden jüdischer Familien, die dem Hungertode ausgeliefert werden sollen und unter Preisgebung seiner Enunziationen mit Stapinski abschließen wird. Zwei Millionen Kronen aus Steuergeldern und Schank-Konzessionen, das ist die ephemere Freundschaft eines Herrn Stapinski füi die Regierung und für den Statthalter nicht wert.