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Neue Nationalzeitung · 1910-05-27 · Heft 11 (27.5.1910) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 11 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NSU5 («ONAL-ZEiOJNG XIL JAHRGANG. WIEN, 27, MAI 1910. Nr. 11. Abraham Geiger. Zu seinem 100. Geburtstage. (Geboren 24. Mai 1810 zu Frankfurt a. M., gestorben 23. Oktober 1874 zu Berlin) Von Professor Dr. M. Grünfeld. Jn dieser Zeit der Jubiläen, in welcher die Erinnerung sich so gerne, aus unseren Tagen der Epigonen, den großen Progonen, den Pfadfindern und Pfadweisern, den Kämpfern und Stürmern, den Richtung gebenden Helden und Starken auf allen Gebieten, denen des Geistes und der Kunst, der Wissenschaft und Dichtung, zuwendet, wollen wir auch unserer Großen gedenken, die, mögen sie auch oft gefehlt, mag auch ihr Können dem Wollen nicht immer genügend Gefolgschaft geleistet haben, es doch verdienen, einen Ehrenplatz einzunehmen in dem großen Ahnensaale unserer Geschichte und unseres Schrifttums. Und zu diesen jüdischen Geisteshelden ist sicherlich der Mann zu zählen, der in der Wissenschaft des Judentums einen Ehrenplatz sich erkämpft, mit Jehuda Halevys Geist gerungen und mit G a b i r o 1, in geistvollen Vorlesungen „Das Judentum und seine Geschichte" uns vorführte, in seinem Werke „Urschrift und Uebersetzungen der Bibel" den Weg zur höheren Bibelkritik einschlug, deii Pfad für folgende Forscher auch auf diesem Gebiete bahnend, das, wie es scheint, eine Domäne bleiben soll für christliche Theologen und gelehrte, nichtjüdische Orientalisten. Dieser Mann ist als Vorkämpfer dessen bekannt, was man Reform im Judentum nennt, er ist der Held, der es wagte, an den Schranken der Tradition zu rütteln: Abraham Geiger. Er hat zuerst das Wort von der „jüdischen Theologie" geprägt. 75 Jahre sind es her, daß er die „Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie" (1835) begründete, daß er unter seiner Flagge alles, was damals für die Reform des Judentums, für seine wissenschaftliche und historische Ausbildung und Entwicklung, sei es in begeisterten Predigten, sei es in wissenschaftlichen Arbeiten, arbeitete, kämpfte und stritt, sammelte. Zu seiner Fahne schworen Männer wie S a 1 o m o n und Kley, aber auch Jost, Zunz, Rapoport. Ein gewaltiges Ringen entstand nun zwischen den „Reformern" und „Orthodoxen". Hie Geiger, hie Hirsch, also klang der Schlachtruf in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Das talmudische Wort: „Diese wie jene sind Worte des lebendigen Gottes" kann auf die beiden streitenden Parteien angewendet werden. Und, so groß auch die Gefahr zu sein schien, daß sich das Judentum, das von außen verfolgte, innerlich in zwei Lager spalten werde, müssen wir doch, im Anblicke dieses Streites, in dem es sich um göttliche, religiöse Dinge bandelt, mit Ulrich von Hutten ausrufen: „Die Geister waren erwacht." Und es ist eine Freude diesen lebensvollen Kampf zweier gleichgearteter, mit allen Waffen der Bildung ausgestatteter Gegner zu betrachten, die auf eine rege Gefolgschaft hinweisen konnten. Man muß nur die Zeitschriften, etwa der fünfziger Jahre, lesen, so den im Lager der „Freisinnigen" stehenden, von LeopoldStein vorzüglich redigierten „Jüdischen Volkslehrer", um zu sehen, mit welcher Kraft die Gegner ihre Waffen schwangen. Auch in dieser Zeitschrift hat Geiger manche seiner gelehrten Arbeiten veröffentlicht, so z. B. im Jahrgange 1855 eine Selbstanzeige über seine Arbeit, behandelnd „LeondaModena, Rabbiner von Venedig (1571—1648) und seine Stellung zur Kabbalah, zum Talmud und zum Christentum, zugleich als Denkstein an dem frischen Grabe Isaak Samuel Reggios." Eine frische, lebhafte Bewegung ging damals durchs Judentum, eine Bewegung nach einer Periode

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