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Neue Nationalzeitung · 1910-05-13 · Heft 10 (13.5.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 10 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 „Neue National-Zeitung" Seite 3 Händen die vielverzweigten Fäden der Alliance zusammenliefen und Cremieux selbst noch zog einmal in öffentlicher Versammlung den widerstrebenden, jeder lauten Anerkennung aus dem Wege gehenden Mann gleichsam vor die Rampe und zeichnete ihn und seine leitende, unermüdliche Tätigkeit mit markanten Strichen, so daß plötzlich alle Welt erfuhr, wer eigentlich hinter dem ganzen Werke der Alliance stand Und auch das verrät den vornehmen Geschmack und die feine Bildung dieser Häupter der Alliance, daß sie nicht bloß den Mann der Berufsarbeit zu würdigen verstanden, sondern auch der Wissenschaft in ihm die gebührende Hochachtung zollen. Als ich einst in einer Unterredung mit dem derzeitigen Präsidenten der Alliance — irre ich nicht, so war er damals noch Vizepräsident — auf Herrn Loeb zu sprechen kam und meine Bewunderung über seine unerschöpfliche, auf verschiedenen Gebieten sich meisterhaft betätigenden Arbeitskraft äußerte; da unterbrach er mich mit den begeisterten Ausruf: „Ah, Monsieur Loeb — c'est un savant!" Das höchste Lob, das er einem Menschen zu spenden vermochte. Und diese Ehrfurcht vor der Wissenschaft charakterisierte zugleich ihn selbst. Loeb hat seinen Namen in die jüdische Wisssenschaft tief, noch tiefer aber in die Annalen der Alliance Israelite Universelle eingegraben. Aus dieser Schule ist der jetzige Sekretär der Alliance J. B i g a r t hervorgegangen. II. Ob die Gründung der Alliance ein politischer Fehler war, ob sie dem Judentum mehr geschadet als genützt hat? Eine viel ventilierte Frage, welche die Geschichte erst in Zukunft, wenn der Parteien Haß und Gunst erloschen sein werden, entscheiden wird. Man mißverstehe mich nicht. Ich meine keineswegs die „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes", mit der uns Professor M. Philippson — bisher in zwei Bänden — beschenkt hat, die sich die Geschichtsdarstellung gar zu leicht macht. Professor Philippson scheint überhaupt, zum mindesten auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte, noch blutjung zu sein. Denn wie sonst überall ist er auch bei der Beurteilung der Alliance und ihrer Wirksamkeit, die er mit einigen Sätzen abtut, wie „die Jugend schnell fertig mit dem Wort, das schwer sich handhabt, wie des Messers Schneide". Herr Professor Philippson läßt kein gutes Haar an der Alliance. Doch nein, wir wollen es nicht verschweigen, daß er gnädig genug ist, ihr einzuräumen, daß sie „in einzelnen Fällen viel Gutes geleistet, oft Armen und Bedrängten Unterstützung geschafft".*) Wer so schreibt, wer so die Alliance zu einer der zahllosen Armenanstalten degradiert, der hat von ihren oft wahrhaft bedeutenden Taten insbesondere in den Zeiten der russischen Judenverfolgungen und nicht bloß „in einzelnen Fällen", sondern immer und überall, wo Juden zu leiden hatten, nichts vernommen. Aber auch das hervorragendste Werk der Alliance : die Schulgründungen im Orient, findet vor den Augen des Darstellers der „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes" keine Gnade. „Sie hat", sagt er „im Osten Elementarschulen begründet, die indessen nicht so viel Nutzen gewirkt, wie man wohl hätte erwarten dürfen". — Für diese seine Behauptung führt er drei Gründe an, die sämtlich grundfalsch sind. Einmal, meint er, hätten die Leiter der Alliance diese Schulen selten oder nie besucht und sie „Mietlingen" überlassen. *) Band L, Seite 390. Diese Behauptung ist völlig aus der Luft gegriffen; wahr vielmehr ist das Gegenteil. Zum andern, „weil der Charakter dieser Schulen allzuabendländisch sei, ohne Anpassung an die besonderen Zustände und Anforderungen des Orients." Freilich, ginge es nach Herrn Professor Philippson, so hätten die Allianceschulen, welche berufen waren, europäische Kultur nach dem Orient zu tragen, unverfälschte orientalische Cheders bleiben, hätte jede moderne, insbesondere franz ösische Färbung von ihnen fern gehalten werden müssen. Zum dritten, behauptet Herr Professor Philippson wörtlich: „Weil sie ohne Fortbildungsschulen blieben." Er weiß also nicht, daß die Alliance von Anbeginn das Hauptgewicht auf Schaffung von Ackerbau- und Gewerbeschulen gelegt hatte, um die Absolventen der Elementarschulen dem Ackerbau, Handwerk u. s. w. zuführen zu können. Die ersten Handwerksstätten der Alliance entstanden in Tetuan (1862), in Tanger (1864); in Bagdad (1865); dann folgten in kurzen Intervallen zahlreiche andere. Von der Ackerbauschule in Jaffa und ihrer interessanten Geschichte, hat Herr Professor Philippson keine Kenntnis, ebensowenig von jener bei Tunis und ähnlichen Schöpfungen. Aber noch einen anderen, vielfach erhobenen Vorwurf wiederholt Herr Professor Philippson gegen die Alliance, und diesem könnte, wofern er in seinen Tiefen erfaßt und in reinster Aufrichtigkeit, ohne jeden hinterhältigen Gedanken erhoben wird, eine gewisse Berechtigung nicht abgesprochen werden. Lassen wir hierüber Herrn Professor Philippson selber sprechen: „Als Zeichen der Zusammengehörigkeit aller Juden, sagt er, „trat 1860 die Alliance Israelite Universelle ins Leben. Ihre Stiftung hatte von vornherein die Besorgnis — erregt.... sie werde durch die Meinung von einer törmlichen Verschwörung der Juden zur Erlangung der Weltherrschaft großen Schaden anrichten. Diese Befürchtung hat sich im vollen Maße bewahrheitet; man darf sagen, nichts hat den Juden in vielen Ländern solchen Abbruch in der öffentlichen Meinung getan, wie die irrigen aber unvermeidlichen Folgerungen, die aus der Internationalität der Alliance gezogen und von Uebelwollenden gehässig ausgedeutet wurden. Man warf der Alliance ferner ihren französischen Namen vor. Auch das mit Recht. Die Führer der Alliance haben ihr den französischen Charakter gewahrt und solchen dem einzig fruchtbaren Felde ihrer Tätigkeit, den Unterrichtsanstalten im Osten, nicht zu deren Vorteil (!) aufgeprägt." Wohlan denn; die Berechtigung der Hauptanklage zugegeben: würde dieselbe aber gegen die Juden nicht erhoben worden sein, wenn irgend ein anderer nichtfranzösischer, größerer jüdischer Verein ins Leben gerufen worden wäre, der die gleichen Tendenzen wie die Alliance Israelite Universelle verfolgt hätte? Konnte nicht die Anglo-Jewish-Association in London und die „Israelitische Allianz zu Wien" zu ähnlichen Klagen Anlaß geben? Und warum richtet Herr Philippson sein schweres Geschütz gegen die Alliance Israelite Universelle und geht mit beifälligen Nicken an den letzteren vorüber? Die I C A verfolgt, freilich mit ungleich reicheren Mitteln ausgestattet, die ähnlichen Zwecke wie die Alliance Israelite Universelle und ihr Präsident ist der Präsident der Alliance Israelite Universelle; sie arbeitel im Geiste dieser Alliance und mit den von ihr herangebildeten Hilfskräften, die an wichtigen Stellen beamtet sind, ihre Wirksamkeit erstreckt sich über Galizien, Rumänien, Rußland, Palästina, Amerika: warum

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