Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 11 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425801-2425813--1690-2428066- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 11 „Neue National-Zeitung' Seite 3 POLITISCHE RMNbSQH/W. Niko von Wassilko denunziert. Herr Nikolai von Wassilko erfreut sich eines besonderen Wohlwollens bei der Wiener Judenpresse. Er versteht nämlich die Mache. So oft er irgendwo eine Rede hält oder sich einen Empfang bei seinen Bauern bestellt, sendet er gleich hundertzeilige Depeschen an die Wiener Blätter. Und er glaubt wirklich, daß er Jemand ist. Seit einiger Zeit hat dieser bisher unschädliche Reklameheld eine Politik eingeschlagen, die entschieden ins a n t isemitische Fahrwasser hinübergeht. Nachdem er Juden und speziell dem Bündis mit Dr. Straucher seine Position in der Bukowina zu verdanken hat, beginnt er nach der asemitischen Methode der galizischen Schlachta die ruthenischen Bauern zum Boykott der Juden zu verhalten. Wir haben bereits anläßlich der Debatte über den Wahlkatasler im Bukowinaer Landtag darauf hingewiesen und auch bedauert, daß Dr. Straucher aus Gründen politischer Taktik diese Haltung seines Bundesgenossen nicht festgenagelt hat Allein Herr von Wassilko, der „Judenfreund", begnügt sich mit der Organisation antijüdiscber Genossenschaften und mit der wirtschaftlichen Aushungerung der armen Bukowinaer Landjuden noch nicht. Es scheint im Interesse seines Strebertums zu liegen, daß er die Juden auch politisch denunziert. Und so haben wir denn jüngst gehört, wie er anläßlich einer Polemik gegen Kramar im Budget-Ausschuß erzählte, daß es jüdische Wähler waren, die für die hochverräterischen Russophilen bei den Reiahsratswahlen in der Bukowina gestimmt hätten . . . Es ist traurig, daß die jüdischen Ausschuß-Mitglieder Dr. Kolischer und Dr. Diamant, die Abgeordneten jüdischer Majoritäten in Kolomea und Lemberg, diese Denunciation schweigend hingenommen haben. Das wundert uns von diesen Herren nicht. Aber wir erwarten, daß Dr. Straucher endlich diesem seinem Freunde heimleuchten wird. Die Ehre der jüdischen Bevölkerung steht ja doch höher als persönliche Interessen; Dr. Straucher hat als Repräsentant der Bukowinaer Judenschaft die Pflicht, diesem Denunzianten das Handwerk zu legen. Das Fratenisieren mit Niko Wassilko könnte sonst der politischen Reputation des Herrn Dr. Straucher noch sehr unangenehm werden. Zionisten und Landespolitiker. Das Krakauer Konventikel. Ueber Initiative der vier jüdischen Abgeordneten, die sich „Jüdischer Klub" nennen, hat am 15. und 16. Mai unter Ausschluß der Oeffentlicfykeit eine Konferenz der bestehenden zionistischen Organisationen in Krakau stattgefunden. Den Zweck dieser Besprechung bildete die Schaffung einer österreichischen Reichsorganisation. Sie wurde beschlossen und ein Statut hiefür genehmigt. Nur von der Seele einer jeden Organisation wollten die Herren nichts wissen: von einem Programm. Herr Dr. Gabel meinte in seiner Eröffnungsrede, daß die Konferenz „auf Grundlage des zionistischen Weltp rogramms" tage. Im Texte seines Referates führte er aber aus, daß der Reichsorganisation alle jene Vereine anzugehören haben, welche auf dem jüdisch-nationalen Programm stehen . . . Daß diese zwei Sätze mit einander in Widersprüche stehen, weiß aber jeder, wenn er nicht verwirrt ist oder nicht verwirren, will. Das „zionistische Weltprogramm " von Basel ist kein „jüdisch-nationales" Programm, weil es die Landespolitik ganz ausschaltet. Wo ist also das „jüdisch-nationale Programm"? „Wir sind in erster Reihe Zionisten, in zweiter Reihe Landespolitiker." Mit diesen Worten bezeichnete Herr Stand jüngst auf dem Lemberger Parteitage das Verhältnis des Jüdischen Klubs zur Landespolitik. Wenn Herr Stand aufrichtig wäre, müßte er dieses Verhältnis anders erklären: „Wir sind Zionisten aus Ueberzeugung und Landespolitiker wegen der Mandate." Bei manchem Herren könnte es auch umgekehrt heißen. Mit dieser merkwürdigen Rolle hängt auch ihre Scheu vor einem klaren, offenen politischen Programme zusammen. Als Baron Beck den Klub vor zwei Jahren zum ersten Mal hat, da war seine erste Präge nach dessen Damals ist keiner mit dem „zionistischen Weltherausgerückt. Sie wurden verlegen. Und was sie dem Minister-Präsidenten als jüdisch-nationales war der Broschüre Land aus .Der empfangen Programm. programm schließlich Programm kundgaben, Polenklub und seine Hausjuden" entnommen. Zionismus und Landespolitik schließen sich nicht aus; sie sind aber auch nicht identisch. Es gibt jüdischnationale Männer, die nicht nach Köln gravitieren, die ihre ganze Lebensarbeit dem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Wohle des jüdischen Volkes in Oesterreich widmen wollen. Wenn Herr Stand das nicht tun will, dann mag er sich ausschließlich der zionistischen Propaganda zuwenden; auch dies ist ein gutes jüdisches Lebenswerk. Aber daß die Herren Stand, Gabel und Genossen, die „in erster Reihe" Zionisten sind, das heißt die sich in ihrer gesamten agitatorischen Tätigkeit vom Baseler Programm leiten lassen, deshalb auch berufen oder befähigt wären, in der inneren Politik des jüdischen Volkes eine führende Rolle zu spielen, muß stark bezweifelt werden. Männer, die nicht einmal fähig sind, dem Volke in der Form eines Programmes eine bestimmte klare Richtschnur für seine Entwicklung vorzuschreiben oder ihm eine bestimmte politische Idee zum Bewußtsein zu bringen, haben sich damit aus der Reihe seriöser Politiker ausgeschaltet, Die jüdische nationale Politik in Oesterreich verträgt keine Verschwommenheit und Geheimtuerei; sie darf auch nicht „in zweiter Reihe" betrieben werden. Das Krakauer Konventikel hat bewiesen, daß die zionistischen Führer weder die politische Bildung noch die politische Schulung besitzen, um eine jüdischnationale Reichsorganisation zu schaffen. Das werden schon andere machen müssen. Theodor "Roosevelf und die. Juden. Die Reise des nordamerikanischen Ex-Präsidenten, der seine politische Rolle noch lange nicht ausgespielt hat, durch Europa, gleicht einem wahren Triumphzuge. Die Monarchen und höchsten Aristokraten wetteiferten, ihm die Beweise ihrer Gunst zu bieten; die Universitäten verliehen ihm die höchste Auszeichnung: das Ehren- Doktorat; die öffentliche Meinung war von ihm begeistert. Mr. R o o s e v e 11 ist im Gegensatz zu den politischen Größen in Oesterreich und in Deutschland, wie Lueger und Bismarck, die sich besonders durch ihre gehässige Agitation gegen die Juden bei den breiten Schichten ihres Volkes beliebt zu machen suchten, ein wahrer, offener, rückhaltsloser Freund des jüdischen Volkes. Das beweisen seine mannigfachen Reden, Briefe und sonstige Aeußerungen; von denen wir die markantesten hier anführen wollen. Während seiner Präsidentschaft antwortete Roosevelt einer Deputation des Komitees zur Wahrung der religiösen und bürgerlichen Rechte der Juden in Amerika: