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Neue Nationalzeitung · 1910-05-27 · Heft 11 (27.5.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 11 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Neue National-Zeitung" Nr. 11 religiöser Lethargie, nach einer feigen Fahnenflucht und blinden Hinneigung zu allem fremden. Und zu den führenden Geistern zählte neben Hirsch vor allen anderen tapfer kämpfend, die,Fahne Judas stets hochhaltend Abraham Geiger. Wir wollen hier nicht, im Rahmen eines knappen Zeitungsaufsatzes, das ganze so reiche literarische Leben und öffentliche Wirken dieses Mannes auseinandersetzen, wie er 1833 Rabbiner zu Wiesbaden wurde, 1840 nach Breslau und 1863 nach Frankfurt a. M. ging, schließlich 1870 einem Rufe nach Berlin folgte, wo er auch an der, 1872 errichteten »Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" Vorlesungen hielt. Wir verweisen auf das Werk seines Sohnes Ludwig Geiger, der auch seine Schriften herausgegeben: „Abraham Geigers Leben in Briefen" (Berlin, 1878). Schreiber hat ihn als „Reformator" in einer eigenen Schrift (Loebau 1879) geschildert. Wir wollen vielmehr hier aus längst verschollenen und vergilbten Blättern manches anführen, was dafür Zeugnis ablegen soll, wie sich die Erscheinungen im Leben und in der Kultur des Judentums immer und immer wiederholen. Geiger hatte während seines Wirkens in Breslau eine Broschüre „lieber den Austrittaus dem Judentum" veröffentlicht. (Offenes Sendschreiben an Herrn M. Maaß, Breslau, 1858.) Es sind drei Briefe, von denen namentlich der dritte von ausgezeichneter Diktion ist. Er wendet sich in dieser Broschüre namentlich gegen den Gewissensmord, gegen den aus gemeinen Gründen des Eigennutzes oder der Bequemlichkeit erfolgenden Uebertritt. Und welche Individuen geißelt Geiger besonders in seiner Broschüre? Man höre und vergleiche die Zeit vor 52 Jahren mit unserer heutigen und man ward mit dem „Prediger" ausrufen: „Nichts neues unter der Sonne." Er spricht gegen die Verräter an unserem Glauben, die getauften Juden, jene charakterlosen Ueberläufer, welche leider unter uns mit viel zu wenig Verachtung behandelt werden, die in jüdischen Gesellschaften mit viel Herablassung sich noch als Juden gerieren, die auf Mauscheln und Kauderwelschen sich etwas zugute tun, ja, sich nicht entblöden, da und dort sogar in jüdischen Gemeindeangelegenheiten noch eifrig zu agitieren! In dieser Broschüre nimmt Geiger das neuere Judentum gegen den Vorwurf eines verwaschenen Deismus und Rationalismus in Schutz und kämpft gegen die Meute an, welche das Judentum des Irrtums, der Gottesverleugnung, ja des Gottesmordes zeiht... Wie mächtig fühlt ein jeder, der gewisse Erscheinungen unserer Zeit beobachtet, sich zu diesem Manne hingezogen, der, von hoher Begeisterung getragen, nichts mehr und nichts weniger beabsichtigte, als Lehre und Leben im Judentum in Einklang zu bringen, das Judentum nicht einem blinden Gesetze zu unterwerfen, sondern seine innere sittliche Kraft frei zu entfalten und die Wissenschaft mit der Religion zu vereinen. Er wurde zwar nicht der Inaugurator der sogenannten wissenschaftlichen Theologie mit der ausgesprochen reformatorischen Tendenz, aber sicherlich ist er ihr mutigster Vertreter. Nicht nur hat er diese seine reformatorischen Ziele in der von ihm begründeten „Zeitschrift für jüdische Theologie", sondern auch in der „Jüdischen Zeitschrift für Wissenschaft und Leben", in dem von ihm herausgegebenen „Gebetbuch" und in einer Reihe polemischer Schriften vertreten. Gegen ihn trat insbesondere sein Jugend- und Studienfreund Samson Raphael Hirsch auf, dessen 100. Geburlstag wir schon vor zwei Jahren feiern konnten. Er bekleidete seit 1847 das mährisch-schlesische Landes-Rabbinat in Nikolsburg, bis er 1851 nach Frankfurt berufen wurde, wo er' als Rabbiner der „Israelitischen Religionsgesellschaft" am 31. Dezember 1888 starb. Hirsch war Geigers gewaltigster, aber auch ebenbürtigster Gegner. Er sah die Pflicht des Juden „in der unbedingten Unterwerfung gegenüber dem Gesetz". Nicht blinden Gehorsam wollte er, sondern „eine gründliche Durchdringung des wahren Inhaltes der Gesetze, einen stets mit Bewußtsein zu übenden Gottesdienst". Was er in den „Neunzehn Briefen über Judentum" sagt, erweckte mächtigen Widerhall und die Kühnheit, mit welcher Ben Usiel, so nannte sich Hirsch, seine Ideen auch im „Horeb", dieser positiven Darstellung des Judenturas, vertritt, warb viele Freunde im Lager der Gegner Geigers. Dieser wurde nicht müde, eine umfassende literarische Tätigkeit zu entfalten. Es gibt wohl kein Gebiet des jüdischen Schrifttums, auf dem er nicht Hervorragendes geleistet hätte, sei es nun, daß er über Bibel und Talmud schrieb, sei es, daß er das Mittelalter in den Kreis seiner literarischen Tätigkeit zog. Wie er in seiner ersten Arbeit, schon 1833 nachwies, was Mohammed aus dem Judentum aufgenommen, so beschäftigte er sich mit jüdischen Dichtern und Dichtungen, die er vorzüglich verdeutschte, mit der Geschichte des Judentums, mit der der Karäer und Samaritaner, eröffnete neue und richtige Anschauungen über die Parteien der Pharisäer und Sadducäer, die er zuerst als solche und nicht als „Sekten" bezeichnete, wie dies noch immer in neueren und neuesten jüdischen Werken sehr unwissenschaftlich, aber traditionell, geschieht und gab auch, schon 1841, ein Lehr- und Lesebuch zur Sprache der Mischna heraus. Seine Predigten finden sich im II. Bande seiner nachgelassenen Schriften wieder abgedruckt. Es ist ganz unmöglich, in wenigen Worten das ganze, große, das Judentum und seine Eutwicklung umfassende Wirken dieses bedeutenden Mannes zu erschöpfen. Eine Pflicht der Dankbarkeit aber war es, jetzt wieder auf ihn hinzuweisen, da der historische Gedenktag gekommen, der uns daran erinnert, daß vor 100 Jahren dieser unermüdliche Kämpfer für die Wahrheiten des Judentums geboren wurde. Und da blättern wir mit wehmutsvollem Gedenken, mit besonderer Liebe in seinen Schriften: „Salomo Gabirol und seine Dichtungen" und in seinem älteren „D i v a n des Gastiliers A bul-Hassan Juda Halevy". In seinem „Gabirol" lesen wir die prächtige Uebersetzung des Gedichtes „D i e J u g e n d", welche wir zum Schlüsse hier anführen wollen, da es uns beziehungsreich erscheint, im Hinblick auf unsere Zeit, die der Männer, wie es G e i g e r gewesen, entbehrt. „0 süße Jugend, frischer Morgenstrahl, Gleichwie gehau'n aus glänzendem Opal, Da mir die Tage lieblich leuchtend winkten, Wo selbst die Nächte tageshell mir blinkten, Du bist dahin! Nun sind die Tage fahl, So grau und fahl, daß sie mich Nächte dünkten." Ahnungsvolles Wort des großen Salomo Gabirol. Wann wird auf die „fahlen Nächte" wieder „der Jugend frischer Morgenstrahl" auch für uns erscheinen? Einer von denen, der ihn erhoffte, ersehnte, zu erkämpfen trachtete, war sicherlich der Mann, der uns unsere Dichter des Mittelalters so wunderbar schön verdolmetschte und dem dieses schlichte Gedenkblatt gewidmet ist : Abraham Geiger.

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