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Neue Nationalzeitung · 1910-05-27 · Heft 11 (27.5.1910) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 11 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 11 „Die Berliner Gemeinde ist allen anderen in der Würdigung der Bedeutung der Statistik vorangegangen!*) Trotz allen Druckes befindet sich Judentum zweifellos in einer aufsteigenden Bewegung, Das Interesse der Glanbensgenossen an der jüdischen Gemeinschaft wächst stetig. Dies beweist das Entstehen neuer Organisationen, die sich der Aufgabe widmen, das Wesen des Judentums klarzustellen und das Judentum zu einem höheren Bewußtsein seiner eigenen Daseinsformen emporzuführen. Diesen Organisationen reiht sich der „Verein für Statistik der Juden" als ebenbürtige und berechtigte Institution an, da er die Unterlagen für Vorschläge zu sozialen Maßnahmen liefert. Die soziale Wirksamkeit bildet gegenwärtig den Kern der gesamten Betätigung der modernen Judenheit. Die Erfassung des wahrheitsgemäßen Tatsachenmaterials, das Nachweisen dessen, was des Ausbaues bedürftig ist, die tendenzlose und vorurteislose Prüfung der Materie ist das spezielle Ziel, das der Verein für Statistik sich gesteckt hat. Dank den jüdischen Gemeinden und Organisationen, die die Wichtigkeit dieser Forschungen erkannt haben und sie unterstützen, ist der Verein in der Lage, das für die soziale Tätigkeit erforderliche Tatsachenmaterial zu liefern, wenn er auch vorläufig nur mit bescheidenen Mitteln arbeiten muß.* Hierauf erstattete Dr. Nossig den Bericht für das Jahr 1909, dem wir nachstehende Stellen entnehmen: »Die Eröffnung jüdisch-statistischer Forschungen muß tatsächlich einem dringenden Bedürfnisse entsprochen haben, wenn unsere Gemeindevertretungen, die für fiktive Interessen keine Mittel zur Verfügung haben, die Errichtung eines Bureaus für Statistik der nach amtlichem Juden Vorbild ermöglicht haben. Dieses reale Bedürfnis ist von doppelter Natur. Unsere Arbeiten verfolgen einerseits die wissenschaftliche Erfassung sämtlicher das physische, soziale und kulturelle- Leben der Juden betreffenden Verhältnisse, andererseits die Herstellung der unerläßlichen Informationsgrundlagen für die einfachsten administrativen, aber auch für weitausschauende humanitäre und sozialpolitische Maßnahmen. Nach der wissenschaftlichen Seite hin erscheint es vor allem wünschenswert, die für die einzelnen Länder gefundenen Daten zu einer übersichtlichen Gesamtstatistik der jüdischen Bevölkerung zusammenzustellen. Dieses umfassende Werk ist im Berichtsjahre von unserem Bureau in Angriff genommen worden. Der erste Band, welcher die Bevölkerungsstatistik enthält, ist im Manuskript beinahe fertig, und wird voraussichtlich noch in diesem Jahr erscheinen. Unsere jüdische Weltstatistik berücksichtigt jedoch nur diejenigen Länder, welche eine amtliche Statistik und innerhalb derselben eine Konfessionsstatistik besitzen. Eine ergänzende, ungleich kostspieligere Aufgabe wird darin bestehen, auf dem Wege von Originalerhebungen die Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in den Ländern ohne reguläre Statistik, wie die Türkei und Marokko, sowie in den Ländern ohne Konfessionsstatistik, wie Frankreich, England, Belgien, die Vereinigten Staaten von Amerika zu erforschen." In Vertretung des am persönlichen Erscheinen verhinderten Dr. J. S e g a 11 brachte nun der Leiter des Bureaus f. St. d. J., Rechtsanwalt Dr. Bruno Blau, das Referat zum Vortrag, dem wir nachstehende Hauptgedanken entnehmen. Aus dem Referat von Dr. Segall: Die Statistik im Dienste der jüdischen Gemeinden. Die jüdische Gemeinde hat manche Analogien mit der politischen Gemeinde. Die Statistik hat daher für beide sehr ähnliche Aufgaben zu erfüllen. Besondere Aufgaben erwachsen *) Das könnte man sich in Wien merken. Anmerkung der Redaktion. aber der Statistik im Dienste der jüdischen Gemeinde deshalb weil die letztere auch religiöse Interessen zu erfüllen hat. Die Statistik ist aus dem praktischen Bedürfnis der Verwaltung entstanden und erst spät für wissenschaftliche Zwecke verwendet worden. Insbesondere die Finaazverw a 11 u n g ist die eigentliche Quelle der Statistik. Heute wird der Bevölkerungsbestand durch die Volkszählungen und seine Ab- und Zunahme durch die standesamtliche Registrierung der Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle sowie durch die polizeiliche Anmeldung der Zu- und Abwandernden ermittelt. Ebenso wie die städtische so muß auchdie jüdische Gemeinde ihren Menschenbestand und das Maß ihrer natürlichen und künstlichen Entwicklung genau kennen. Sowohl bei der Volkszählung als bei der standesamtlichen Registrierung wird die Religion berücksichtigt; es wird aber nicht festgestellt, wie viel Juden monatlich oder jährlich ab- und zuwandern. Hier fällt der Statistik im Dienste der jüdischen Gemeinde eine wichtige Aufgabe zu, welche der Gemeinde von großem Segen sein kann, nämlich die schnelle Feststellung aller Zuwandernden im Interesse der Besteuerung. Weiter ist von Bedeutung eine Statistik der Austritte aus dem Judentum und der jüdischen Gemeinde, wie sie zum Beispiel in Wien eingeführt wir d,*) und ferner eine genaue Statistik der einzelnen Religionsvereine als Grundlage für ihre Subventionierung. Die Statistik kann auch sekundär den jüdischen Gemeinden dadurch viel nützen, daß sie diejenigen Materialien, welche zwar durch die Volkszählungen beschafft, aber von den staaatlichen und städtischen statistischen Aemtern aus Mängel an Zeit nicht bearbeitet werden, für die Zwecke der jüdischen Gemeinde verwertet. Auf diese Weise können Alter, Familienstand, Beruf, Gebürtigkeit, Staatsangehörigkeit der Gemeindemitglieder ermittelt werden, was alles im Steuerinteresse von Wichtigkeit ist. Die Aufgaben der Finanzstatistik liegen nach der subjektiven Seile in der Beantwortung folgender Fragen : 1. Welcher Teil der jüdischen Bevölkerung kommt für die Besteuerung in Frage? 2. Wie setzt sich die Masse der Zensiten nach Alter, Familienstand, sozialer Stellung, Gebürtigkeit usw. zusammen? 3. Von wann ab erfolgt die Besteuerung dieser Zensiten? Hier spielt die Zuwanderung eine große Rolle. Je schneller die Gemeinde darüber orientiert wird, umso weniger Einnahmen entgehen ihr. Nach der objektiven Seite handelt es sich bei der Finänzstatistik um die Aufstellung des Etats und um die Berechnung des jedesmal zur Bilanzierung desselben erforderlichen Steuerfußes. Die Unterrichtsstatistik ist ein ferneres wichtiges Gebiet für die jüdische Gemeinde. Eine genaue Statistik der jüdischen Schulen sowie der Gemeinde- und höheren Schulen unter Berücksichtigung der Konfession ist zwar, vorhanden. Doch ist nach manchen Richtungen eine Ergänzung der amtlichen Statistik notwendig. Insbesondere muß die Statistik, was bisher noch nicht der Fall ist, auch über die Bildungsmöglichkeit Aufschluß geben». und hiebei folgende Fragen beantworten : 1. Wie verhält sich die Zahl der Lehrer zu der der Schüler in einer Klasse? 2. Ist die Errichtung einer neuen jüdischen Schule oder Religionsschule nötig? 3. Wo soll dieselbe errichtet werden? Hiezu muß man natürlich genau die Zahl der schulpflichtigen jüdischen Kinder in den einzelnen Stadtteilen kennen. Von größter Bedeutung ist eine zuverlässige Religions^ schulstatistik. Sie wird es verhindern, daß in staatlichen Schulen, an denen jüdischer Religionsunterricht erteilt wird, eine beträchtliche Anzahl jüdischer Schüler am christlichen Religionsunterricht teilnimmt, weil der jüdische Religionslehrer von ihrer Existenz nichts weiß. *) Doch nur von den jüdischen Zeitungen, Die Red.

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