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Neue Nationalzeitung · 1910-05-13 · Heft 10 (13.5.1910) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 10 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 10 kam, daß sich Renegaten um die Ehrenämter ihrer jüdischen Mitbürger bewarben? . . . Die jüdische Wählerschaft und gerade die bestsituierten Kreise, von denen man vielleicht glauben könnte, daß sie dem Judentum gleichgültig gegenüberstehen, haben mit dem Stimmzettel die Abtrünnigen von sich gestoßen und damit ihre treue Anhänglichkeit an das Judentum dokumentiert. Diese Kreise müssen nun auch positiv für das Judentum interessiert werden. Es genügt nicht, sie einmal in sechs Jahren zum Kampfe gegen die Täuflinge anzuspornen. Die Führer der jüdischen Gemeinde müssen mit diesen Kr eisen auch außerhalb der Wahlen in Kontakt treten und sie zur Arbeit im Interesse des kulturellen und politischen Aufschwunges der Wiener Judenschaft heranziehen. Der Kampf, der soeben ausgefochfen wurde, hat eben nicht bloß eine „konfessionelle" Bedeutung, wie es der sehr gemischte, getaufte und konfessionslose Anhang der Noskes, Ofners, Hocks und Austerlitz' glauben machen möchte. Bei den letzten Wahlen haben die Juden endlich den „Liberalen" die Gefolgschaft versagt. Herr Konstantin Noske und seine Partei haben in der Inneren Stadt endlich ausgespielt. Sie haben diktieren wollen, aber an der Charakterstärke der jüdischen Wähler ist der altersschwache Popanz ihrer Herrlichkeit zerschellt. Die Juden haben sich endlich von den „Liberalen" und der „Neuen Freien Presse" emanzipiert. Das ist das weitere Resultat der letzten Wahlen: ein Beweis für die zunehmende politische Reife und das erwachende Selbstbewußtsein gerade in den bestsituierten und intelligentesten jüdischen Kreisen von Wien. Es wird also doch endlich besser. Es war ja schon zum Verzweifeln. Nun zeigt es sich, welch großartiges Material die Wiener Judenschaft ist, wenn sie nur gut geführt wird. An den Führern liegt's! Der Sieg vom 29. April hat ihnen die Pflicht auferlegt, das Gewonnene festzuhalten und auszubauen. L. In eigener Sache. Es gehört nicht zu den Gepflogenheiten unseres Blattes und seines Herausgebers, eigene Verdienste hervorzuheben. Wir würden also auch diesmal über die publizistische Teilnahme unseres Blattes an dem Wahlkampfe und über die agitatorische Tätigkeit unseres Herausgebers während der letzten Gemeinderatswahlen hinweggegangen sein, da es sich in beiden Fällen nur um die Erfüllung einer jüdischen Pflicht gehandelt hat. Allein die Aufschneiderei des Herrn Dr. J. S. Bloch zwingt uns, das persönliche Thema zu berühren. Dr. Blochs Wochenschrift proklamiert sich nämlich, bescheiden wie sie schon ist, zur „einzigen publizistischen Vorkämpferin". Diese Behauptung ist unwahr und illoyal, denn tatsächlich hat auch unser Blatt und die gesamte jüdischePresse in Wien die Renegaten bekämpft. Wenn nun möglicherweise Herr Dr. J. S. Bloch seine publizistische Kampagne um einige Wochen früher angefangen hat, als die „Neue National-Zeitung", so steht es am allerwenigsten der „Oesterreichischen Wochenschrift" an, sich als die „einzige publizistische Vorkämpferin" zu gerieren, nachdem sich ihr Herausgeber bekanntlich viele Jahre hindurch geweigert hat, die Taufliste zu veröffentlichen, bis er vom Präsidenten Dr. Stern den Auftrag erhielt, dem Beispiele der „Neuen National-Zeiiung" zu folgen. Das Eigenlob des Herrn Dr. Bloch hat uns wirklich erheitert. Die Redaktion. SPRECHSd/lL. Ans einer kleinen Gemeinde. „Für den Verkauf von ,Koscherfleisch' hat das Rabbinat strengere Bestimmungen erlassen. Nur diejenigen dürfen koscheres Fleisch verkaufen, die am Samstag ihre Läden streng geschlossen halten". Als ich diese Zeilen in Nr. 7 Ihres geschätzten Blattes las, hüpfte mir das Herz im Leibe vor Freude. Also endlich doch! Wohl spät, aber vielleicht doch nicht zu spät, hat sich das Kabbinat ermannt, und Aver den Gesetzen Moses in Bezug auf Koscherfleisch Genüge leisten will, kann dies nun ohne Mühe und Sorge tun. Dies war im ersten Momente mein Gedankengang und ich sang bereits Lobeshymnen unseren Jtabbinate und unserem Vorstande für deren wackeres Eintreten und Vorgehen in der Koscherfleischfrage. Aber siehe da, als ich die Notiz nochmals genauer durchlas — das erstemal hatte ich selbe vor freudiger Erregung nur flüchtig durchgelesen — fand ich, daß diese Anordnung das Pariser Rabbinat und nicht das unsrige getroffen hat. Also wir bleiben „leider" wieder beim Alten! Damit Sie aber sehen, daß ich Grund habe zu sagen „leider", gestatten Sie mir, Ihnen unsere Verhältnisse in puncto Koscherfleisch in kurzem zu schildern. In zwei hiesigen Fleischbänken wurde Koscherfleisch ausgeschrottet. Der eine Fleischer geriet in Konkurs und ist seine Fleischbank schon seit Monaten gesperrt. Der andere Fleischer ist Jude, betreibt aber auch eine „t r e f e" Selcherei und befaßt sich infolgedessen sogar mit dem Verkaufe von Schweinefleisch in rohem und geselchtem Zustande . . . Nicht nur, daß er Schweineflleisch, trefe Selchwaren und Koscherfleisch in einem und demselben Lokale verkauft, so geschieht dies zumeist auch auf einem und demselben Hackstocke und mit einem und demselben Messer. Ist das nun wirklich „Koscherfleisch", wenn der Fleischer jetzt ein Stück Schweinefleisch abhackt und zerschneidet und gleich darnach mit demselben Beil, demselben Messer, auf demselben Hackstocke „Koscher"-Fleisch hackt und schneidet? Von einem Schließen des Ladens am Samstag oder an irgend einem sonstigen jüdischen Fest- und Ruhetage, ist doch überhaupt keine Rede. Dabei wiederhole ich, ist dies die einzige „Koscher"- Fleischbank in einer Gemeinde, die zirka einhundert Familien im Orte selbst zählt, die einen Rabbiner, einen Oberkantor, einen Vorbeter und einen Schächter angestellt hat. Verstehen Sie mich nun, Avarum mir das Herz im Leibe hüpfte, als ich ihre Notiz in Nr. 7 las und warum ich „leider" ausrief, als ich sah, es bleibt bei uns alles beim Alten. Glückliches Paris, avo sich Rabbinen, und noch glücklicheres Köln, wo sich sogar der Vorstand darum kümmert, daß ihre Gemeindeangehörigen wirklich Koscherfleisch bekommen! Bjelovar (Kroatien.) JfiDRReSPONDeNWN Oesterreich-Ungarn. Die Taufe des Ministerialrates S. Sonnenschein. Wien. Die Mitteilung unseres Blattes, daß sich Ministerialrat Sigmund Sonnenschein, um die vakante Sektionschefstelle zu erlangen, getauft hat, wirkte in der jüdischen Gesellschaft, speziell in den Kreisen der zahlreichen journalistischen Freunde Sonnenscheins sensationell. Von mehrfacher Seite wurden wir mit Anfragen bestürmt; ja, es haben sich zwei hervorragende Persönlichkeiten der Wiener Presse veranlaßt gesehen, uns aufmerksam zu machen, daß wir uns geirrt hätten. Herr Ministerialrat Sonnenschein hat sie bestimmt versichert, daß er nicht getauft sei. Dem gegenüber halten wir unsere Mitteilung vollst ändig aufrecht. Wir sind sogar in der Lage, den Taufpaten des Herrn Ministerialrates zu nennen: es war dies Herr Ober-Inspektor Johann Z i e r h u t vom Eisenbahn- Ministerium. Der Taufakt hat in Wien stattgefunden, und wir fordern den Wiener Kultusvorstand, speziell Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern, der bei den Gemeinderatswahlen einen energischen Kampf gegen den Abfall

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