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Neue Nationalzeitung · 1910-05-27 · Heft 11 (27.5.1910) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 11 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 11 „Neue National-Zeitung" Seite 9 Das Referat, welches keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, sollte zeigen, von welch hervorragender praktischer Bedeutung die Statistik auch für die jüdische Gemeinde, insbesondere die Großgemeinde sein kann. Statistik und Taufbewegung. In der darauffolgenden Diskussion regte Dr. med. Arthur Kahn, anknüpfend an das Segallsche Referat, zunächst die Frage der Verwendung der Statistik zur Erfassung jener Mißstände an, die die Taufbewegung unter den Juden befördern. Die Uebertritte hängen zum großen Teile mit der Vernachlässigung des jüdischen Religionsunterrichtes und dem Besuche des christliehen Religionsunterrichtes durch jüdische Kinder zusammen. Hier, an der Wurzel der Bewegung könnten statistische Aufschlüsse von Nutzen für die jüdischen Gemeinden sein. Prof. Dr. B1 a s c h k e dankte im Namen der Vertreter der Berliner Gemeinde für die Einladung des V. f. St. d. J. und schilderte auf Grund eingehender Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse die Schwierigkeiten, welche einer statistischen Feststellung der für den Religionsunterricht und die Taufbewegung unter den Kindern in Frage kommenden Momente entgegentreten. Die jüdischen Gemeinden müßten beim Provinzialschulkollegium oder beim Minister intervenieren, damit ein vollständiges Material trbiacht werde; die Bearbeitung lückenhaften Materials wäre zwecklos. Die jüdischen Religionslehrer seien vom besten Willen beseelt und würden sicherlich nach Kräften dazu heitragen, um die erwünschte Klarheit zu verschaffen. Kindertäuflinge. Uniy.-Prof. Dr. R o s i n sprach sich gegen die Anführung der Namen der ermittelten Kindertäuflinge aus, da dieser Modus, weitentfernt als Festnagelung abschreckend zu wirken, erfahrungsgemäß in manchen Fällen zur Nachahmung ermuntere. Dr. M. Friedländer, Generalsekretär der Berliner Gemeinde, teilte mit, daß das Polizeipräsidium halbjährige Berichte an die Gemeinde gelangen lasse, aus der die Beteiligung jüdischer Kinder an dem christlichen Religionsunterricht und ihre Uebertritte ersichtlich seien. Dieses Material gestatte jetzt schon eine statistische Bearbeitung, die sicherlich von Nutzen wäre. Schließlich wies Dr. Friedländer auf die bereits vorliegende verdienstvolle Arbeit von Dr. Blau über die Austritte in Berlin hin. Zum Schlüsse erstattete Dr. Blau an Stelle des abwesenden Schatzmeisters den Kassenbericht für die Zeit vom 1. März bis 31. Dezember 1909. Nachdem von Herrn Ph. Sachs erstatteten Revisionsbericht wurde dem Vorstand des Vereines Entlastung erteilt. * Die Judenverfolgungen in Russland. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält folgende, Telegramme: Petersburg, den 20. Mai. Die Ausweisungen jüdischer Familien aus ihren bisherigen Wohnorten nehmen in Rußland; einen immer größeren Umfang an. Neben der grausamen Austreibung von vielen hunderten Familien aus Kiew* die nun wohl unabwendbar bevorsteht^ kommen aus. Mos k au Nachrichten über Ausweisungen von unglaublicher Herzlosigkeit. Es verlautet, daß; die Moskauer Behörden von h ö c h s t e r S t e 11 e den Auftrag, hätten, unter allen Umständen die Zahl der jüdischen Einwohner in Moskau zu vermindern. Wenn man den Familienhäuptern nichts anhaben hann, so hat man folgende unmenschliche Methode gefunden, um zum Ziele zu kommen. Unter irgendeinem Vorwand weist man di e E i n d-e.r de<r F a m i 1 i e.n a u sr selbst Kinder im allerzartesten Alter. So wurde das zweijährige Töchterchen der Hebamme Bermann ausgewiesen, weil der Mann sich auf Geschäftsreisen befand und man erklärte, daß das Kind nur während der Anwesenheit des Vaters das Wohnrecht für sich habe. Die Mutter hat als Hebamme selbständiges Wohnrecht. Aehnliche Fälle von Kinderausweisungen, wenn die Väter vorübergehend abwesend sind und selbst dann, wenn die Mütter als Zahnärztinnen oder Hebammen usw. das Wohnrecht besitzen, stehen in Moskau auf der Tagesordnung, obwohl ein Senatsbeschluß sich in solchen Fällen gegen die Vollziehung der Ausweisung ausgesprochen hat. Durch solche Maßregeln will man selbst wohnberechtigte jüdische Familien zwingen, Moskau zu verlassen. Kiew, den 20. Mai. Die Ausweisungen der jüdischen Familien aus Kiew werden jetzt mit Gewalt durchgeführt, und zwar in der grausamstenWeise. Angesehene jüdische Bürger werden von Schutzmannkordons in die Mitte genommen und gruppenweise zur Polizei geführt. Selbst in dringendsten Fällen wird höchstens ein Aufschub von zwei Tagen gewährt. Ein Teil der Ausgewiesenen wird per Schub weggebracht. Ganz unerwartet erhalten zahlreiche weitere Familien und Personen, die bisher verschont geblieben sind, von der Polizei Ausweisungsbefehle, in denen den Betroffenen nur eine 24stündige Frist zum Verlassen der Stadt festgesetzt wird. Unter der jüdischen Bevölkerung in Kiew herrscht infolge dieser brutalen Vorgänge eine verzweifelte Stimmung. ÄLL5N WKKEiLCN Karl Goldmark, der berühmte Komponist, ist anläßlich seines 80. Geburtstages vom Kaiser durch Verleihung des Ehrenzeichens für Kunst- und Wissenschaft ausgezeichnet worden. Goldmark ist der erste Jude, der diese hohe Auszeichnung erhielt. Dagegen hat es die Wiener Kommune unterlassen, dem Meister auch nur zu gratulieren. Der neue Bürgermeister, Dr. Neumayer, will wahrscheinlich beweisen, daß er nicht nur beschränkt, sondern auch taktlos ist. Von zahlreichen Opern Goldmarks ist gerade diejenige die beste, in der seine jüdische Individualität am prägnantesten zum Ausdruck gelangt: Die Kön igin von S a b a. In Bezug auf musikalischen Wert und materiellen Erfolg ist ihr keine der späteren Opern Goldmarks gleich. Elise Orzeszko, die berühmte polnische Romanschriftstellerin, ist in Grodno gestorben. An ihrer Bahre trauern auch die Juden Polens, für die sie in ihren Romanen „Eli Makower", „Meir Ezofowicz" u. a. eine liebevolle Gesinnung an den Tag gelegt hat. Wohl predigte Frau Orzeszko den Juden Assimilation, aber als den Weg hiezu betrachtete sie die gemeinsame Annäherung* die gegenseitige Duldung und die wahre Liebe. Am Leichenbegängnisse der Dichterin haben die Warschauer Kultusgemeinde und zahlreiche jüdische Vereine teilgenommen. Abnahme der westlichen! Jude». In der „ Zeitschrift für Sozialwissenschaft" hat kürzlich Dr. Rudolf Wasserm ann (München) darauf aufmerksam gemacht, daß die Geburtsziffer der Juden in Westeuropa in einer Weise zurückgehe, die dort den Fortbestand der Rasse in Frage stelle. Auf 1000 Juden kommen heute im Deutschen Reiche zum Beispiel nur noch zwischen 18 und 19 Geburten, also weniger als - in Frankreich (20) und nur gerade so viel wie in Paris mit seiner außerordentlich geringen Geburtenziffer. Die Folge davon ist, daß heute schon die Zahl der Juden in einigen Staaten Deutschlands abnimmt und daß

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