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Neue Nationalzeitung · 1910-04-29 · Heft 9 (29.4.1910) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 9 (29.4.1910)
Date
1910-04-29
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 9 „Neue National-Zeitung" Seite 9 politischen Parteien verwenden, in deren Reihen man von der jüdischen Glaubensfestigkeit im ganzen nicht eben hoch denke. In dem guten Streite, für den der Redner ein Wort Gabriel Rießers : daß die deutsche Jüdenheit dem Vaterland willig alles opfern wolle, nur Glaube und Treue, Wahrheit und Ehre nicht, als Parole ausgab, müsse Frankfurt der Hauptsammelplatz werden. Beide Reden fanden einmütigen Beifall. GEMEIN&5=un& VfcRGiNSNÄlftRttötW Wien. (Chewra Kadischa. Verein für fromme und wohltätige Werke. Die Generalversammlung findet Donnerstag, den 5. Mai, 10 Uhr vormittags, im Saale des Hotel „Zur Post" I., Fleischmarkt 16, statt. Tagesordnung: 1. Erstattung des Rechenschaftsberichtes über die abgelaufenen drei Verwaltungsjahre; 2. Bericht der Revisoren; 3. Wahl von fünf Vorstandsmitgliedern; 4. Wahl zweier Revisoren; 5. Eventualia, Aus dem gleichzeitig mit der Einladung versandten Rechenschaftsbericht ist folgendes zu entnehmen: Im Berichtsjahr 1909 wurden für wohltätige Zwecke (Unterstützungen, Kurbeiträge, Medikamente, orthopädische Apparate, optische Gegenstände) and Subventionen zusammen K 77.520-34 verausgabt. Ungeachtet der ansehnlichen Höhe dieses Betrager muß doch hervorgehoben werden, daß hiermit den Anforderungen, welche an die Chewra Kadischa gestellt wurden, nicht voll entsprochen , werden konnte. Die steigende Inanspruchnahme der Gh'ewrä Kadischa sowohl seitens der ansässigen, als auch der vorübergehend in Wien weilenden Armen steht in keinem Verhältnisse zu den verfügbaren Mitteln. Einzelne Einnahmsposten weisen einen mehr oder minder erheblichen Rückgang auf. Der Eingang an diversen Spenden, an Spenden in den Bethäusern, aus den Sammelbüchsen und Opferstöckeh ist geringer geworden, während andererseits die Post „Kran zablösungs-Spenden" sich erhöhte. Dä9 eigene Vermögen der Ghevvra Kadischa ist seit Jahren fast konstant geblieben, das Vermögen an Stiftungen und Widmungen weist insbesondere durch Zuwendungen im abgelaufenen Jahre eine erfreuliche Zunahme auf. Das Vermögen der Chewra Kadischa beträgt über 400.000 Kronen, doch ist dessen Zinsenerträgnis für die großen humanen Aufgaben dieses Vereines noch immer ungenügend. Befremden, muß, daß auch Mitglieder des Kultusvorstandes wie Dr. Kuranda, Hofrat Räppöpört, Leopold Simon, usw. der Ghewra Kadischa nicht angehören Schließlich wäre noch als auffällige Tätsä'che zu erwähnen, daß der Präsident der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, der bekanntlich ein Millionär ist, in der Liste der Spendet, Stiftungen öder Widmungen nicht genannt ist. AllSN Uei£täL6N Einweihung des Kaiser Franz Josefs-Jubrläiimsteinpels in der Siefcenl^nn'enigasse. Am vorigen Donnerstag wurde der heue Tempel für die Bezirke Wieden und Margareten in der Siebenbrunnengasse in Anwesenheit des Statthalters Grafen Kielmahsegg eingeweiht. Der Temjfel, ein schöner Bau im maiirischen Stil, ist nach den Plänen des Architekten J. Gärtner vom Baumeister B a r b e r errichtet und faßt ungefähr 600 Personen. Der Feier wohnten außer dem Statthalter, der in Vertretung des Kaisers gekommen war, zahlreiche Persönlichkeiten hei. Der Stätthalter wurde im Vestibül vom Präsidenten der Kultusgemeinde begrüßt. Darm wurde Graf Kielmansegg in das Gotteshaus geleitet, wo ein Gottesdienst staftfänd. Nach einer Ansprache des Oberrabbm€frs Dr. Güdemann hielt Rabbiner Dr. Reich eine wirkungsvolle Festpredigt, die mit einem Gebet für den Kaiser schloß. Sehr störend wirkte es, daß Obmann Adolf Hofmann mit dem Hute in der Hand im Tempel die Honneurs machte. Die Budapester israelitische Gemeinde hat von der Stadtgemeinde 200.000 K als Subvention erhalten. Die Wiener Kultusgemeinde bekommt von der Kommune nichts: dafür aber gestattet man ihr, am Sarge Dr. Luegers Thränen zu vergießen. Zwei jüdische Dozenten sind jüngst an der Lemberger Universität bestellt worden : Advokat Dr. Moses Allerhand für das österreichische Zivilprozeßrecht und Dr. Moses S c h o r r für semitkche Philologie. Letzterer ist Zögling der Wiener Israelitisch-Theologischen Lehranstalt Kammersängerin Selma Kurz hat sich über ihre russische Reise bereits in Preßburg von der „U. J. Z.u interviewen lassen. Sie rechtfertigte sich in folgender Weise : Frl. Kurz erklärte, daß die von mehreren Blättern gemachten Angaben mäßige Kombinationen seien. Die Verzögerung der russischen Tournee sei durch eine Verspätung bei ihrer Gasttour in Italien erfolgt. Der russische Botschafter Fürst Urussow habe den gewünschten Paß sofort ausgestellt. Was den Aufenthalt in Rußland selbst betrifft, habe sie noch nirgends einen solchen enthusiastischen Empfang erfahren als dort. Man habe sie dort um jeden Preis zur Verlängerung ihrer Tournee bewegen wollen, ihre Pflicht rief sie aber nach Wien zurück. Auf die Frage, in welchem Verhältnisse sie sich zum Jadentume befinde, antwortete Frl. Kurz mit großer Wärme: ^,ln dem denkbar besten! Ich bin noch ebenso wie meine Mutter eine gute Jüdinlu Die Aeußerung des Frl. Kurz scheint uns nicht ganz richtig. Pässe für österreichische Staatsbürger, die in Wien wohnen, stellt bekanntlich nur die Wiener Polizeidirektion aus. Zur Reise nach Rußland ist das russische Visum notwendig, und dieses erteilt wieder nur das russische Konsulat und nicht die Botschaft. Das Konsulat verweigert niemandem das Visum, sondern fügt — in der Regel bei Personen, die durch ihren jüdisch klingenden Vor- oder Familiennamen auffallen — bei : jewrej (Jade). Dieser Beisatz ist für die Grenzbeamten ein Aviso, den Paßträger nicht über die Grenze zu lassen. Es scheint uns nicht wahrscheinlich, daß das Konsulat dem Paß des Frl. Kurz diese Bemerkung beigefügt hätte; viel wahrscheinlicher ist es wohl, daß es sich um einen Reklametrick gehandelt hat.... Die erste Schulärztin in Wien — eine Jüdin. Die „Reichspost" ist ganz entsetzt und jammert herzzerreißend: Eine Jüdin wurde in Wien zur Schulärztin ernannt! Oesterreich ist in Gefahr. Die betreffende Notiz lautet: „Der Wiener Fortbildungsschulrat hat die Notwendigkeit einer Schulärztin für die von Mädchen besuchten Fortbildungsschulen anerkannt und die erste dieser neukreierten Stellen einer Jüdin, Frau Dr. Dora T e 1 e k y, verliehen Wir stehen also wieder einmal vor der Tatsache, daß in Oesterreich die christliche Intelligenz und Arbeitskraft der jüdischen weichen muß (schrecklich!), obgleich es auf unserer Seite durchaus nicht an Kräften fehlt — auch auf dem in Rede stehenden Gebiete nicht! Es leben in Wien mehrere tüchtige christliche Aerztinnen, an welche die kompetenten Behörden wohl in erster Linie hätten denken sollen, wenn es sich darum handelte, der Frauenarbeit neue Gebiete zu ersehließen und christlichen jungen Mädchen ärztlichen Rat zu sichern; ist doch gerade bei der Behandlung jugendlicher Patientinnen der Einfluß der Aerztin auf Seelenleben und Charakterbildung von so ungemein großer Wichtigkeit. Die Frau Dr. Teleky hat ntfn über den Gesundheitszustand von 800 Lehrmädchen zu wachen. Wie viel Christinnen mag es in dieser Zahl geben, die sich freiwillig niemals von einer Jüdin bebandeln ließen und die es nun gezwungen tun sollen f

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