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Neue Nationalzeitung · 1910-06-10 · Heft 12 (10.6.1910) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 12 (10.6.1910)
Date
1910-06-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NSU5 MCiONßL-ZEiCüNG XH. JAHRGANG. WIEN, 10. JUNI 1910. Nr. 12. „Verband der östlichen Juden" in Wien. Vor einigen Tagen wurde in Wien ein Verein gegründet, der „die Hebung des Gefühles der Zusammengehörigkeit unter den aus dem Osten stammenden Juden in Wien sowie die Wahrung und Förderung ihrer Interessen auf sozialem, materiellem und wirtschaftlichem Gebiete" sich zum Ziel gesetzt hat. Der Verein nennt sich daher auch „Verband der östlichen Juden". Es wird Leute geben, sie belieben sich „gute Juden" zu nennen, die über diese Nachricht entsetzt ihre Hände zusammenschlagen werden. Nach einer Erholungspause werden sie jammern über Separatismus, Selbst- Isolierung und — Ortodoxie; nach einigen Phrasen von jüdischer Solidarität werden sie dann, sofern sie überhaupt politisch geschult sind, die Notwendigkeit einer allgemeinen Organisation „in diesen Zeiten" als alleiniges Heilmittel anpreisen. Ich habe nicht die Absicht, diese Leute mit meinen Ausführungen zu überzeugen. Aehnliche Argumente führen ja auch ins Treffen jene „liberalen" Auch- Juden, die jede jüdische Organisation bekämpfen. Sie fühlen sich unbehaglich, wenn blos vom Judentum öffentlich gesprochen wird, in dem Bekenntnis jüdischen Volksbewußtseins sehen sie gleich den Rückzug ins Ghetto, die Preisgebung der Staatsgrundgesetze und eine Vorschubleistung für den Antisemitismus. Dem Eingangs genannten Verband kann nicht zugemutet werden, daß er gegen diese konventionellen Lügen den Kampf aufnehme. Er wendet sich an alle östlichen Juden, denen ihre derzeitige soziale Rolle im Wiener jüdischen Leben nicht behagt, die es satt haben, in der jüdischen Welt als Aschenbrödel behandelt zu werden, die es an ihrer eigenen Haut empfunden haben, welche gesellschaftliche Zurücksetzungen selbst der intelligente östliche Jude über sich ergehen lassen muß und wie wirtschaftlich hilflos der arme Jude aus dem Osten in Wien dasteht. Unter den 180.000 Juden, die in Wien wohnen gibt es keine zehntausend, deren Großväter in Wien geboren wären. Denn vor dem Jahre 1848 gab es kaum einige hundert tolerierte Judenfamilien, die in Wien wohnen durften. Und doch hält sich das Groß der Wiener Juden, deren Väter aus Böhmen, Mähren oder Ungarn eingewandert sind, für etwas mehr als die östlichen Juden, die „Polnischen" oder „Russischen". Es ist psychologisch merkwürdig, daß Juden, die von der christlichen Gesellschaft boykottiert werden, auch jemanden haben müssen, auf den sie wieder herabblicken, den sie ihre „Superiotät" empfinden lassen können. Ueberblicken wir alle jene jüdischen Korporationen, die auf das rituelle, kulturelle und soziale Leben der Wiener Judenschaft von Einfluß sind, wie Kultusvorstand, Ghewra Kadischa, Baron Hirschsche Schulstiftung, Baron Hirschsche Wohltätigkeitsstiftung usf., so finden wir im Kultusvorstand lediglich einen Juden aus dem Osten, der zwar als armer Student aus Lemberg eingewandert ist, aber als trockener Bureaukrat und durch die Mischehe seiner Tochter sich längst seinem Milieu angepaßt hat, in der „Ghewra Kadischa" sitzt kein östlicher Jude und von den Baron Hirsehschen Stiftungen, die vorwiegend für ostjüdische Proletarier bestimmt sind, hat nur die Schulstiftung einen Czernowitzer Universitäts-Professor in ihrer „Mitte", der durch seinen Dienstort und seine exponierte Stellung außer Stande ist, seinen Pflichten als Repräsentant der östlichen Judenschaft nachzukommen. Allerdings, bei der Schaffung oder Leitung sozialer oder geistiger Institutionen können die östlichen Juden nicht übergangen werden; auf diesem Gebiete sind die leitenden Kreise des Wiener Judentums indolent und unfruchtbar. Wien hat keinen jüdischen Literaturverein oder eine jüdische Volkslesehalle; es herrscht geradezu eine Anymosität gegen die Statistik, die doch die unbedingte Voraussetzung

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