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Neue Nationalzeitung · 1910-05-27 · Heft 11 (27.5.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 11 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 11 „Ich wünsche durch Sie allen diesen Herren meinen Graß zu entbieten und zu sagen, wie sehr es mich freut, dieselben hier zu sehen. Es befinden sich mehrere alte Freunde unter denselben, mit denen ich auf dem Schlachtfelde gekämpft und die dort geblutet haben. Ich spreche nur die absolute Wahrheit, wenn ich sage, daß es keine andere Klasse von Bürgern geben kann, von deren Hingebung an unser gemeinsames Vaterland ich fester tiberzeugt wäre, als der in Ihrer Körperschaft vertretenen, keine, von denen ich mit größerer Freude höre, denn ich weiß, daß alles, was von denselben ausgeht, dazu beiträgt, die Lage aller unserer Bürger zu bessern. Ich begrüße Sie mit großem Vergnügen." Am 15. Juni 1903 überreichte ein von dem Orden B'n a i B r i t h ernanntes Komitee in Washington dem Präsidenten Roosevelt eine Denkschrift an den Zaren, in welcher die Vermutung ausgedrückt wird, daß dem Zaren nicht bekannt sei, bis zu welch hohem Maße die russischen Juden unterdrückt werden. Gelegentlich des Empfanges des erwähnten Komitees hielt Roosevelt folgende Rede: „Ich habe wohl nicht nötig, der weitverbreiteten Entrüstung Ausdruck zu geben, mit der das ganze amerikanische Volk die fürchterlichen Ausschreitungen gegen die Juden in Kischinew aufgenommen hat. Es ist mir in meiner ganzen Erfahrung kein Fall bekannt, bei dem sich in diesem Lande eine rasehere Sympathiekundgebung für die Opfer und ein tieferer Ausdruck des Abscheus über die Greuel der entsetzlichen Vorgänge geltend gemacht hätte. Es ist natürlich, daß die Gefühle, die die ganze zivilisierte Welt beherrscht haben, in den Vereinigten Staaten am stärksten und intensivsten zum Ausdruck kommen, denn die Vereinigten Staaten sind von allen großen Mächten gerade das Land, in dem von Beginn seines nationalen Bestehens das meiste geschehen ist, um das an der jüdischen Rasse begangene Unrecht gutzumachen und den amerikanischen Bürgern jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Eines der rührendsten Gedichte unseres großen Dichters Longfellow ist dem jüdischen Friedhofe in New York gewidmet, und wer immer die alten Begräbnisstätten unserer Städte besucht, die Zeugnis ablegen von den alten Kolonialzeiten, wird dankbar viele Namen von Amerikanern jüdischer Rasse lesen, die im Frieden wie im Kriege in vollem Maße zur Begründung dieser Nation beigetragen haben. „Von den vielen Versammlungen der Kriegervereine, denen ich beigewohnt habe, bleibt mir eine besonders unvergeßlich. Es war dies eine Versammlung, die von Kriegsveteranen jüdischen Glaubens im Tempel Emanu-El in der 44. Straße zu New York zur Begrüßung der heimkehrenden Krieger aus dem spanisch-amerikanischen Kriege abgehalten wurde. Als ich selbst dem Heere angehörte, focht neben mir einer der besten und tapfersten Hauptleute des Regiments, ein J u de. Einer der Schiffskommandanten, der sich bei der Blockade der kubanischen Küste rühmlich hervortat, war ein Jude. In meinem eigenen Regiment beförderte ich fünf Leute wegen Tapferkeit in der Schlacht zu Offizieren. Zufälligerweise ergab es sich — denn ich hatte keine Ahnung, welcher Religion die Leute angehörten —, daß davon 2 Protestanten, 2 Katholiken und einer Jude war. Obgleich dies, wie gesagt, ein großer Zufall war, so ist. die Sache doch bezeichnend für die religiöse Zusammensetzung unserer Nation und für die Tatsache, daß alles, was von einem Mann hier verlangt wird^ ist, daß er ein, guter Amerikaner sei, einerlei, welches Glaubens er ist, noch wo seine Wiege gestanden hat. „Lassen Sie mich Ihnen eine kleine Begebenheit erzählen, die Bezug hat auf die Frage der Rassen- und Religipnsverfolgungen. Vielleicht erinnern Sie sich — sicherlich werden sich einige meiner New-Yorker Freunde daran erinnern — daß während der Zeit, als ich Polizeikommissär in New-York war, ein Geistlicher (gemeint ist Ahlwardt. D. Red.) von Europa kam, um in New-York eine antijüdische Agitation ins Leben zu rufen, und daß er seine Absicht kundgab, Versammlungen abzuhalten, in denen die Juden angegriffen werden sollten. Die Angelegenheit wurde mir unterbreitet, ich halte aber natürlich keine Befugnis, die Versammlungen zu untersagen. Nach reiflicher Ueberlegung wählte ich einen jüdischen Polizeisergeanten und 40 j ü d i s c h e Schutzleute aus, um den Agitator in den Versammlungen zu schützen, so daß er in seinen Hetzreden gegen die Juden ausschließlich von Juden beschützt ward. Meiner Idee nach war das die beste Antwort, die ihm gegeben werden konnte, und gleichzeitig war das eine Aeußerung, wie wir Amerikaner dergleichen Sachen behandeln. „Einen Schutzmann stellte ich unter folgenden Umständen an: Bei einem Besuch des christlichen jungen Männervereins wurde mir von einem jungen Juden erzählt, der bei einem Brande unter großer Lebensgefahr Leute aus dem Hause gerettet hatte. Die allgemeine Ansicht war, daß dieser junge Mann das richtige Zeug für einen tüchtigen Polizisten in sieh habe. Ich ließ ihn zu mir kommen und riet ihm, sich zum Examen zu melden. Er tat es, bestand die Prüfung und wurde nicht nur ein vorzüglicher Schutzmann, sondern benützte sein Gehalt auch dazu, seine jüngeren Brüder und Schwestern etwas lernen zu lassen. Für seine Ersparnisse ließ er außerdem seine alten Eltern aus Rußland kommen und sorgte für sie hier. „Ich habe Ihnen einige Beispiele von Männern gegeben, die unter mir in. meinem Regiment und in der New-Yorker Polizei gedient haben. Aber außerdem sind einige meiner besten Freunde, einige, mit denen ich im engsten Kontaktim politischen Leben verkehre, Juden. Ich empfinde daher natürlicherweise einen großen Grad persönlicher Sympathie und persönlicher Empörung über die furchtbare Tragödie und versichere Sie, daß meine Gefühle dieselben sind wie die Ihrigen, meine Herren." Anläßlich des 250jährigen Jubiläums der Einwanderung der Juden in Amerika schrieb Roosevelt an Jakob Schiff: „Die Israeliten sind mit der großen Masse amerikanischer Bürger unlösbar vereint." Schließlich kam Roosevelt auch in seinem jüngsten Berliner Vortrag über „Die Kulturbewegung der Welt" auf die Juden zu sprechen. Er sagte: „Ganz merkwürdig war das kleine Volk der Juden, schwächer als die Schwestervölker Moab und Damaskus. Gleich diesen und anderen kam es unter fremdes Joch, aber es lebte weiter, als andere starben, und trug zum geistigen Leben eine Reb'gion bei, die der mächtigste Faktor der späteren Menschheitsgeschichte geworden ist." Also ein Phil ose mit reinsten Wassers! £-JNichfc umsonst haben sich die Wiener Rathausherren anläßlich seines Wiener Besuches so zurückhaltend: benommen. Das wird ihm aber in Amerika gewiß nicht schaden.

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