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Neue Nationalzeitung · 1910-05-27 · Heft 11 (27.5.1910) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 11 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 11 Neue National-Zeitung" Seite 7 fessor Dr. Josef Pollak (mit dreijähriger Funktion sdauer) und Ferdinand Bloch (mit einjähriger Funktionsdauer) neu gewählt. Mit einem Dank an die Erschienenen erklärt der Präsident die Generalversammlung für geschlossen. Der Wortlaut des an die Alliance Israelite Universelle nach Paris gerichteten Glückwunschtelegrammes lautet: „Die heutige Generalversammlung der Israelitischen Allianz zu Wien entsendet auf Grund einhelligen Beschlusses der vorbildlichen Vereinigung, der erfolgreichen Vorkämpferin für die Gleichberechtigung, soziale und kulturelle Hebung unserer Glaubensgenossen zur Feier des fünfzigjährigen Bestandes die herzlichsten Glückwünsche. Der Präsident David Ritter von Gutmann" Dem Berichte ist zu entnehmen, daß die Mitgliederzahl in Wien abgenommen, dagpgen in der Provinz, speziell in einzelnen Städten Galiziens, zugenommen hat. Die Tätigkeit der Allianz im Interesse Galiziens bestand in der Errichtung zweier Volksschulen (Budzanöw und Olesko) und eines Kindergartens (Chrzanow). Auch wurden einige Vereine subventioniert. Auf dem Gebiete des Emigrationswesens hat sich die Allianz damit begnügt, längst der österreichischrussischen Grenze, in Nowosielitza, Podwoloczyska, Husiatyn und Zbaraz Lokal-Komitees ins Leben zu rufen, die als Schutz- und Informationsquellen für jüdische Emigranten aus Rußland dienen sollten. Irgend welche Initiative, damit die in Wien einlangenden Emigranten nicht von Schwindlern ausgeplündert werden, damit die Emigranten vor ihrer Abreise über ihr Reiseziel aufgeklärt werden, hat die Allianz ebensowenig ergriffen, als sie sichs angelegen sein ließ, über die Zahl und die Berufsverhältnisse der Emigranten irgendwelche Daten zu sammeln. Es herrscht eben in der Allianz gerade so wie im Präsidium der Kultusgemeinde eine schreckliche Angstmeierei vor der Statistik. Der komische Einwand des Dr. Stern, daß eine Emigrations-Konferenz der staatlichen Regelung der Emigration nicht vorangehen könne, ist der beste Beweis, daß die Millionäre von der Allianz die jüdische öffentliche Meinung noch immer bevormunden möchten, trotzdem sie von den Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens keine Ahnung haben. * Hofrat Dr. Fuchs gegen die polnischen Juden. Wien. Vom Hofrat Dr. Fuchs, der nicht bloß als Arzt die menschliche Pflicht, sondern als offen t- 1 i c h e r, das heißt aus den Steuergeldern bezahlter Universitätsprofessor auch die amtliche Pflicht hätte, allen, die seine Hilfe aufsuchen, dieselbe auch zu gewähren, ist bekannt, daß er die polnischen Juden nicht leiden kann. Er hat in einigen konkreten Fällen dieser Antipathie auch Ausdruck gegeben. Es wäre gut, daß sich dies nicht nur die polnischen, sondern auch die anderen Juden merken. Die feine Unterscheidung des ärztlichen Hofrates zwischen dem Honorar der polnischen und anderen Juden ist doch für die Judenheit nicht stichhältig; Gnaden aus den Händen dieses Herrn zu empfangen, wäre für einen Juden beschämend. In einer Gerichtsverhandlung, die am 23. d. M. beim Bezirksgericht Josefstadt stattgefunden hat, bemühte sich der Herr Hofrat, seine Aversion bloß auf „die polnischen Juden in Nationaltracht" einzuschränken. Also diese Nationaltracht wirkt auf ihn wie ein rotes Tuch. Wie verhält sich aber der Herr Hofrat zu anderen Nationaltrachten? Würde er sich auch unterstehen, deutsche oder slawische Bauern, die in seine Privat Ordination kommen, hinauszuweisen? Davon hat man noch nichts gehört! Aus dem folgenden Gerichtssaalbericht geht die Haltung des Hofrates Fuchs ganz klar hervor; für die Verbreitung desselben kann nicht genug gesorgt werden : Der Vorstand der zweiten Augenklinik Professor Hof rat Dr. Ernst F ti e h s hatte sich vor dem Bezirksgericht Josefstadt gegen eine Ehrenbeleidigungsklage zu verantworten, die der gewesene Tempeldiener Moses B i 11 e t gegen ihn eingebracht hatte. Am 7. März erschien Billet in Begleitung einer aus Galizien zugereisten Patientin in der Privatordination des Professors, um diese untersuchen zu lassen. Als Hofrat Fuchs im Wartezimmer den im Kaftan der orthodoxen polnischen Juden gekleideten Herrn Billet sah, soll er zu ihm gesagt haben: .«Sie wissen, il a Ii ich polnische Juden nicht leiden kann!1* Schließlich, nach mehr als z \v e i s t ü n d i g e m Warten, bedeutete Hofrat Fuchs der mit Billet erschienenen Patientin, daß er sie in der Privatordination nicht vornehmen könne und daß sie zur allgemeinen Ordination auf die Klinik kommen solle. Die erwähnte Aeußerung bildete nun den Gegenstand tler Klage. Hofrat F u c Ii s war zur Verhandlung nicht erschienen; sein Verteidiger erklärte, dali in der Privatordination des Hofrates Patienten der höchsten gesellschaftlichen Kreise verkehren und daß er polnische Juden in Nationaltracht nicht empfange, weil in diesen Kreisen ein Vorurteil (!) gegen sie herrsche. Als er nun im Wartezimmer den Kläger im Kaftan sah, sagte er: „Sie wissen, daß ich polnische Juden nicht in der Privatordination vornehme, bringen Sie die Patientin auf die Klinik!" Darin liege keine Ehrenbeleidigung und der Professor habe das gute Recht, Personen, die ihm nicht passen, von seiner Privatordination auszuschließen. Der Kläger Billet gab an, daß er dem Hofrat Fuchs schon viele Patienten gebracht habe und stets den Kaftan getragen habe. An dem kritischen Tage habe ihn Hofrat Fuchs in ein Nebenzimmer rufen lassen und habe gesagt: „Sie waren schon lange nicht bei mir, Herr Billet!" Er antwortete: „Vor vier Wochen war ich erst mit einer Patientin aus London bei Ihnen."' Darauf sagte der Professor : „Sie wissen, i c h 1 e i d e nicht polnische Jude n,u worauf der Kläger bemerkte: „Bis heute hab' ich das nicht gewußt, Herr Professor!" Der Hofrat sagte zuerst, er werde die Patientin doch vornehmen; allein nach zwei Stunden meinte er: „Herr Billet, kommen Sie morgen mit der Patientin ins Spital." Billet antwortete: „Das habe ich mir, Herr Professor, bei Ihnen nicht verdient; ich werde Sie wegen Ehrenbeleidigung klagen!'; Bezirksrichter Dr. Bilek sprach den angeklagten Hof rat f r e i, weil er in der inkriminierten Aeußerung keine Khrcnbeleidigung erblicken konnte. Sie richtete sich nicht gegen die polnischen Juden, sondern gegen deren Tracht {'?). 1 >ic Aeußerung der Hofrates, daß er polnische Juden nicht leiden könne, sei ein Ausdruck des Gefühles, wie man von Sympathie oder Antipathie spricht und sei nicht vom Standpunkt einer Ehrensache, sondern vielmehr von dem einer Geschmacksachc zu beurteilen. Uebrigens hätte der Freispruch schon erfolgen müssen, weil die Aeußerung nicht öffentlich gefallen sei. Der Kläger meldete die Berufung an. Deutsches Reich. Verein für Statistik der luden. Berlin. Die Hauptversammlung des Vereins für Statistik der Juden, welche am 2. Mai 1910 im Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde in Berlin stattfand, nahm in diesem Jahre einen besonders interessanten Verlauf. Mit Rücksicht auf Punkt II der Tagesordnung, der ein Referat von Dr. oec. publ. J. Sega 11 über „Die Statistik im Dienste der jüdischen Gemeinden" brachte, hatten Mitglieder des Vorstandes und des Repräsentanten-Kollegiums sowie die Syndici der Berliner Jüdischen Gemeinde ihre Beteiligung an der Versammlung zugesagt. Nachdem der Vorsitzende des Vereins, Dr. N o s s i g, die Versammlung eröffnet hatte, ergriff der erste Vorsitzende des Kuratoriums, Geh. Sanitäts-Rat Dr. Maretzky, das Wort, um die Vertreter der Berliner Gemeinde sowie die der jüdischen Großorganisalionen, die im Kuratorium des Vereins verteten sind, zu begrüßen. Er sagte:

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