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Neue Nationalzeitung · 1910-06-10 · Heft 12 (10.6.1910) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 12 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 „Neue Nätional-Zeiturig" Nr. 12 FEUILLETON. Dr. M. Grünfeld : f)ie Gegner. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben halbvergangener Zeiten. (5. Fortsetzung.) „ Dafür unterschreiben Sie mir hier einen Sehein, durch den Sie sich verpflichten, am Tage der Rosch- Hakohol-Wahl, sagen wir nach Pest zu reisen. Sie werden einsehen, warum ich dies von Ihnen verlange. Sichern Sie mir dadurch die Stimmenmehrheit bei der Wahl." Salman hatte ausgeredet. Baruch schien betroffen. Er war weder in den alten, noch in den neuen Klassikern bewandert. Sonst hätte sich ihm der Vergleich zwischen Salman und Mephistopheles aufgedrängt. Auch war Baruch nicht schnell im Denken. Nach und nach erst erkannte er die heikle Situation, in die ihn der Gegner bringen wollte, der sich hier als seinen Freund aufspielte. Was werde Reb Ahron von dem zukünftigen Schwiegersohne denken, der ihn am Tage der Schlacht schmählich verließ? Doch, er konnte die Wichtigkeit der Reise vorschützen. Werde aber dem zukünftigen Schwiegervater das Komplott nicht bekannt werden? Und dann führte ein anderer die Braut heim, die Braut und die Mitgift. Andererseits wieder wurde er, wenn er auf die Vorschläge Salmans einging, von einer schweren "Sorge, die ihm die teuer eingekaufte Wolle bereitete, befreit Das mußte Ahron auch einsehen. Uebrigens konnte die-er auch ohne seine Stimme gewählt werden. Denn er besaß Anhänger, die Reb Ahron sicherlich ihre Stimme geben würden. War aber Baruch seines Anhanges so sicher? Kannte er nicht Salman und dessen Agenten Jekew? Die würden sich gewiß Mühe geben, auch seine Anhänger auf ihre Seite zu ziehen. Das war richtig. Und doch, ein. solches Geschäft, wie es ihm der Gegner vorschlug! Man macht nicht täglich solche Geschäfte. Der Spatz in der Hand schien ihm sicherer, als die Taube auf dem Dache. Diese Gedanken wälzten sich durch Barriens armes Gehirn. Salman sah dies und weidete sich an der Unentschlpssenheit des Gegners, der ihm mit Sicherheit verfallen war. „Viel setze ich aufs Spiel", begann im schleppenden Tone Baruch. „Ahrons Freundschaft, meine Braut..." Er stockte. Salman wußte, was er sagen wolle: „Und die nicht unbeträchtliche Mitgift." „Machen Sie sich deshalb keine Sorge, lieber Baruch/ erwiderte Salman. „Geschäft geht über alles. Das wird auch Ahron einsehen. Und er gibt seine Tochter nicht seinem Wähler, sondern dem tüchtigen Geschäftsmanns Darum schlagen Sie ein. Eine Braut kann man, wenn man ein solcher Kaufmann ist, wie Sie, immer bekommen. Ein gutes Geschäft aber macht man nicht täglich." Das sah Baruch ein. Sein Entschluß war gefaßt. »Nur, weil ich diesmal wirklich in Verlegenheit bin, will ich auf Ihren Vorschlag, Salman, eingehen. Natürlich erwarte ich von Ihnen,,4aß Sie über unsere Unterredung nichts verlauten lassen." „Wo werde ich", rief Salman lachend aus, „etwas verraten, was Ihnen und mir schaden könnte. Und nun unterschreiben Sie diesen Schein, durch den Sie mir Ihre Wolle verkaufen, aber sich zugleich verpflichten, am Tage der Wahl hier nicht anwesend zu sein. Sie können mit gutem Gewissen unterschreiben, denn Sie haben ein gutes Geschäft gemacht." - Baruch unterschrieb zwar schwerfällig, aber doch. Die Beiden verabschiedeten sich. Salman rieb sich die Hände. Wenn nicht alles trügle, war seine Wahl zum Rosch-Hakohol gesichert. Reb Ahron werde stutzen. Es werde dem Hochmütigen, der gegen ihn stolzierte, gut anstehen. Jekew betrat soeben, die Stube. „Gut steht es, lieber Jekew", rief ihm Salman freudestrahlend entgegen. „Den Baruch wären wir los. Nun gilt es sich seiner Anhänger zu versichern. Das ist jetzt Deine wichtigste Aufgabe. Sei in Versprechungen groß, lieber Jekew. Ich hoffe, die Leutchen werden us auf den Leim gehen, wie ihr Führer Baruch." Jekew war seiner Sache sicher. Wenn Baruch am Tage der Wahl nicht erscheinen werde, wie sollten seine Anhänger dies tun? Und die Hauptsache war doch die, diese armen Teufel von der Wahl ferne zu halten, das „Zünglein an der Wage" zugunsten Salmans zu wenden. Der gute Liberer beging den Fehler mancher großer Feldherrn, welche die Kräfte des Gegners unterschätzten. Schon der Spruchdichter hat dies mit den tiefsinnigen Worten ausgedrückt: „Die Ruhe der Einfältigen und ihre Sicherheit vernichten sie und stürzen sie ins Verderben " Diese Worte kannten weder SaJman, noch Jossef. Aber dieser war sich der Richtigkeit des Satzes bewußt: Wer den Gegner unterschätzt, ist schon halb besiegt. Baruch war im Interesse Dr. Davids entfernt, aber seine Anbänger, denen er gar oft geholfen, sie sollten und mußten für Ahron eintreten. Hier setzte Jossef den Hebel an, hier zeigte eisern I diplomatisches Geschick,, sein agitatorisches Talent. Er War entschieden in diesen Begabungen Jekew über, der mit siegesfroher Miene herumging. Für ihn war die Schlacht, mit Baruchs Entfernung, zugunsten Salmans, geschlagen. Es blieb ihm nicht viel mehr zu tun übrig, als, daß er Baruchs Leuten versprach, auch Salman werde sich nicht spotten lassen, wenn sie ihre Stimmen für ihn abgeben. Wie wenig Baruch an der Wahl seines Schwiegervater in spe liege, ersehen sie daraus, daß er am Tage der Wahl verreise. Sie würden doch nicht so töricht sein und weiter im Lager desjenigen verbleiben, der sie am Tage der Entscheidung verlasse. Baruch sei in seinen Vermögensverhältnissen so geschwächt, daß sie von ihm nichts zu erwarten hätten. Salman, der Reiche, der Mächtige werde sich ihnen bei verschiedenen Anlässen, als Rosch-Hakohol erkenntlich zeigen können. Darum, wenn sie schon Salman nicht wählten, mögen sie sich wenigstens der Wahl enthalten. Dies genüge. Jossef genügte es nicht. Er ließ durch seinen Freund Awrom, denn er selbst konnte es aus begreiflichen Gründen nicht tun, um nicht Salmans und Jekews Verdacht zu erregen, die Anhänger Baruchs bearbeiten. Dieser erzählte den Leuten: „Baruch habe zwar eine unaufschiebbare Geschäftsreise unternehmen müssen, rechne aber darauf zuversichtlich, seine Schützlinge würden nur seinen zukünftigen Schwiegervater und niemand anderen wählen." Dies war den Leuten einleuchtend. „Es sei ihre Pflicht, die Pflicht der Dankbarkeit für Baruch, Ahron, und nur diesen, zu wählen. Jossef verlangte durch Awrom nichts von ihnen, als Schweigen." Der Gemeindediener war ein guter Stimmenzähler. Und er hatte sich nicht verrechnet. Tat jeder der Anhänger Baruchs am Tage der Wahl seine Pflicht, dann mochte der kluge Geschäftsmann verreisen,-die Wahl Ahrons war gesichert.

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