Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 10 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 10 von eleganter Erscheinung und seine Stellung als Vizepräsident der Handels- und Gewerbekammer beweist, daß er sich allgemeinen Ansehens erfreut. Von Seiten der Aschkenasim wird der Präsident der Kultusgemeinde Dr. R o t k o p f kandidiert, doch hat er gar keine Chancen. Die Aschkenasim sind eben in der Minorität und ihnen bleibt von zwei Mandaten — die Resignation. Hofrat Professor Dr. Leopold Oser feiert in diesem Jahre sein 25jähriges Professorenjubiläum. Der Jubilar, der Vorsitzender des Niederösterreichischen Landes-Sanitälsrates, Direktor und Primararzt des Spitals des Israelitischen Kultusgemeinde und Abteilungsvorsland der Allgemeinen Poliklinik ist, steht im 71. Lebensjahre und tritt mit Ende des heurigen Studienjahres von seinem Lehrberufe zurück. Der ungarische Adel gegen die Taufjuden. Der Chauvinismus und die Assimilationssueht der ungarischen Juden haben in der letzten Zeit wiederholt eine eiskalte Dusche zu spüren bekommen. Im aristokratischen Parkklub hat die Baronin Daniel, als sie ihre Schwiegertochter, eine getaufte von N e u m a n n, als Mitglied einführen wollte, eine heftige Gegenaktion der jüngeren Mitglieder heraufbeschworen, die zur Folge hatte, daß sie selbst als Präsidentin des Damenausschusses nicht wiedergewählt wurde. Im Nationalkasino und Landeskasino sind die Aristokraten der „Stehendgetauften" völlig satt geworden und haben daher beschlossen, diese Klubs zu verlassen und einen eigenen Verein zu gründen. Einer der Dissidenten, der über die Ursache der Sezession befragt worden ist, äußerte sich folgend : „Das Landeskasino steht längst nicht mehr auf dem Niveau, welches früher diesen Klub auszeichnete. Wir haben nichts gegen die Religion der jüdischen Herren, sondern gegen ihre Person und Rasseneigenschaften etwas einzuwenden. Unser Kasino hat nicht die Aufgabe, Proselilen zu machen und wir können uns nicht mit dem Gedanken vertraut machen, jeden reich gewordenen Juden — falls er sich taufen läßt — in unsere Mitte aufzunehmen. Da ist auch der Fall L a n c s y. Herr Lancsy, der Präsident der Pester Ungarischen Kommerzialbauk, der sich ebenfalls taufen ließ, hat sich zur Aufnahme gemeldet. Er ist abgewiesen worden. Er meldete sich nochmals mit demselben Resultate. Und was geschah? Herr Lancsy meldete sich zum drittenmal und er kann es nur der seitens des gewesenen Ministerpräsidenten Wekerle entfalteten Agitation verdanken, daß er aufgenommen wurde. Solchen Fällen wollen wir uns nicht aussetzen." 1;j: Das Spital des Herrn von Fischer. Der Arzt o Dr. F i s c h e r in Czernowitz hat eine halbe Million Kronen zur Gründung eines Kinderspitals gewidmet. Da er dafür den Adel haben wollte, was ihm auch gelang, bestimmte er das Spital für — „ohne Unterschied der Konfession". Wie nun jüdische Kinder im Spital dieses „jüdischen" Philantropen behandelt werden, darüber weiß die „Volkswehr" folgendes zu erzählen : „Vom Jubiläumskinderspital. Das mit jüdischem Gelde erbaute Kinderspital ist bekanntlich allen Hilfesuchenden, ohne Unterschied der Konfession oder Nationalität, zugänglich. Das entspricht wenigstens den Intentionen derer, die es ins Leben riefen. Zumindest darf man annehmen, daß diese Bestimmung so aufgefaßt wird, daß auch jüdische Kinder dort Hilfe finden, wenn sie sie suchen. Diese Auffassung scheint aber nicht überall zur Geltung kommen zu können. Eine jüdische Mutter teilt uns nämlich mit, daß sie mit ihrem kranken Kinde im Spital erschien, um Herrn Dr. B o d e a zu konsultieren. Herr Dr. Bodea bereitete aber der unglücklichen Mutter einen Empfang, daß sie es vorzog, das Spital sofort zu verlassen und anderweitige Heilung für ihr krankes Kind zu suchen. Man kann sich nur denken, daß dieses Vorgehen ein nicht gerade sehr gutes Licht auf die Art, wie die Aufgabe dieses Institutes aufgefaßt wird, wirft. Es wäre jedenfalls sehr zu wünschen, daß man in der Leitung des Spitals darauf achtet, daß es nicht im Geiste gewisser Leute geführt werde, die nicht immer die nötige Objektivität aufbringen, um alle Parteien mit gleicher Zuvorkommenheit zu behandeln. Diese immerhin beachtenswerte Tatsache, daß die Aerzte der Anstalt von jüdischem Gelde ihren Sold beziehen, ist noch immer keine Ursache, jüdische Frauen, die für ihre Kinder Hilfe suchen, zu brüskieren." Hebräische Postadressen in Palästina. In letzter Zeit ist der Versuch gemacht worden, Briefadressen in Palästina hebräisch zu schreiben. Die betreffenden Postsendungen gelangten pünktlich und ohne Verzögerung in die Hände der Empfänger. Eine in Jerusalem erscheinende hebräische Tageszeitung hat in diesen Wochen zahlreiche Briefe und Manuskripte erhalten. Anfangs wurden die Adressen in hebräischer Sprache mit lateinischen Buchstaben abgefaßt. Jetzt werden die Adressen mit hebräischen Lettern geschrieben und die betreffenden Briefe werden von der Post richtig bestellt. Das Hebräische wird also in Palästina offiziell als gleichberechtigte Nationalsprache anerkannt. Die Judenausweisungen aus Kiew. Die für den 28. April festgesetzten Ausweisungen von 1200 jüdischen Familien aus Kiew haben nicht stattgefunden. Die Ausweisungen sind vorläufig aufgeschoben worden und zu geringem Teile aufgehoben. Nichtsdestoweniger ist die Panik unter den betroffenen Juden in Kiew, da ihr Schicksal nach wie vor ungewiß bleibt, sehr groß. Die in einigen Wiener Blättern veröffentlichten Nachrichten über angebliche Judenpogroms in Kiew sind glücklicherweise bloß der Phantasie eines profitsüchtigen Zeilenschinders entsprungen. Bei dieser Gelegenheit zeigte sieh aber in krasser Weise, wie schlecht die Wiener Presse in bezug auf Rußland bedient ist. Scholem Aleichem, der bereits Rekonvaleszent war, ist wieder schwer erkrankt. Durch das Eintreten eines Herzschlaganfalles ist sein Zustand sehr besorgniserregend geworden. Ministerialrat Dr. Theobald Pollak. Anläßlich der letzten Beförderung im Eisenbahn-Ministerium wurde Sektionsrat Pollak zum Ministerialrat ernannt. Derselbe ist nicht blos der Geburt, sondern auch der Ueberzeugung nach Jude. Kaiserl. Rat Wilhelm Pollak, ein allgemein beliebtes Mitglied des Wiener Kultusvorstandes, ist im Alter von 56 Jahren plötzlich gestorben. Der Vorstorbene war Vorstandsmitglied verschiedener kaufmännischer Repräsentationskörper und erfreute sich in der Gesellschaft großen Ansehens. Am Leichenbegängnisse haben sich auch Persönlichkeiten aus allen Kreisen der Gesellschaft beteiligt. Nicht am Platze war es, daß die Familie dieses Kultusvorstehers in der antisemitischen „Reichspost" ein Dankinserat für die Kondolenzschreiben veröffentlichen ließ. Rechtsanwalt Passauver gestorben. An einem Nierenleiden verstarb am 2. Mai einer der populärsten Rechtsanwälte Rußlands, Alexander Jakowlewitsch Passauver. Nach erfolgreicher Absolvierung der juristischen Falkultät der Moskauer Universität hatte er die Absicht, sich für die akademische Laufbahn vorzubereiten und magistrierte zu diesem Behufe. Da es ihm als Jude äußerst schwer fiel, eine Professur zu. erlangen, widmete er sich dem Berufe eines Rechtsanwalts. In den letzten Jahren ist der Verstorbeue nur sehr selten aufgetreten; der letzte Prozeß, den er führte, war die Verteidigung des ehemaligen Direktors des Polizeidepartements A. A. Lopuchin. Passauver nahm in seiner Jugend lebhaftes Interesse an jüdischen Angelegenheiten. So stand er an der Spitze einer jüdischen Abordnung vor Alexander III., anläßlich der Pogrome im Jahre 1881. -