Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1910-05-27 · Heft 11 (27.5.1910) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 11 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425801-2425813--1692-2428068
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 11 „Neue National-Zeitung" Seite 5 DIE JÜDISCHE Neue Auswanderungsplätze für die Juden. Der große Strom der jüdischen Auswanderer, der alljährlich nach New-York und in die anderen großen Städte Amerikas mündet, bereitet den jüdischen Bürgern und auch den christlichen Judenfreunden Amerikas schon lange große Sorgen. Seit einiger Zeit sucht man die Emigranten auf neue Auswanderungsplätze aufmerksam zu machen. Der Präsident des Untersttitzungsvereines für jüdische Auswanderer, Richter Leo Sanders, hat jüngst in einem amerikanischen Blatte über dieses Thema folgendes geschrieben: „Es ist unsere Pflicht, die Juden, die aus Rußland, Rumänien und Galizien auswandern wollen, wissen zu lassen, daß Amerika nicht nur aus der Stadt New-York allein besteht. Amerika ist so groß, daß sich die Juden der ganzen Welt im vierten Teil des Staates Texas niederlassen könnten. Man muß den jüdischen Emigranten sagen, daß Maschinen nicht nur dazu erfunden wurden, um Kleider anzufertigen und daß die fette Erde Amerikas selbst tausendmal mehr erzeugen kann, als alle Woll- und Baumwollfabriken zusammengenommen, kurz, daß man mit dem Pflug viel mehr als mit der Schere und dem Bügeleisen verdienen kann. Es ist Pflicht eines jeden amerikanischen Juden, seine Freunde oder Bekannte, die aus Europa auswandern wollen, aufmerksam zu machen, daß in Amerika nicht bloß ein Haten New-York, sondern auch Galveston existiert, ein Land, in dem Emigranten gern gesehene Gäste sind, ein Land, das auf ihre Arbeitskräfte wartet; wo die Bäume fruchtbeladen sind und wo die Erde voll Mineralien ist; wo das Klima gesund ist und wo jeder arbeitsame Mensch glücklich sein kann". Gleichzeitig hat auch der frühere Gouverneur von Alaska, Mr. Br ed-ie, gegenüber Vertretern New-York er Blätter geäußert, daß Alaska für die jüdischen Emigranten ein geradezu idealer Atiswanderungsplatz sei. Bisher wußten wir, daß Alaska wohl große Goldfelder habe und daß nur der Drang nach Reichtum Menschen dazu bewegen konnte, in dem kalten Klima Alaskas zu leben! Doch Mr. Bredie spricht von einem mäßigen Klima. Er erzählt von Urwäldern, die gefällt werden können, von Feldern, die sich an den Ufern ungeheuerer Teiche erstrecken, von Fabriken, die errichtet werden können und versichert, daß der Boden Alaskas ungeheuere Reichtümer an Gold, Kupfer, Marmor und Kohlen besitzt. Mr; Bredie wundert sich, daß sich die jüdischen Emigrantenin Amerika in de» großen Städten zusammen^ EniQRdTION. pferchen und nicht dortbin gehen, wo sie sich ein Paradies auf Erden schaffen könnten. In Alaska, meint er, werden die Juden nicht gezwungen sein, nur vom Handel oder Handwerk zu leben. Sie können dort Ackerbauer werden, wie ihre Vorfahren in Palästina waren; sie können auch aus den Reichtümern der Erde Nutzen ziehen. Sie können säen und fischen. Sie können Viehzucht treiben und Fabriken errichten. Sie können gruppenweise einwandern und Kolonien gründen. Sie hätten den großen Vorteil, daß eine Gruppe von 300 Personen, nach den Gesetzen des Landes berechtigt wäre, ein eigenes Gemeinwesen mit vollständiger Autonomie zu gründen. Sie wären unabhängig und könnten ihre eigene Gemeindeordnung haben. Es sei nicht notwendig, daß man durch Amerika nach Alaska reist. Man kann mit der sibirischen Eisenbahn bis Wladiwostok fahren und von dort mit einem Schiff bis Alaska. Mr. Berdie versichert, den Juden, die sich in diesem „Paradiese" niederlassen wollen, auf jede Weise behilflich sein zu wollen. * Das Petersburger Emigranten-Bureau der J C A. (Seine Tätigkeit im Jahre 1909.) Ueber diese Tätigkeit liegt uns ein ausführlicher Bericht vor, der uns in erster Linie beweist, daß die Emigration immer mehr zur Kardin alfrage des sozialökonomischen Daseins des russischen Judentums wird. Seit 1908 ist die Zahl der Stellen, in denen das Informations-Bureau seine Vertreter hat, von 360 auf 433 gestiegen. Diese Vertreter traten vielfach in gemeinsamen Beratungen zusammen. Das Bureau veröffentlicht das in jüdischer Sprache erscheinende Informationsjournal „Der jüdische Emigrant", wo die Auswanderer die für sie wichtigen Angaben über die Reisebedingungen, Zulassungsbestimmungen, Arbeitsverhältnissen in den Einwanderungsländern etc. finden. — Die ärztliche Hilfe äußerte sich hauptsächlich in einer mehr oder weniger wirksamen Bekämpfung der Augenkrankheiten, insbesondere des Trachoma bei den Emigranten. — Die juristische Hilfe beschränkte sich auf die Erleichterung der Erlangung eines Reisepasses. In außerordentlichen Fällen gewährte das Zentralkomitee kleine Darlehen denjenigen Emigranten, die Schiffskarten bereits erhielten, aber noch keinen Reisepaß hatten. Es waren im Jahre 1909 115 solcher Fälle; die Gesamtsumme der Unterstützungen betrug 1806 Rubel. Die Zahl von Personen, die sich um Informationen an die Zentrale wie auch an die örtlichen Bureaus wandten, ist im vergangenen Jahre bedeutend gewachsen und zwar von 16.000 (1908) auf 33.000 (1909). Im NordwesÜichen Rayon betrug diese Zahl im Jahre 1908 4.934, im Jahre 1909 10.085. Als Ursache der Auswanderung gab die tiberwiegende Mehrzahl (za. 65 Prozent) an: die drückenden ökonomischen Bedingungen, teilweise (20—30 Prozent) Familienverhältnisse. Im Südwestlichen Rayon, wo die Zahl der Informationsstellen von 133 (1908) auf 177 (1909) gestiegen ist, sehen wir ungefähr dasselbe Bild. Im Südlichen Rayon hat die Auswanderung 1909 bedeutend zugenommen. Hier geht der Depossedierungs- und Deklassierungsprozeß der jüdischen Bevölkerung mit erschrekkender Rapidität vor sich. Eine bedeutende Zahl der Auswanderer nahm ihren Weg üher Libau — za. 22.000 — gegen etwa 12.000 im Jahre 1908. Im allgemeinen nahm die Auswanderung aus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.