Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1910-05-13 · Heft 10 (13.5.1910) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 10 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425801-2425812--1683-2428058
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 10 „Neue National-Zeitung" Seite 9 Ein Seh Seht er unter der Anklage der Tierquälerei. In der 141. Abteilung des Amtsgerichtes Berlin-Mitte hatte sich der Schächter Sobotki wegen Tierquälerei zn verantworten. Der Angeklagte befindet sich seit über 20 Jahren im Amte, das er zumeist auf dem städtischen Schlachthof ausübt. Die Anklage wirft ihm vor, am 20. Jänner d. J. in dem Schlachthause des Schlächtermeisters Oberländer ein Tier öffentlich und in böswilliger Absicht dadurch gequält zu haben, daß er einen nach jüdischem Ritus zu schlachtenden Ochsen nur leicht anschnitt, dann davonging und das Tier einem langsamen, qualvollen Tod überließ. Diese Anzeigen waren von dem Schlächtergesellen Groch ausgegangen. Vor Gericht bestritt der Angeklagte ganz energisch, eine Tierquälerei begangen zu haben. Ihm sei in dem fraglichen Falle, was auch bei jeder anderen Schlachtmethode vorkommen könne, der Schächtschnitt mißglückt. Da ihm ein nochmaliges Ansetzen des Messers nach seiner Religion verboten sei, habe er den anwesenden Schlächtergesellen Häusler und Groch die Anweisung gegeben, weiter zu schneiden. Hiermit habe er seiner Pflicht genüge getan. Tatsächlich ist das Tier auch dann sofort von dem Schlächtergesellen Häusler getötet worden. Der im Zuhörerraum anwesende Rabbiner Dr. Münk bat, um allen Mißverständnissen vorzubeugen, als Zeuge vernommen zu werden. Er erklärte, daß er ein doppeltes Interesse an der Aufklärung des Falles habe, da er nicht nur die Ehre der beamteten Schächter der jüdischen Gemeinde, sondern auch die Ehre der jüdischen Religion in diesem Falle zu verteidigen habe. Ein Schlachttier sei, so erklärte der Zeuge, nur dann für die jüdische Gemeinde brauchbar, wenn der Schächtschnitt in einem Zuge und ohne Pause angewendet und das Tier vollständig ausgeblutet sei. Ein Mißlingen sei bei jeder Schlachtmethode möglich: so habe er selbst gesehen, daß ein Tier vier- bis fünfmal mit dem Schlaghammer geschlagen sei, ohne daß eine Betäubung eintrat. Wenn der Schächtschnitt mißlinge, so habe der Schächter allerdings die Pflicht, wenn nicht andere zugegen seien, das Tier durch einen zweiten Schnitt zu töten. Das Tier dürfe dann eben nicht mehr zum rituellen Gebrauch verwendet werden. Es sei schon durch die Religion selbst verboten, ein Tier nur anzuschneiden und dann unnütz sich zu Tode quälen zu lassen. Da die beiden Schlächtergesellen anwesend waren, konnte und mußte der Angeklagte damit rechnen, daß diese die völlige Tütung vornehmen würden, Avie dies auch auf dem städtischen Schlachthofe allgemein üblich sei. Der Gerichtshof fällte hierauf einen Freispruch. Antisemitische Ausschreitungen bei einer Schiffskatastrophe. Die Tageszeitungen haben bereits über den Brand des Auswandererdampfers „Cairnrona" berichtet, der vor einigen Wochen von London nach Portland abgefahren und mitten im Kanal in Brand geraten ist. Auch über die wilden Schreckensszenen, die sich bei der Rettung der mehr als 1000 Passagiere des Dampfers abspielten, wobei über 20 Personen mehr oder weniger schwer verwundert und ein Kind getötet wurde, haben die Zeitungen ausführliche Meldungen gebracht. Verschwiegen haben sie indessen die Tatsache, daß sich unter den Passagieren eine große Anzahl jüdischer Auswanderer befand und daß gerade dieser Umstand der Hauptanlaß zu der Erregung der Passagiere wurde, die das Rettungswerk außerordentlich erschwerte und es beinahe unmöglich gemacht hätte. Wie nämlich jetzt bekannt wird, waren die Schreckensszenen auf nichts anderes, als auf schwere antisemitische Ausschreitungen des Gros der Passagiere zurückzuführen, die sich mit Gewalt der Rettung der Juden widersetzen wollten. Als nämlich die Matrosen ganz natürlicherweise zuerst an die Rettung der Frauen schritten, die zum größten Teil aus J üd i n n e n bestandeu, wurden die polnischen und armenischen Auswanderer wütend und wollten dies verhindern. Es entstand eine Schlägerei und die Matrosen wurden gezwungen, Waffengewalt anzuwenden. Die nichtjüdischen Passagiere mit Ausnahme der Engländer und Amerikaner benahmen sich in der abscheulichsten Weise. Auch nachdem die Emigranten gerettet waren, fanden Reibereien zwischen Juden und Polen statt, an denen sich in erster Linie auch unter den Auswanderern befindlichen deutschen Frauen beteiligten. Selbst nach der Landung in Dover mußten die Emigranten auseinandergehalten und die Juden zu ihrem Schutze in abgetrennten Abteilungen untergebracht werden. Die jüdischen Emigranten wurden später nach London gebracht, wo sie im Shelter Aufnahme fanden. Unter den im Krankenhaus in Dover untergebrachten Verwundeten befinden sich auch einige Juden. Am Erew Pessach ging das Schiff mit sämtlichen Passagieren zur Ueberfahrt nach Amerika wieder in See. Die Londoner jüdischen Gesellschaften intervenierten bei der Schiffsgesellschaft, damit für die vorschriftsmäßige rituelle Verköstigung der jüdischen Passagiere während der Pessachtage zufriedenstellend Sorge getragen werde. Es wurde den jüdischen Passagieren für diese Zeit eine eigene Abteilung eingeräumt und eine eigene Küche mit ganz neuem Geschirr eingerichtet. Ebenso wurde ausreichender Vorrat in Mazzos auf Bord genommen. Hermann Landau stellte den jüdischen Emigranten ein Sefer Thorah zur Verfügung, damit auch der Gottesdienst regulär abgehalten werden könne. LITERATUR UND KUNST, Gerichtsassessor Dr. Martin Ludwig Schlesinger: Rußland im 20. J ah rh u nd e r t. (Mit einer Uebersichtskarte des europäischen und asiatischen Rußland.) Verlag von Dietrich Reimer (Ernst Vohsen) in Berlin SW. 48. Vom selben Verfasser: Land und Leute in Rußland. (Langenscheidts Sachwörterbücher.) Langenscheidtsche Verlagsbuchhandlung in Berlin-Schöneberg. Im erstgenannten Werke unternimmt zum erstenmale ein Reichsdeutscher, das ganze russische Kaiserreich, also nicht nur das innere europäische Rußland, sondern auch Polen, die Ostseeprovinzen, Kaukasien, Sibirien und Zentralasien im Zusammenhange zu behandeln. Zu diesem Zwecke hat der Verfasser einen großen Teil der genannten Gebiete wiederholt wäk-rend vieler Monate selbst bereist, wobei er, unterstütat durch seine Kenntnis der russischen Sprache, dem Studium der Landbevölkerung besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat. Bald versetzt er uns unter Verhältnisse, wie sie in Deutschland zur Zeit der Bauernkriege bestanden, bald führt er uns in die Hütten der Nomaden in Zentralasien. Während der großen Bauernaufstände im Frühjahr 1905 ist der Verfasser als Hanfhändler zu Wagen durch die vom Aufruhr berührten Gebiete gefahren. Im zweiten Teil wird die gewaltige Volksbewegung, die Rußland in den letzten Jahren bis in seine Grundfesten erschüttert hat, von dem Standpunkte eines Ausländers behandelt, der die Ereignisse als kühler Beobachter unter der Berücksichtigung der Geschichte des Landes und der Psychologie der höheren Klassen und des niederen Volkes betrachtet. Zum erstenmale werden auch die kaiserlichen Manifeste und sonstigen Kundgebungen der russischen Regierung in einer Uebersetzung, die von einem geschulten Juristen herrührt, deutschen Lesern zugänglich gemacht. Der dritte Abschnitt bringt eine zusammenhängende Darstellung des geltenden russischen Staatsrechtes und sämtlicher staatlichen Einrichtungen. Die Mißstände in der Verwaltung, die eigenartige Sondergesetzgebung, unter der das russische Landvolk lebt, die Gerichtsverfassung, das Kommunalwesen, die Kirche, das Unterrichtswesen mit seinen studentischen Unruhen und Schülerstreiken, das Militär in seinem Verhältnis zu der Revolution, die eigenartige Organisation der Kosaken, das Eisenbahnwesen mit seinen großen Unterschleifen werden höchst anschaulich geschildert. Zum Schluß führt der Verfasser den Leser in die Reiehsduma. Er zeigt ihm aus eigener Anschauung das Wesen der russischen Volksvertretung und die Stellung der gegenwärtigen Regierung. Das Buch hat das Zeug, ein Standartwerk über Rußland zu werden. Das zweite Buch ist ein unentbehrlicher Behelf für jedermann, der sich rasch über „Land und Leute in Rußland" orientieren will. Es bildet gewissermaßen eine Quintessenz der im ersten Werke „wissenschaftlich niedergelegten Ergebnisse1* wie der Verfasser selbst erklärt. Da es als Wörterbuch alphabethisch nach Schlagworten eingeteilt ist, so ist die Orientierung sehr leicht. Die russischen Juden finden in beiden Büchern eine Avohlwollende Behandlung; die Darstellung ihrer kulturellen und sozialen Lage ist wohl skizzenhaft, aber doch instruktiv. '•S Die grossen Russen. (Puschkin, Lermontow, Gogol, Turgenjew, Tolstoj, Dostojewskij und Tschechow.) Eine Auswahl aus ihren Werken in neuer Uebersetzung, mit Einleitungen und Porträts, Von Alexander E 1 i a s b e r g. Haupt & Hammon, Leipzig. Die großen Dichter, die Rußland im 19. Jahrhundert hervorgebracht hat, sind überraschend schnell zu Weltruf gelangt. Unerreichte Tiefe der Seelenforschung und grandiose Kraft der Darstellung erklären das immer steigende Bedürfnis aller Gebildeten, sich mit den Werken dieser führenden Geister vertraut zu machen. Die zahlreich erscheinenden Gesamtausgaben sind dafür ein sprechendes Zeugnis. Das vorliegende Buch versucht nun — u. E. zum ersten Male — durch eine Auswahl charakteristischer Stücke ein lebensvolles Bild dieser unvergleichlichen literarischen Epoche Rußlands zu geben. Es hat einen bewährten Herausgeber in Alexander Eliasberg gefunden, der als Kenner und Uebersetzer russischer Literatur einen bekannten Namen hat; durch seine Neuübersetzung der Originale wurde ein mustergültiger Text gewonnen, durch seine biographischen und über das Lebenswerk der Dichter orientierenden Einleitungen eine klare Uebersicht geschaffen. Das Buch ist auch mit den Porträts der Dichter nach Gemälden geschmückt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.