Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 12 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Neue National-Zeitung" Nr. 12 jeder Armenfürsorge und sozialen Hilfstätigkeit ist. Das Wiener Judentum versumpft, soweit es sich nicht tauft. Aus der Erkenntnis aller dieser Mängel im Geistesleben und in der sozialen Struktur der Wiener Judenschaft ist der „Verband der östlichen Juden" entstanden. Er ist kein Kampf- und kein Trutzverein. Er sieht seine Aufgabe und seinen Ehrgeiz darin, den östlichen Juden in Wien eine Zufluchtstätte zu schaffen, ihnen ein Heim zu bieten, wo sie miteinander in Kontakt treten, einen Meinungsaustausch pflegen und jene wichtigen, sozialen Pflichten erfüllen werden, die sie gegenüber ihren Brüdern im Osten haben. Das soziale Gebiet, die Sorge für das geistige und wirtschaftliche Gedeihen des jüdischen Proletariates in Wien und im Osten wird zu den vornehmsten Aufgaben des Verbandes gehören. Er wird dabei durcaaus nicht in Konkurrenz treten mit den bestehenden Wohltätigkeits-Instituten, die ja notwendig sind für momentane Hilfe, aber er wird bemüht sein, die wohlhabenden ostjüdischen Kreise in Wien zur Mithilfe an der sozialen und wirtschaftlichen Hebung des jüdischen Proletariates mehr heranzuziehen. Die Aufgaben, die sich der Verband gesetzt hat, sind zweifellos nicht leicht. Sie erfordern viel Mittel, eine intensive Arbeit und deshalb auch eine rege Beteiligung der in Betracht kommenden Kreise. Aber was der Verband will, ist eine Notwendigkeit. Das geht auch hervor aus den detaillierten Zielen, die sich die Vereinsstatuten gesetzt haben: Die Errichtung und Erhaltung einer jüdischen Volkslesehalle. Veranstaltung von Enqueten über die soziale und wirtschaftliche Lage der Juden in verschiedenen Städten der im Keichsrate vertretenen Königreiche und Länder. Gewährung unentgeltlicher Rechtshilfe an unbemittelte Juden. Förderung aller auf die wirtschaftliche Hebung der Juden im Osten Oesterreichs abzielenden Bestrebungen. Studium und Ueberwachung des jüdischen Emigrationswesens innerhalb der im ßeichsrate vertretenen Königreiche und Länder im Eahmen der diesbezüglich bestehenden gesetzlichen Vorschriften. Hat nicht heute jede größere reichsdeutsehe oder galizische Provinzstadt eine jüdische Vo 1 k s 1 esehalle, wo jeder Jude, der nicht ins Kaffeehaus gehen kann oder der ein erhöhtes Interesse an jüdischen Vorgängen hat, jüdische Zeitungen und jüdische Bücher vorfindet? Die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien mit ihren 180.000 Juden hat aber keine jüdische Volkslesehalle. Wie oft ereignet es sich, daß ein armer Jude juristischen Rat benötigt: in einer Strafsache, in einem Zivilstreit, in einer Gewerbe- oder Zuständigkeitssache! Wo kann sich der Mann Rat holen, wenn er kein Geld hat, ihn zu bezahlen? Wer kümmert sich denn in Wien darum, daß arme jüdische Auswanderer aus Galizien oder Rußland auf den Wiener Bahnhöfen von Schwindlern ausgeplündert werden? L. (Schluß folgt.) POLITISCHE RUNDSCHAU. Die ungarischen Parlamentswahlen. Die Regierungspartei hat einen eklatanten Sieg errungen. Die antisemitischen und antisemitelnden Parteien haben schwere Niederlagen erlitten. Die neugegründete christlichsoziale Partei hat sofort ihre Lebensunfähigkeit bewiesen, denn sie hat es kaum auf ein Mandat gebracht; die klerikale Volkspartei ist auf 13 Mandate zusammengeschrumpft; die Kossuth- und Justh- Partei werden als eine schwache Minorität ins neue Parlament einziehen. An dem Ausgange der Wahlen haben auch die Juden ihren Anteil. Sie sind energisch zur Regierung gestanden und haben sie warm unterstützt. Denn die letzten Jahre haben ihnen bewiesen, daß der ungarische Chauvinismus für die jüdische Bevölkerung wenig vorteilhaft ist. Allerdings zählt das neue Parlament nur elf Juden. Aber der Verlust von 13 jüdischen Mandaten wird die jüdische Bevölkerung wenig aufregen. Ist ja doch die Vertretung jüdischer Interessen in einem Parlamente nie v o n d e r Quantität, sondern stets von der Qualität der Mandatare abhängig. Und diese Qualität, der Grad nationalen Selbstbewußtseins läßt bei den „israelitischen" Abgeordneten in Ungarn noch immer sehr viel zu wünschen übrig. Die Radikalisierung der Allpolen. Die Liierung der Allpolen mit der Stojalowski-Gruppe ist auf dem letzten allpolnischen Parteitage proklamiert worden. Damit ist auch der antisemitische Charakter der allpolnischen Partei offen zu Tage getreten. Die polnischen Huligans haben sich demaskiert. Die galizische Judenschaft weiß nun, was sie von dieser Partei, deren zahlreiche Abgeordnete: Dr. German (Neu-Sandec), Baron Battaglia (Tarnöw), Dr. Jablonski (Sanok) und andere nur jüdischen Wählern ihre Mandate verdanken, zu erwarten hat. Zum ersten Mal tritt in Galizien eine große Partei mit einem antisemitischen Programm in die Arena. Sie trifft die galizische Judenschaft wehrlos, zersplittert, unorganisiert. Ja, es gibt sogar Juden, die sich nicht schämen, den Allpolen Maklerdienste zu leisten. Die allpolnischen Hansjaden. Eine jämmerliche Rolle im politischen Leben Galiziens spielen die Abgeordneten Dr. Gold (Zloczow) und G all, der bekannte „gemäßigte Israelit" (Tarnopol). Um sich Mandate gegen den Willen der jüdischen Wähler zu sichern, haben sie sich der allpolnischen Partei verschrieben. Als Leib- und Hausjuden des Herrn Glombinski, von dessen Seite sie nie weichen, glaubten diese Lakaien-Naturen ihre Mandate in lebenslänglichem Pacht genommen zu haben. Bis sie das Schicksal aller Renegaten erreichte. Die Partei gab ihnen einen Fußtritt. Die Allianz mit Stojalowski machte die Hausjuden unmöglich und sie wurden zum letzten Parteitag nicht mehr geladen. Aber, wie wir sie kennen, sind diese Männer Charaktere. Sie werden sich aus der allpolnischen Partei nicht herauswerfen lassen. Die Landtagswahlen in der Bukowina. Die neue Landtagswahlordnung für die Bukowina ist nunmehr sanktioniert. Die Agitation in der jüdischen Bevölkerung hat bereits eingesetzt. Die Jüdischnationalen, die sich um Dr. Straucher gruppieren, hoffen alle neun Mandate zu erobern, die sich in einem äJüdischen Klub" vereinigen werden. Leider sind bereits in diesem Wahlkampfe Zwistigkeiten und Intriguen innerhalb der Judenschaft zutage getreten, durch die ein Teil der jüdischen Mandate schwer gefährdet werden kann.