Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 12 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 „Neue National-Zeitung" Seite 11 So wogte der Kampf hierhin und dorthin. In-, zwischen ging es im Hause Ahroas trübe genug her Gitl schlich im verschwiegenen Leide herum, Rosl wurde immer bleicher, Ahron, verbittert und gereizt, dachte gar nicht mehr an seine Wahl. Das Amt des Rosch- Hakohol, das früher so ersehnte, war ihm gleichgiltig geworden. „Wie kann jemand, der nicht Macht im eigenen Hause besitzt, über andere herrschen?" fragte er sich in richtiger Selbsterkenntnis. Salman und Jekew hörten von dieser Stimmung des Gegners und triumphierten. „Man muß jede Sache beim richtigen Ende fassen", sagte der gewiegte Geschäftmann, „dann sind Sieg und Erfolg gesichert. Wer Wahlen so zu machen versteht wie ich, wird auch der richtige Rosch-Hakohol sein." Salman war mit sich sehr zufrieden. VI. Und es kam der Wahltag. Goldig schien die Herbstsonne und überflutete mit ihren noch immer warmen Strahlen die dunkle Gasse. In der ging es heute lebhaft zu. Massenhaft strömten die Wähler ins Gemeindehaus, ein altes Gebäude mit einem Wappen an der Front, das bezeugte, daß die Juden dieser Gemeinde einst unter der Herrschaft eines mächtigen geistlichen Fürsten gestanden. Stolz, erhobenen Hauptes wandelte Jekew einher. Er hielt sich schon für den Helden des Tages, der das Schlachtfeld siegreich behaupten werde. Der Leute Baruchs war er sicher. Und diese mußten den Sieg Salmans entscheiden. Der hielt sich in seiner Rechenstube auf, die er eifrig durchmaß, eine Pfeife nach der andern rauchend. Reb Ahron hatte sich in seiner Stube eingesperrt. Ihm war die ganze Wahl zuwider geworden. Er wollte von nichts wissen. Es war ihm ganz gleichgiltig, ob er oder ein anderer siegreich aus der Wahl hervorginge. Nur dem Salman gönnte er den etwaigen Sieg nicht. Weit war es mit der Gemeinde gekommen, daß dieser überhaupt hoffen konnte, Oberhaupt der Gemeinde zu werden. Der letzte Rosch-Hakohol war ein Gelehrter vom alten Schlage gewesen. Ein zwar schwacher, aber wahrhaft ehrwürdiger Mann. Man erzählte sich, daß der eigentliche Leiter der Killah Jossef gewesen, der Sehammes, der Schlaukopf, auf dessen Rat der impraktische Talmudist sich verließ. ,,Auch keine gesunden Zustände," murmelte nachdenklich Reb Ahron vor sich hin. „Die Diener sitzen zu Pferde und die Herren gehen zu Fuß einher. Aber Reb Gedaljah, Gott hab ihn selig, war wenigstens ein Gelehrter. Und wer Thorah besitzt, kann nicht ganz unwürdig eines Amtes sein. Jetzt aber wollen sie sich Salman wählen. Weit ist es mit der Killah gekommen, wenn dieser Geldmensch sie leiten sollte." Geldmensch! War er nicht auch ein solcher? Er wollte seine Tochter Baruch geben. Was unterschied diesen von Salman? „War es von mir recht?" — sprach Ahron, dessen bessere Natur zu erwachen schien, zu sich — „daß ich Dr. David von mir gewiesen? Diesen edlen, guten Menschen, den die Armen vergötterten. Wie hat er gesagt? Ich liebe Rosl. Was Liebe ist, das weiß ich freilich nicht recht zu erklären. Wir alle, wir Alten haben, auch ohne Liebe, geheiratet. Und sind glücklich geworden. Ich und meine Gitl, jahrelang leben wir nebeneinander, kein häßliches Wort ist zwischen uns gefallen, wir sind zufrieden gewesen mit dem, was uns der Heilige, gepriesen sei sein Nnme, bescheerte und, wenn er uns noch einige Jahre schenkt, werden wir, vereinigt in Frieden und Glückseligkeit, zusammen dies Dasein verbringen. Aber, hatte nicht Rosl behauptet, ohne David gebe es für sie kein Glück. Und er wünschte das Glück seines Kindes. Nur wollte er es auf Geld aufbauen. Geld und wieder Geld. Das verwünschte Geld. Wie wird er es ansehen können, wenn sein Kind trotz des Geldes unglücklich wird? Schauderhafter Gedanke. Und, wenn er er recht überlegte, konnte sein Kind an der Seite dieses Baruch glücklich werden? Ein großer Unterschied zwischen diesem und David. Man rühmte zwar Baruch nach, er unterstütze ärmere Kaufleute. Aber von dem guten Herzen des Mannes hatte noch nie jemand gesprochen. Dagegen rühmten sie alle den edlen David. Liebe, vielleicht war dies auch einer von den Begriffen, den die Alten nicht verstanden, über den sie sich von den Jungen belehren lassen mußten. Er blickte durchs Fenster. Im Westen erglühte es. Einen herrlichen Anblick bot der Himmel dar. Die Sonne warf der dunklen Gasse die letzten Abschiedsgrüsse zu. Jetzt mußte sich die Wahl bald entscheiden. Dies sagten sich auch Rosl und David, die im Nebengemache traulich plauderten, leise sich die Schwüre ewiger Liebe und Treue wiederholend, während Gitl beim Scheine der Abendlampe in einem ehrwürdigen, dicken Buche las, nur hie und da einen zärtlichen Blick auf „die Kinder" warf. Bei ihr war es beschlossene Tatsache, dem Glücke ihrer Tochter nicht im Wege zu stehen. Wenn nur diese Wahl vorüber wäre, dann wollte sie ihr Wort für Rosl bei dem Vater einlegen. Der werde auch nicht unerbittlich sein. Sie kannte ihn zu gut. Wenn man Jahre miteinander lebt, lernt man sich kennen. Baruch besaß Geld, aber David besaß das, was Baruch fehlte, Herz. Und hatte sie nicht in ihren alten Büchern gelesen, daß die Religion Herz verlange? Sollte sie dem Glücke ihres Kindes im Wege stehen? Gitl, die zärtlichste der Mütter? Lag nicht vor David die Zukunft? Konnte sich diese nicht glänzend gestalten? Soeben hatte sie den Satz gelesen: „Alle Vergehungen bedecket die Liebe." Ein schöner, ein herrlicher Vers. Und gemäß diesem Satze wollte sie handeln. Von der Straße hörte man ein wildes Lärmen. Da streiten sie sich herum, sprach sie vor sich hin, um ein Amt. Und sie sollten sich untereinander lieben. Haß erregt Streit. Wahr hat der alte, weise König geredet. Einer will mehr sein als der andere. Die törichten Menschen. Verbittern sich das bischen Leben. Und das Ende? Der Sarg aus ungehobelten Brettern. Wenn sie doch das Ende bedächten! Das tun sie aber nicht. Gehen ihren Leidenschaften nach. Unruhe i s t ihr Leben und friedlich sollte es sein. Jossef war es, der Gitl in ihren philosophischen Gedanken, Rosl und David in ihrem Liebesgespräche stört. Hastig rieß er die Türe auf. „Sieg, Sieg", rief er freudig aus, „die Anhänger Baruchs haben unsere Sache entschieden, unser ist der Erfolg und Baruch macht in Pest seine Geschäfte. Masol Tow! Frau Gitl, Masol Tow, Herr Doktor! Reb Ahron wurde zum Rosch-Hakohol gewählt und Salman und sein Adjutant Jekew weinen auf den Trümmern, zwar nicht Jerusalems, aber ihrer Pläne. Wir haben ihnen ausgezahlt." Ahron war unbemerkt auf der Schwelle des Gemaches erschienen. 8Was sagt Ihr? Jossef," fragte er diesen verwundert. „Daß die Killah, Sie Reb Ahron, aber ohne Baruchs Beihilfe, zum Rosch-Halkohol gewählt hat. Nehmen Sie meine Glückwünsche hin. Mögen Sie aber auch das Glück Ihrer Kinder erschauen, Sie und Ihr Weib Gitl, bis hundert Jahr." (Schluß folgt.)