Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 10 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 10 rühmt nun Herr Philippson die I C A und tadelt so schwer die Alliance Israelite Universelle? Warum? . . . Noch mehr als die Alliance I=raelite Universelle gibt die Organisation der Bnei-Brith-Logen, deren „großartige Entwicklung" über fast alle Teile der Welt Herrn Philippson mit Hochgefühl erfüllt, den Judenfeinden Veranlassung, über jüdische Geheimbündelei und Solidarität ein Geschrei zu erheben. Warum preist nun unser Verfasser der „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes" diese und verdonnert die Alliance? Er verherrlicht mit einem scheelen Seitenblick auf die Alliance den „Hilfsverein der deutschen Juden", „der zum Besten der auswärtigen, zumal der östlichen Glaubensgenossen" zur Geltung gelangt sei. „Die großartige Hilfsaktion", sagt er, „die er zugunsten der unglücklicher Opfer der jüngsten russischen Pogrome ins Werk Fetzte sowie die Gründung von Schulen im Orient aut wahrhaft jüdischer und orientalischer Basis machen das hohe Verdienst des ,Hilfsvereines' schon in den ersten Jahren seines Bestehens aus".*) Kurz, alle jüdischen Vereine, die ihr Entslehen dei Alliance Israelite Universelle verdanken, die Art und Weise ihres humanitären Wirkens ihr Ablauschen und Nachahmen; sie werden alle über den Klee gelobt; nur die Alliance selbst, sie leistet kaum Nennenswertes und ist ein Unglück für das Judentum. Woher diese Animosität? Nun, man liest die Ursache seines Grolls bei Herrn Philippson zwischen den Zeilen heraus. Er ist nicht geschickt genug, ihn lange zu verheimlichen: Er, der mit aller Begeisterung, deren er fähig ist,* für den Zionismus, den er gleichwohl für eine „Utopie" erklärt, schwärmt *) er fühlt gleichzeitig, im Innersten erschrocken, sein deutsches Herz, sein deutsches Gewissen mächtig sich regen und er entrüstet sich gegen die französische Alliance und ihrer Suprematie. Nicht gegen die jüdische Alliance als solche, sondern gegen ihre französische Provenienz bäumt sich sein „deutsches" Empfinden auf, was übrigens seit 1870 bei den deutschen Juden Mode geworden. Der „fr anzösische Name" der Alliance, ihr „ausschließlich französisches Domizil und ihre nicht minder ausschließlich französische Zontralleitung" stechen ihm in die Augen. Ja, eine „Israelitische Allianz in Deutschland", die ließ er sich gern gefallen. „Allein das Zentralkomitee der Alliance in Paris wies diesen Plan durchaus zurück — und ließ sich leider durch den Abfall der Engländer und Oesterreicher nicht bestimmen, die speziell französische Färbung der Alliance und den Despotismus des Pariser Zentralkomitees irgendwie zu modifizieren. Dadurch verlor sich in Deutschland das Interesse für sie umsomehr, je schärfer die nationalen Gegensätze zwischen beiden Ländern sich unglücklicherweise gestalteten.***) Hinc illae lacrimae! Darum müssen die Leistungen der Alliance unbedeutend, ihre Schulen im Orient, deren Anblick jeden Unbefangenen in gehobene Stimmung versetzt, ohne sonderlichen Nutzen sein; während schon die ersten Versuche des deutschen „Hilfsvereines" in dieser Richtung Wunder wirken: denn die Alliance bemüht sich europäische Kultur nach dem Orient zu verpflanzen, die Gheders durch moderne Schulen zu verdrängen, es verschmähend sich „an die besonderen Zustände und Anforderungen des Orients anzupassen!"... Dr. M. F. *) Bd. II, S. 143. **) Bd. II, S. 153 ff. ***) Bd. I, S. Botschafter Oscar Strauss an die Alliance Israelite Universelle. Zu den für Mitte Mai anläßlich des 50jährigen Jubiläums der Alliance in Aussicht genommenen Pariser Festlichkeiten, die leider infolge Erkrankung des Präsidenten Narcisse Leven bis November verschoben werden mußten, ist auch der nordamerikanische Botschafter Oscar Strauss in Konstantinopel eingeladen worden. Botschafter Strauss erwiderte darauf mit folgendem Schreiben: Amerikanische Gesandlschaft. Konstanlinopel 20. April 1910. An den Präsidenten der Alliance Israelite Universelle Herrn N. Leven Paris. Sehr geehrter Herr! Ich habe Ihre Einladung zu den Feierlichkeiten und Versammlungen erhalten, die im kommenden Mai zur Erinnerung an die vor 50 Jahren erfolgte Begründung der Alliance Israelite Universelle stattfinden sollen. Wenn meine amtlichen Pflichten meine Abwesenheit von hier zu jener Zeit gestattet hätten, so wäre es mir eine große Freude, der bedeutsamen Jubiläumsfeier beizuwohnen. Wer mit der Lage unserer Glaubensgenosssen in diesem Weltteil vertraut ist, muß Bewunderung fühlen für die Größe des Werkes, das die Alliance geschaffen hat, indem sie unseren Glaubensgenossen Erziehung und moralische Hebung zuteil werden ließ und ihre wirtschaftliche Lebenshaltung erhöhte. Ich habe die Schulen und andere Institute besucht, die die Alliance hier, in Salonik, in Smyrna und vielen Orten eingerichtet hat und kann aus eigener Anschauung Zeugnis ablegen für das große und edle Werk, das die Alliance geschaffen hat und zu schaffen fortfährt. Die Alliance ist für die Juden des Orients Schirm und Schutz. Den Schutz, den die Regierungen der verschiedenen Staaten ihren christlichen Landesgenossen angedeihen lassen, den gewährt die Alliance den Juden. Ich habe eine Anzahl junger Leute gesehen, die in den Schulen der Alliance erzogen worden sind und sich zu nützlichen Führern ihrer Glaubensgenossen entwickelt haben. Ohne die Vorteile, die die Schulen der Alliance bieten, würden sie in derselben unglücklichen Lage verblieben sein, in der sich die Mehrzahl ihrer Brüder befindet. Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, mich in Salonik aufzuhalten. Ich besuchte dort Ihre Schulen und traf die Vorsteher der Gemeinde bei einer Beratung an. Ich war bestrebt, sie von der dringenden Notwendigkeit zu überzeugen, ihren spanischen Jargon abzulegen, dessen Ersetzung durch die Landessprache ich empfahl. Auch die Pflege der französischen Spräche legte ich ihnen ans Herz, damit sie aus ihrer Absonderung herauskämen und die Aufklärung der Gegenwart sich zunutze machten. Ich bemühte mich, ihnen auseinanderzusetzen, welche Ironie der Geschichte darin liege, daß sie die Sprache ihrer spanischen Bedrücker bewahrten in einem Lande, das ihren Vorfahren Schutz und Zuflucht bot. Die Arbeit, die die Schulen der Alliance in dieser Richtung geleistet haben, kann nicht genug anerkannt werden. Aber es bleibt noch so viel zu tun übrig, daß es mir eine große Genugtuung sein würde, wenn das, was ich ausgeführt lhabe, sei es auch nur in geringem Maße, zum Gedeihen