Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 9 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 9 verein auch den jüdischen Passagieren bessere Bewirtung zuteil werden lassen. & Die jüdische Einwanderung in den Vereinigten Staaten im Februar 1910. Unter den im Monat Februar in den Vereinigten Staaten gelandeten 57.980 Einwanderern befanden sich 4347 Juden gegen 2953 im gleichen Monat des Vorjahres. Von diesen kamen: 2352 aus Rußland 573 „ Oesterreich 109 „ Ungarn 573 „ Rumänien 160 „ England etc. etc. 2740 von diesen Einwanderern verblieben im Staate New-York, während der Rest sieh auf die übrigen Staaten verteilte. Eniigranten-Unterstül zuugskasse. Eine Unterstützungskasse für Emigranten wurde in Libawa, Russland, ins Leben gerufen. Jeder Emigrant, der gezwungen ist nach Amerika auszuwandern, erhält eine Unterstützung von 180 Rubel. itORReSPONDeNZSN Oesterreich-Ungarn. Der Mugdanismus in Wien. Wien. Die gegen die Renegaten im I. Bezirke anläßlich der Gemeinderatswahlen eingeleitete Kampagne hat weite Kreise der jüdischen Wählerschaft ergriffen. In den stattgehabten zwei Wählerversammlungen kam das erwachte jüdische Selbstbewußtsein einer großen Anzahl von Wählern eklatant zum Ausdrucke und es wurde beschlossen, nicht bloß den Renegaten, Dr. von Fürth und Dr. Neumann, sondern auch dem christlichsozial angehauchten Kandidaten der liberalen Klique, Herrn Maaß, Kandidaten enlgegenzustellen. Als solche wurden nominiert: Gemeinderat Herold, Max Frank und Josef Stein. Wenn bei der Wahl vom 29. d. M. die gesamten oder auch nur die meisten jüdischen Wähler für die jüdischen Kandidaten stimmen werden, ist deren Wahl gesichert. Wie mächtig der Strom der Begeisterung unter den jüdischen Wählern ist, beweist die sonderbare Konstellation, daß selbst die „Union", die stets den Dr. O f n e r und Baron Hock poussierte, deren Schützling, Dr. von Fürth, bekämpfen muß. Im letzten Moment hat die ^Neue Freie Presse", die im Inseratenteil für die oppositionellen Kandidaten bezahlte Stimmung macht, noch in einem Artikel von Baron Hock die jüdische Wählerschaft beschimpft, weil sie sieh nicht von der Organisation — gemeint ist wohl nur die Biertischgesellschaft bei der „Tabakspfeife", weil es eine andere liberale Organisation in der Inneren Stadt nicht gibt — zur Urne schleppen läßt. Die Hilfe der Renegaten von der „Neuen Freien Presse" wird ihren gleichgestimmten Kandidaten wenig helfen. Die jüdische Bevölkerung wird sich durch den Phrasenschwall des Baron Hock nicht einschüchtern lassen; auch seine Zeit ist .bereits vorbei. Deutsches Reich. Der Kampf gegen die Taufjuden. Frankfurt. Die jüdischen Massentaufen werden auch in Deutschland von den leitenden Kreisen der Judenschaft sehr übel vermerkt und es wird eine Agitation gegen das moderne Renegatentum entfaltet, wie sie auch in anderen Staaten gewiß am Platze wäre. Mit dem Thema „Judentaufen und Staatsinteresse" beschäftigte sich jüngst in einer sehr stark besuchten öffentlichen Versammlung des Zentralvereinesdeutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Rabbiner Dr. Werne r-München. Er meinte, daß der zahlenmäßige Umfang der Judentaufe — in Preußen sollen im vergangenen Jahrhundert, das zwei Taufperioden hatte : eine von 1800 bis 1840 und eine jetzt noch andauernde, die 1878 begann, insgesamt rund 14.000 Personen übergetreten sein — belanglos sei, weil es um das Prinzip geht. Von den Motiven zum Glaubenswechsel dürfte das einzig achtbare: i n n e r e U e b e rzeugung, in der Praxis beim Juden kaum jemals wirksam sein, höchstens bei Naturen, die zur Mystik neigen und im Judentum nicht innerlich heimisch waren; in der großen Mehrzahl der Fälle ist das Täuflingsbekenntnis zu den Dogmen des Christentums Meineid. Die verschiedenen religiösen Rechtfertigungsgründe der Konvertiten verwarf der Redner ohne Ausnahme ebenso wie die Theorien vom christlichen Staat und von der christlichen Kultur, mit denen man vielfach die Taufe empfehle. Dr. -Werner verurteilte die ganz Ungläubigen, die mit dem Uebertritt die neue Glaubensgemeinschaft noch ärger schänden als die angestammte, milder aus menschlichem Verständnis diejenigen, die Hunger oder Liebe zur Taufe treibt, mit bedingungsloser Strenge aber die Diener der Ehrfurcht und Eitelkeit. An Waffen zur Bekämpfung der Judentaufen nannle der Vortragende verschiedenerlei : den Mut, den Renegaten, ob er nun selbst übergetreten sei oder nur seine Kinder vom Glauben der Väter weggeführt habe, offen nach Gebühr zu bezeichnen; religiös-sittliche Belehrung der Jugend; Förderung des Staatsbürgervereines; allgemeine Einführung der in Bayern geltenden Gesetzesvorschrift, wonach man die Absicht des Austrittes zuerst bei dem Geistlichen des eigenen Bekenntnisses anzeigen muß, sowie der öffentlichen Erklärung des Glaubens wechseis; Aufklärung über das Wesen des Judentums und endlich Vertiefung des eigenen religiösen Bewußtseins. Wie sich die Makkabäer gegen die hellenistisch gesinnten Volksgenossen wandten, ehe sie den äußeren Feind niederwarfen und den Tempel der Treue wieder aufrichteten, so möge die jüdische Gemeinschaft den Kampf gegen den Feind in der eigenen Mitte aufnehmen und siegreich durchfechten, um dann in Treuen ruhig den Idealen des Judentums, des Deutschtums und der ganzen Menschheit nachzuleben. Der zweite Referent, Landtagsabgeordneter Dr. Cohn-Dessau, führte den Assimilationstaumel der Siebzigerjahre, in den schließlich fast heilsam der Antisemitismus dreinfuhr, darauf zurück, daß die formelle staatsbürgerliche Vollberechtigung der deutschen Juden als ein Geschenk der Staatsgewalt, nicht als Ergebnis eigenen Mühens geworden sei. Freilich steht die Gleichberechtigung, wie der Redner mit den allbekannten Tatsachen nachwies, heute immer erst noch auf dem Papier, obwohl die Juden seit 1869 der Rechte schwerlich unwürdig geworden sind. Dieser Zustand ist ungerecht und ungesund, einmal, weil er dem Staate viele nützliche Kräfte entzieht und dann, weil er Treu und Glauben, über denen der Staat doch zu wachen hat, offenkundig verletzt. Mit ungefähr denselben Gründen und Ratschlägen wie der Vorredner rief Dr. Cohn zu scharfem K a m-p f g eg e ,n das Taufjudentum auf; besonderen Eifer müsse man auch auf die Aufklärung der