Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 13 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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nsüs NKIONftL-ZBCUNG fiERflUSGBBBR*. DrS.R.LflNDflU XII. JAHRGANG. WIEN, 24. JUNI 1910. Nr. 13. Aus den Tagen des Grauens und Wahnsinns. Von Maxim Anin. „Vae victis!" Aus allen Zeitpunkten menschlicher Geschichte schallt dieser mordlustige Ruf zu uns herüber. Ins Jüdische übertragen: „Wehe euch, Schwachen, weil ihr schwach seid! Ihr trägt keine Schuld? Ihr habt euch am Kampfe überhaupt nicht beteiligt? Schwach seid ihr — und das genügt, um btets und überall als tertius plorans (als tertius gaudens sehen wir den Juden fast nie) von rechts und links die Hiebe entgegenzunehmen. Der Historiker menschlicher Bestialität wird sich in erster Reihe dem jüdischen Martyrolog zuzuwenden haben, insbesondere in Perioden historischer Umwälzungen und Krisen. Der Jude als Blitzableiter im sozialen, politischen und ökonomischen Gewitter — ein unerschöpfliches Thema auch für den Kulturhistoriker und Soziologen. Zur Zeit der eisten Pogromflut in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war es der geniale russische Satiriker Schtschedrin, der diesen unermeßlich tiefen Schmerz des Judenloses erfaßte und ihm beredten Ausdruck gab: „Die Geschichte der Menschheit ist ein endloses Martyrium, aber zu gleicher Zeit eine endlose Erhellung. In der Sphäre des Martyriums nimmt das Judengeschlecht den ersten Platz ein, in der Sphäre der Erhellung steht es abseits,, als ob die hellstrahlenden Perspektiven der Geschichte es gar nicht angingen .. Wie oft sind die kritischen Momente, in denen das Leben der Herrennationen in mächtigem Widerstreit frei waltender sozialer Kräfte neue Formen des kulturellen Schaffens und gesellschaftlichen Aufschwunges schmiedet, wie oft sind gerade diese Momente für das jüdische Volk die entsetzlichsten Momente des Grauens und Wahnsinns ... Ein Dokument aus solchen Tagen des grauenhaften, an Wahnsinn grenzenden Schreckens aus allerjüngster Zeit, aus jenen Tagen, wo die kaumgeborene, in den Windeln erdrosselte russische Freiheit da«; uralte, ewig junge jüdische Sklavenlos wieder einmal in seiner immensen Tragik aufgerollt hat, ein solches Dokument liegt vor uns: „Die Judenpogrome in Rußland".*) Es kann natürlich nicht meine Aufgabe sein, den Inhalt dieses wert- und verdienstvollen Werkes hier wiederzugeben. Es will und muß gelesen werden. Es lehrt uns brennender hassen, tiefer verachten, inniger lieben — Gefühle, die bei uns Juden am allerwenigsten wirksam sind und die doch die unumgängliche Vorstufe der seelischen Ueberwindung unserer Jahrhunderte alten Goluspsyche bilden. Reagierten wir doch bisher auf die Metzeleien fast ausnahmslos durch — Fasten, Gebete und kriecherische Untertänigkeit, zweifellos recht wenig geeignete Abwehrmittel gegen Meuchelmord und Raub. Die Aufgabe der folgenden Zeilen ist, die wichtigsten allgemeinsten Lehren aus dem ungeheuren Tatsachenmaterial des genannten Werkes zu ziehen und insbesondere die schmachvolle Rolle der offiziellen Ma chtfaktoren vor, während und nach den Pogromen kurz zu skizzieren. * * Judenpogrome und Kontrerevolution — wir sind gewöhnt, diese beiden Begriffe stets in engstem Zusammenhange gebraucht zu hören. Ja, nicht selten kann man die Meinung vernehmen, die Pogrome seien ihrem Wesen nach eben nichts anderes als eine der schärfsten Aeußerungen der Kontrerevolution. Nun, so einfach liegen die Dinge doch nicht. Wahr ist es, daß die *) Herausgegeben im Auftrage des Zionistischen Hilfsfonds in London von der zur Erforschung der Pogroms eingesetzten Kommission. 2 Bände. Köln und Leipzig. Jüdischer Verlag. 1910. Bd. I: Allgemeiner Teil. Bd. II: Einzeldarstellungen. Die überwiegende Mehrzahl der Beiträge entstammen der Feder A. Lindens,