Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 12 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Neue National-Zeitung* Nr. 12 Schalom Asch: "Die Jlakdumes.*) Eine Schewuoth-Erzählung. Jossele war der Liebling seiner Eltern. Neun Kinder haben sie gehabt — fünf Mädchen und vier Jungen — und von allen ist nur Jossele am Leben geblieben. Gott hatte mit Berl und seinem Weib Freide endlich Erbarmen gehabt. Leicht begreiflich, denn wieviel Geld hat doch der Wunderrabbi von G .. . bekommen und die Amulette der Großeltern von Kaschtarawke taten auch ihre Wirkung. Daß Jossele es bei seinen Eltern sehr gut hatte, braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden. Berls Geschäfte gingen gut. Oft kaufte er zehn Kälber, acht Schafe und zwei bis drei Kühe auf einmal. Er hatte Pferd und Wagen und schickte geschlachtetes Vieh auch in andere Städte. Berl, den Fleischer, kannte man auf allen Gutshöfen in der Umgebung. Er war angesehen und hatte überall Zutritt. Ist es da zu verwundern, daß er Jossele, seinem Einzigen, nichts versagte! Als Jossele größer wurde, bekam er beim besten Lehrer des Städtchens Unterricht. Reb Jehuda Hersch erhielt fünf Rubel monatlich und außerdem einen Schafskopf an jedem Freitag. Am Samstag führte Berl sein Söhnchen zum Dajin**) „zum Verhören". Er sagte sich nämlich : Ich verstehe nichts. Wie soll ich also wissen, ob Jossele im Lernen Fortschritte macht 2 Berl hörte zu, wenn Jossele geprüft wurde und an den Mienen des Dajens und Josseies erkannte er, wie die Prüfung ausgefallen ist. Berl wollte, daß Jossele ein Gelehrter werden soll. Ich habe nichts gelernt, sagte er sich, dafür soll er viel wissen, für mich, für meinen Vater, für mein Weib. Wenn der Dajin eine zufriedene Miene machte, war Berl glücklich, drehte sich den Schnurrbart und ging stolz von dannen. --Es ist Samstag. Die Sonne geht unter. Es beginnt dunkler und trauriger zu werden. Freide sitzt beim Fenster und liest im „Zenu-Irenu ",***) als Berl mit seinem Jossele von Dajin nach Hause kommt. „Freide", sagte Berl leise, damit Jossele nichts hört, „ich sage dir, er ist ein Genie! Du hättest ihn hören sollen, wie er Chumisz-}-) hergesagt hat. Ausgezeichnet sage ich dir!" Die Mutter weinte vor Freude. Sie legt das Buch weg, umarmt Jossele und küßt ihn. Berl wirft ihr böse Blicke zu. Er sieht nicht gern, daß sie den Jungen verzärtelt. Jossele weiß aber ganz gut, wie sehr seine Eltern an ihm hängen. Er tut so, als blicke er auf die Gasse hinaus, aber ihm entgeht kein Wort, das die Eltern sprechen. Berl bemerkt es wohl und freut sich darüber, aber Freide versteht nichts, als bei jeder Gelegenheit zu weinen . . . * Es war gegen Schewuoth. In den Geistern ist bereits die Melodie von Hakdumes erwacht. Jossele ist jetzt dreizehn Jahre alt und Berl möchte, daß sein Sohn Schwuoth die Hakdumes am Almemor vortrage. Es ist nicht leicht, das durchzusetzen, aber Berl gilt im Städtchen als wohlhabender Mann und so willigt der Bethausvorsteher schließlich ein. Die Bürger wundern sich, daß Berl ein solches Verlangen stellt. Viele betrachten es als ein Unrecht, daß der Emporkömmling in der Gemeinde ein Wort mitsprechen soll. Die Majorität ist jedoch auf seiner Seite, denn Berl ist jetzt ein ordentlicher Bürger, der sich so etwas schon erlauben darf. Reb Salmen, ein reicher, frommer Mann, führt in der Gemeinde das große Wort. Wenn er in eine Versammlung *) Ein Gedicht zum Lob des Allmächtigen, das zu Schewuoth vorgetragen wird. Anmerkung des Ueberset»ers. **) Kabbinats-Assessor. Anmerkung des Uebersetzers. ***) Andachtsbuch für Frauen. Anmerkung des Uebersetzers. •f) Pentatench. Anmerkung des Uebersetzers. kommt, läßt er die anderen reden und schreien — es geschieht aber immer das, was er will. Reb Salmen beschloß nun, daß Jossele die Hakdumes nicht vortragen soll. Er wollte Berl beweisen, daß er noch lange nicht so reich sei, um sich so etwas erlauben zu dürfen. ... Freide schläft schon seit zwei Wochen nicht — wie vor einer Hochzeit. Jossele hat einen neuen Rock, neue Schuhe und eine neue Mütze bekommen. Er wiederholt zu Hause die Hakdumes immer wieder, bis er sie gut rezitiert. Im zweiten Zimmer ist Freide mit der - Köchin in reger Tätigkeit. Es wird gekocht und gebacken, denn am nächsten Tage sollte bei Berl ein Festessen stattfinden. Freide weint vor Freude und ihre Tränen rollen in den Teig . . . * Am nächsten Tage erhob sich Reb Salmen sehr früh von seinem Lager. Auf dem Marktplatze begegnete er dem Bethausdiener. „Vergißt nicht, mir heute die „Hakdumes" zu übertragen," sagte Reb Salmen. „Ja, aber wieso — —, aber Berl — —", stammelte der Bethausdiener. Reb Salmen hat das Seinige getan und entfernte sich, während der Bethausdiener blaß und erschrocken dasteht und sich keinen Rat weiß . . . --Auch Berl erwachte sehr früh. Er weckte Jossele, kleidete ihn an und beide begaben sich in die Synagoge, während Freide die Stube mit grünen Zweigen schmückte und den Tisch deckte. Dann rannte auch sie fort, um dem Vortrage ihres Jossele beizuwohnen. Die Synagoge, in der sich das ganze Städtchen versammelte, war mit grünem Laub geschmückt. Das Morgengebet ging vorüber und „Hakdumes" sollte nun an die Reihe kommen. Berl und Jossele ängstigten sich sehr, aber am meisten fürchtete sich der Bethausdiener. Er steht auf dem Almemor*) und weiß sich nicht zu helfen. Soll er Reb Salmens Befehl nachkommen? Die ganze Gemeinde erwartet, daß Jossele die Hakdumes vortragen wird. Schon wirft Berl dem Knaben den Tales**) über und man wartet nur noch auf den Anruf. Der Bethausdiener überlegt eine Weile. Es schwindelt ihm vor den Augen. Was tun? Berl wird schon ungeduldig. Er macht eine zornige Handbewegung . . . Aber von der Misrach-Wand leuchtet drohend die silberne Verzierung von Reb Salmens Tales. „Jamoid", stammelte der Bethausdiener und macht eine Pause. Dann wiederholt er das Wort einige Male. Alle sehen ihn verwundert an. Man staunt und lacht. Jossele verläßt seinen Platz und nähert sich dem Almemor. Schon will der Bethausdiener seinen Namen rufen, als er dem Blicke Reb Salmens begegnet. „Jamoid — Reb Salmen", stößt er hervor. Reb Salmen erhebt sich und geht zum Almemor. Alles blickt auf. Man sieht blasse, erschrockene Gesichter. „Was ist geschehen?" Jossele rennt zum Vater zurück. Berl ballt die Fäuste und will zum Almemor laufen, doch als er Reb Salmen erblickt, unterläßt er es. In der Frauenabteilung entsteht ein Lärm. Man erwartet, daß sich Berl auf Reb Salmen stürzen würde; aber er steht ruhig auf seinem Platze und ruft mit lauter Stimme : „Seht ihr, ein reicher Mann darf sich alles erlauben." „Geld macht aus einem einen ordentlichen Menschen", sagten die Leute. „Berl ist jetzt wohlhabend und so weiß er, wie er sich zu benehmen hat . . Vor Jahren, als er noch ein armer Teufel war, hätte er Reb Salmen in Stücke gerissen." *) Das Podium in der Mitte der Synagoge. Anm. d. Uebers. **) Gebetmantel für Erwachsene. Anm. d. Uebers.