Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 9 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9 „Neue National-Zeitung' Seite 3 alten Körper noch jung sind, seien Sie versichert, soll keinGedanke meines Lebens der heiligen Sache, der ich gehöre, verloren sein. „Wir sind noch einige Alte aus meiner Generation, die sich gut halten. In der Politik haben wir unsere Stelle, in der Welt wissen wir uns auch unterzubringen, wir wollen noch nicht fort, aus dem einfachen Grunde, weil die Schwierigkeiten groß sind und es in unseren Seelen noch eine Begeisterung gibt, deren Glut nicht verlöschen, sich nicht vermindern kann." Eine solche Begeisterung beherrschte die Gründer der Alliance von damals. Das war allerdings noch die Zeit, wo man von einem Antisemitismus modernster Färbung noch nichts wußte; es war vor der Judenaustreibung aus Rußland, wo man das unsagbare Judenelend in den östlichen Ländern nur aus nebliger Ferne und kaum vom Hörensagen kannte, da man in nähere Berührung mit demselben noch nicht gekommen war. Knapp vor dem russischen Exodus vom Jahre 1881 starb Cremieux. Und durch welche Mittel wollte die Alliance ihr Ziel, die Millionen östlicher Glaubensgenossen von dem schweren Drucke innerer und äußerer Knechtschaft zu befreien, erreichen? Ganz einfach: durch Erziehung und Unterricht! „Unterricht, Unterricht," ruft Cremieux der Generalversammlung vom Jahre 1873 zu, „Unterricht für unsere Kinder, für unsere Familie, das ist unsere Pflicht! Sagen wir es mit Freude, daß wir auf unsere Resultate stolz sein müssen. Ist es nicht ein herrlicher und fruchtbarer Gedanke, daß wir hier in Paris Kinder aus dem Orient erziehen, die besten und begabtesten, die wir dort finden, und sie in unseren Schulen zu gebildeten, kenntnisreichen, einsichtigen Menschen machen, um sie dann selbst als Lehrer heimzuschicken in ihr Vaterland, wohin sie die Lehren und Grundsätze verpflanzen, die sie hier von ihren würdigen und gelehrten Lehrern, ihren Vorbildern empfangen haben? Und welche Freude machen uns unsere Kinder und die Schulen, die sie aufnehmen! Schulen, Schulen, vervielfältigen wir sie, damit alle israelitischen Kinder ohne Ausnahme sie besuchen können. Israelitische Mütter, die ihr mich hört, bereitet eure Kinder vor, die Wohltat der Schule zu begreifen; in dem Momente, wo ihr Geist erwacht, muß auch ihre Erziehung beginnen; eure Muttermilch nährt sie, euer mütterliches Wort muß sie leiten und unterrichten. Saget ihnen, daß der Unterricht das Leben ist, daß ohne Unterricht der Mensch aller Elemente des Glückes entbehrt. Und ihr Lehrer — belehrt diese Kinder, daß sie sich zu dem Niveau ihrer Mitbürger anderer Glaubensbekenntnisse erheben müssen und daß sie sich zu den ersten Stufen erheben müssen." Das sind, wie man sieht, primitive, uralte Wahrheiten, so alt wie die Kultur selbst. Und dennoch scheinen sie noch heute nicht überall und selbst in jenen Kreisen nicht gewürdigt zu werden, die sich so viel mit „Hilfsaktionen" für die Juden des Ostsns zu schaffen machen. Sie würden ja sonst, anstatt getrennt zu marschieren, sich gegenseitig gleichsam Konkurrenz zu machen, vor dem eigentlichen Ziel vorbeizuschießen, um auf augenblickliche Scheinerfolge hinweisen zu können, anstatt überhaupt neben- und hintereinander zu „wirken", so daß die rechte Hand nicht weiß, was die linke unternimmt: alle kleinliche Eitelkeit fahren lassen, sich zu einmütigem Handeln konzentrieren und mit vereinten Kräften und Mitteln das große Werk der Jugenderziehung, dem der Volkswohlstand, wie dies die, Geschichte der Juden in den Kulturländern unwiderleglich zeigt, auf dem Fuße fo gt, fördern und zum Ziele führen. Sie würden Schulen, Schulen, Schulen gründen! Ein Jahr nach dem 1880 erfolgten Tode Cremieux' wurde S. H. Goldschmidt, der seit 1865 dem Zentralkomitee angehörte und von 1868 — 1881 Vizepräsident der Alliance war, zu deren Präsidenten gewählt. Wer war dieser S. H. Goldschmidt? Er war ein millionenreicher Hagestolz und stand zu den jüdischen Welthäusem in naher verwandtschaftlicher Beziehung. Aber, wird man sagen, das ist doch kein Verdienst, und gibt es doch derlei Volk auch bei uns. Sicherlich ist dies allein kein \ erdienst; gewiß gibt es auch bei uns Leute dieser Art. Allein diese haben andere Passionen, haben anderes zu tun, als sich um ihre unglückseligen Glaubensgenossen im Osten zu kümmern. Sie tragen ihre Zeit und ihr Geld anderswohin. Goldschmidt aber zog es in die Alliance, ging frühzeitig bei ihr in die Schule und wurde hier denselben Weg der Philanthropie geführt, den später sein Neife Baron Hirsch, von derselben Alliance geleitet, betrat. Und als er Präsident wurde, hatte er eine sechzehnjährige, in der Alliance rühmlich angewendete Lehrzeit hinter sich. Was ihn für dieses Amt besonders prädestinierte, war sein unverwüstlicher Optimismus, sein durch nichts zu erschüttender Glaube an die Möglichkeit der Erreichung des von der Allianz angestrebten Zieles. Es war nicht lange nach seiner Erwählung zum Präsidenten, daß ich ihn persönlich in Paris kennen lernte. Ich fand da einen jugendlichen Greis von bestrickender Liebenswürdigkeit, voll Leben und Bewegung, der seine ganze Zeit und sein ganzes Interesse der jüdischen Sache zuwendete. Er war vorzüglich unterrichtet über alle großen jüdischen Organisationen in den verschiedenen Ländern und nahm ein lebhaftes Interesse an den damals von der Wiener Alliance, allerdings mit sehr spärlichen Mitteln, unternommenen Werke der Schulgründunsen in Galizien, auf welches er die Aufmerksamkeit des Baron Hirsch lenkte und mir so den Weg zu ihm bahnte. Mit besonderer Vorliebe unterstützte er seit jeher jüdische Jünglinge, die aus dem Osten nach Paris kamen, um sich der Wissenschaft oder der Kunst zu widmen, die er auf seine Kosten ausbilden ließ. Allmählig hatte er ganze Scharen solcher Lehrbeflissenen um sich gesammelt, so daß er einen eigenen Almosenier, einen gleichfalls auf seine Kosten ausgebildeten russischen Arzt, der zugleich sein Leibarzt war, für diese bestellte. Er hatte viel Enttäuschung und Undank erfahren, und erzählte mir eine Unmenge solcher Fälle auf; dabei aber lachte er so gutmütig, so aus ganzem Herzen, als wollte er sagen: und wenn ich auch noch soviel mißbraucht werde, es wird mich auf dem Wege des Wohltuns nicht irre machen. Er hatte nicht die politische Vergangenheit, noch Berümtheit noch Beredsamkeit seines Vorgängers. Und doch hatte er Bedeutsames vor ihm voraus: er hatte eine offene Hand und dürfte sich — was jener nicht konnte — erlauben, sie stets offen zu halten und freigiebig zu spenden. Und so leitete er die Sitzungen und Beratungen mehr mit der Hand als mit dem Mund und half wie kein anderer glatt über die schwierigsten Situationen hinweg. Ein Bespiel statt vieler: Die Ackerbauschule in Jaffa befindet sich in einer schweren Krise. Die Kosten sind groß, sie hat ein schweres Defizit. Die