Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 12 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „Neue NationaT-Zeitungr" Nr. 12 wir uns entschlossen, diesen Schandarlikel abzudrucken. Aber es ist notwendig, die jüdische Oeffentlichkeit und Herrn Dr. Straucher auf typische Erscheinungen innerhalb der zionistischen Partei aufmerksam zu machen, die Dr. Straucher, berauscht von seiner neuen Führerrolle, nicht sehen — will. Dr. Nathan Birnbaum gegen den „Jüdischen Klub '. Und nun kommen wir zur Haltung der von den Herren Professor Kellner, Dr. Nathan Birnbaum und anderen Zionisten in Czernowitz herausgegebenen Zeitschrift „Das Volk". In diesem Blatte schreibt Dr. Birnbaum, der bekanntlich während der letzten Reichsratswahlen vom offiziellen zionistischen Wahlkomitee kandidiert wurde und auch sonst den Herren vom „Jüdischen Klub" persönlich nahestand, folgendes: „Ich will gerne zugeben, daß der Eintritt einer solchen Eventualität (Sprengung des „Jüdischen Klub") nichts wäre, auf das wir Juden Grund hätten, stolz zu sein. Aber wer kann dafür, wenn eben die Herren von allem Anfang an ohne Plan und ohne Sinn, vor allem ohne Witterung für das, was tunlich und was untunlich ist, ohne Gefühl für ihre eigene Unzulänglichkeit vorgingen. Wer hieß sie sich als die großen Volksmänner ausschreien lassen und den wetterharten, energischen und voraussehenden Naturen Prügel zwischen die Füße werfen? Wer hieß sie übersehen, daß eine jüdische Delegation wegen der geringen Zahl ihrer Mitglieder aus lauter kraftvollen Persönlichkeiten bestehen müsse? Wer hieß sie Wahlkreise vernachlässigen, wo Mandate zu haben waren? Wer hieß sie in dem einen Falle einen Nimbus, im zweiten den Zufall, im dritten ein aus dem Westen herbeigeeiltes Automobil kandidieren? Und wer befahl ihnen, nur damit aus drei vier werden, eii en Mann wie Dr. Straucher in ihren Klub aufzunehmen, ja sogar zum Obmann zu wählen? Warum waren sie nicht so gescheit, vorauszusehen, daß er ihnen später im Magen liegen wird und sie Mühe haben werden, den Klub und seine politisch-sittlichen Interessen gegen ihn zu schützen? Wenn sie den Karren verfahren haben, so haben sie eigentlich die Pflicht, ihn wieder aus dem Morast herauszuziehen. Und wenn sie Männer der entschlossenen und mutigen Tat, nicht politische Hasenfüße wären, die nur ängstlich hinhorchen, was bloß alle Welt dazu sagt, so würden sie wissen, was sie zu tun haben. Sie würden den Karren nicht tiefer in den Unrat hineinstoßen. Sie würden es vorziehen, durch, ein kurzes Hohnlachen müßiger Kritiker hindurch zu Gesundung und Aufschwung zu schreiten, als in einem „Außen Hui, innen pfui" fortzuleben, dem der endgültige Bankerott um so sicherer folgt." Ist ein Blatt, in welchem derartige Dinge über Dr. Straucher und den Jüdischen Klub geschrieben werden, ein zionistisches zu nennen? Das zionistische Parteiblatt „Jüdische Rundschau" in Berlin hebt es in den Himmel. In der letzten Nummer (vom 3. d. M., S. 262) wird von dem „Volk" erzählt, daß es „Authentisches über die recht unbekannten Verhältnisse jener Judenschaft" bringen und „so vornehm gehalten sein wird, wie der Kampf es ermöglicht". Die Tendenz des Kellner-Birnbaumschen Blattes wird vom Berliner Zionistenorgan mit schwungvollen Worten gefeiert: „Hier wird ein jüdischer Kampf geführt, und zwar ein Kampf um gestohlenes Recht, Kampf um normale Lebensverhältnisse, Kampf um Frieden — ,Peace with Honour'!" Es drängt sich dabei nur die Frage auf: Wer hat den Herren Kellner-Birnbaum-Taubes ihr Recht gestohlen? Wenn trotz dieses Chaos Herr Dr. Straucher die Ambition hat, Führer einer zionistischen „Reichspartei" zu bleiben, dann beneiden wir ihn um seinen guten Magen und seine dicke Haut. Die Schwestern I^luger. (Von unserem Korrespondenten.) Krakau, 5. Juni. Es ist das „Verdienst" des Lemberger sozialistischen Abgeordneten Dr. Diamant, daß im Wege einer Parlaments-Ausschuß de hatte eine Familien-Angelegenheit in die große Oeffentlichkeit gezerrt wurde, die eigentlich die Oeffentlichkeit gar nichts angeht. Allein der Abgeordnete des Lemberger Juden vierteis kennt nur das sozialistische Parteiinteresse. Die jüdischen Studenten und Studentinnen an der hiesigen Universität sind zumeist seine Parteigenossen; sie schwören auf Daszynski und stellen in den sozialistischen Versammlungen das Hauptkontingent der Besucher. Es gebührt ihnen daher eine Satisfaktion. Denn daß Dr. Diamant mit seiner Anfrage an den Justizminister den beiden Schwestern — die sich jetzt in einem reichsdeutschen Kloster aufhalten — irgendwie helfen könnte, glaubt er wohl selbst nicht. Der Justizminister kann auf die Entscheidung eines Revisionsrekurses beim Obersten Gerichtshof keinen Einfluß nehmen und Parlamentsreden haben den Gang der Justiz noch selten beeinflußt. Aber für Dr. Diamant war es eine längst ersehnte Gelegenheit, sich und seine Partei auf die Kulturförderer in „Harbasien" herauszuspielen. Natürlich hat diese Gesellschaft für das jüdische Proletariat bisher keinen Finger gerührt, auch nicht in geistiger und kultureller Beziehung. Handelt es sich aber darum, die jüdische Bevölkerung Galiziens als fanatisch bloßzustellen, dann ist ein „jüdischer" Abgegeordneter gleich zur Hand, um sich wichtig zu machen. Der Fall Kluger ist aus den Zeitungen bekannt. Wir müssen dabei zwei verschiedene Seiten unterscheiden. Erstens die Frage der Verehelichung des älteren und Verlobung des jüngeren Mädchens wider ihren Willen und mit erst der Unmündigkeit entwachsenen Knaben. Diese Gepflogenheit ist bei den ortodoxen Juden in Galizien allgemein. Sie wird erst dann verschwinden, sobald die ortodoxen Kreise mehr moderne Bildung annehmen und sonst auch für das Selbstbestimmungsrecht ihrer Kinder mehr Respekt hegen. Es wird also gewiß von niemanden gebilligt werden, daß die Ehegatten Kluger in der geschilderten Weise ihre Töchter zum Abschlüsse der Ehen bestimmt haben; diese sind des Mitgefühls mit ihrem tragischen Schicksal sicher. Ganz anders verhält es sich mit der Frage des Universitätsstudiums. Auf dasselbe haben die beiden Töchter der Familie Kluger kein Recht und man kann es den Eltern nicht verargen, wenn sie ihren Töchtern das Studium verbieten. Doshalb allein sind sie noch keine Fanatiker oder Unu.enschen. Das merkwürdige Leben, welches die studierenden Mädchen speziell an der hiesigen Universität führen, die ganze, moralisch laxe Art ihres Verkehres mit den Studenten, ist selbst für fortgeschrittenere, ja sogar religiös indifferente Eltern ein Grund, ihren Töchtern das öffentliche Studium nicht zu gestatten. Die Aneignung moderner Bildung pflegen sonst die konservativsten Eltern bei ihren Töchtern zu fördern; oft zu deren Nachteil, weil sie gerade dadurch erst zur Erkenntnis gelangen, wie tief ihre Männer an Wissen und Welterkenntnis unter ihnen stehen. Wenn also die Ehegatten Kluger ihren beiden Töchtern bei der Vorbereitung zur Maturitätsprüfung Schwierigkeiten machten, so hatten sie dazu nicht bloß das Recht, sondern im Hinblick auf die Konsequenzen eines weiteren Studiums vollbegründeten Anlaß. Der Prozeß, den die Töchter unter Zuhilfenahme der sozi-