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Neue Nationalzeitung · 1910-06-24 · Heft 13 (24.6.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 13 (24.6.1910)
Date
1910-06-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 13 Reaktion in Rußland sich seit den Achtzigerjahren des verflossenen Jahrhunderts mit besonderer Vorliebe des altbewährten Mittels der Judenmassakres zur Entladung des angehäuften Volkszornes bedienten. Und doch sind die Pogrome nicht bloß eine Form der Kontrerevolution; sie sind viel mehr — sie sind auch das historische Ergebnis des Goluslebens, dieser allgemeinen Grundlage jener schauderhaften Ereignisse. Sind die Pogrome einerseits mit der Geschichte der russischen Revolutionskämpfe eng verbunden, so bilden sie doch andererseits eine von der ganzen jüdischen Golusgeschichte unzertrennliche und aus ihrer innersten Logik unausweichlich resultierende Erscheinung. Auf der russischen Bureaukratie lastet die schmachvolle Schuld der zielbewußten Organisation der Pogrome; die für den Erfolg der Pogromhetze notwendigen Voraussetzungen aber waren in der historisch bedingten Boden- und Machtlosigkeit des jüdischen Lebens gegeben. Nur weil die Juden im Staate den Ort des geringsten Widerstandes gegenüber dem in den geknechteten Bevölkerungsschichten angehäuften Explosivstoffe bilden, gerade deshalb können sie von den im sozialen und politischen Kampfe gegeneinander prallenden gesellschaftlichen Gruppen als Mittel für ihre Zwecke ausgenützt werden. Die Reaktion wollte — nach einem geflügelten Worte ihres würdigsten Repräsentanten Plehwe — „im jüdischen Blute die russische Revolution ertränken". Zu diesem Zwecke wird diese letztere als „jüdisches Machwerk" hingestellt, ein demagogischer Kunstgriff, um die Revolution in den Augen der Außenwelt sowie der unbewußten Volksmassen in Mißkredit zu bringen. Die Juden selbst werden dabei als die gefährlichsten Ausbeuter der Volksmassen geschildert. Viel bedenklicher aber und für die jüdische Unsicherheit bezeichnender ist der Umstand, daß sogar die Revolutionäre in den Anfängen der Befreiungsbewegung hie und da von einer wenn auch nicht der konkreten Motivation, so doch dem Prinzip nach analogen — utilitaristischen Betrachtung der Pogrome ausgingen. So gelangten die Narodowolzy zur absurden Anschauung, „daß die Juden und die russische Regierung so gut wie verbündete Parteien seien, gegen deren vereinte Macht die Pogrome sich richteten". (I. p. 53.) Zu einem besonders markanten Ausdruck kommt diese mit den Grundsätzen sozialistischer Politik und Ethik wohl schwer in Einklang zu bringende, innerlich widerspruchsvolle Anschauung in folgenden Auslassungen des offiziellen sozial-revolutionären Organs „Narodnaja Wolja" (vom 22. Juli 1881): „Die antijüdische Bewegung, nicht von uns hervorgerufen und gestaltet, ist dessenungeachtet sowohl ihrem Wesen als ihrem Zeitausdruck nach ein Echo unserer Tätigkeit". Was Wunder nun, daß wir auf revolutionären Flugblättern jener Zeit neben der Losung „Land und Freiheit" Parole wie „Die Juden sind am 3. Mai zu hauen!" lesen. (I. p. 47.) Wie charakteristisch ist nun diese unerträgliche Stellung zwischen dem Hammer der Revolution und dem Ambos der Reaktion für das an inneren Widersprüchen und äußeren Kollisionen so überreiche Schicksal der Juden ... * * * Ist ja die gesamte Judenpolitik der zaristischen Bureaukratie in den letzten 30 Jahren nichts anderes als ein chronischer permanenter Pogrom, der sich der raffiniertesten Mittel der Bedrückung bedient und der in kritischen Momenten der Volksaufwallung und politischer Hochflut die akuteste Form der Judenmetzeleien annimmt. Alles ist hier streng durchdacht, kalt erwogen und planmäßig organisiert — ein ausgezeichnet funktionierender Pogromapparat. An der Spitze dieses Apparates steht eine mächtige, der allgemeinen Regierung parallele Pogromregierung aus Vertretern der höchsten Obrigkeit. *) Diese Nebenregierung verfügt über das weitverzweigte Pogrombündnis der Polizei, eines bedeutenden Teiles des Militärs, der Geistlichkeit und endlich des rabiaten Gesindels der besoldeten Schwarzen Hunderte. Die edlen Vertreter dieser letzteren vereinigen in ihrer Person die Rolle von Pogrom- und Mordagenten des „Verbandes echtrussischer Leute" und von Spitzeln und agents provocateur im Dienste der Polizei. Es würde uns viel zu weit führen, wollten wir hier die Rolle jedes dieser Faktoren in allen Stadien des Pogroms gesondert aufdecken. Auch ist sie selbstredend nach Ort und Umständen verschieden. Doch läßt sich ein annäherndes typisches Gesamtbild der Pogrominszenierung entwerfen, das sich mit unbedeutenden Variationen fast überall wiederholt. Pogrome, die ohne die direkte oder indirekte Mitwirkung oder gar gegen den Willen der örtlichen Machtfaktoren zustande kamen, bilden höchst seltene und vereinzelt dastehende Ausnahmen. Als Regel gilt die allgemeine klar-zynisch oder maskiert-heuchlerisch ausgegebene Parole: „Haut, wir sind für euch und mit euch!" Und über die vollste Aufrichtigkeit dieser Parole konnte das Raub- und Mordgesindel keinen Augenblick im Zweifel sein, denn — vor, während und nach dem Pogrom — stets und überall offenbarte sich die provozierende, leitende und schützende Hand der bureaukratischen Clique. * * * Jahrein, jahraus wird seit Jahrzehnten von den offiziellen und offiziösen Regierungsorganen den breiten Schichten der Bevölkerung das Pogromgift eingeimpft. Tagein, tagaus wird den ohnehin nicht an Ueberfluß von Kultur und von Liebesgefühlen für die Juden leidenden Volksmassen von der aus Volksgeldern erhaltenen Pogrompresse der Gedanke suggeriert, daß der Jude überhaupt nicht zur Spezies „Mensch" gezählt werden darf, daß er der Born allen Uebels auf Erden ist, daß man ihn deshalb stets und überall unbestraft verfolgt und geschlagen hat. Die unglaublichsten Gerüchte über angeblichen Hochverrat, Massenmordplänen,**) Kirchenschändung, Ritualmord und sonstigen boshaft erlogenen Greueltaten der Juden werden systematisch und unablässig in der Masse verbreitet. „Du willst und sollst ciie Juden hauen," hört der russische Massenmensch unaufhörlich von kompetentester Stelle. Und wenn er früher auch nicht wollte, schließlich mußte er selbst daran glauben. Im Polizei departement funktioniert regelmäßig mehrere Jahre hindurch unter der Leitung des Gendarmerie-Offiziers Kommissarow eine Pogromschriftendruckerei, die das ganze Reich mit blutrünstigen Mordaufrufen und Hetzschriften gegen die Juden über- *) Zur Zeit der Oktobennassakres standen an deren Spitze der Palastkommandant General Trepow und General Bogdanowitseh. **) In 'Odessa gingen in der Nacht vor dem Pogrom Schutzleute von Haus zu Haus und riefen: „Erwacht, Rechtgläubige, die Juden kommen, um alle Christen zu morden!"

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