Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 9 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Neue National-Zeitung" Nr. 9 und 1861 und des Zentral-Komitees von 1862—63; Ad. Cremieux von 1863—67; Prof. Salomon Münk 1867. Nach dessen Tode blieb der Präsidentenstuhl ein Jahr lang unbesetzt. Von 1868—80 Ad. Gremieux. Abermals trat eine Vacanz ein und 1881 wurde S. H. Goldschmidt und nach dessen Tode Narcisse Leven, der seit 1863 General-Sekretär und seit 1883 Vizepräsident der Alliance war, zum Präsidenten gewählt, als welcher er noch heute fangiert. Das Hauptaugenmerk dieser Gründer der Alliance war zunächst darauf gerichtet, illustre Persönlichkeiten und die leistungsfähigsten jüdischen Kreise in Frankreich für ihre Ideen zu gewinnen. Und das gelang ihnen in unerwartetem Maße. Es schlössen sieh ihnen in der Folge die hervorragendsten jüdischen Männer innerhalb und später auch außerhalb Frankreichs an. Wir nennen hier nur: Prof. Jos. Derenbourg, membre de l'Institut; Prof. Jules 0 p p e r t. membre de l'Institut; Abgeordneter Leopold J a v a 1; Großrabbiner Zadoc Kahn; Prof. Hartwig Derenbourg; S. H. Goldschmidt; Baron Moriz v. Hirsch; Albert Cohn, Almosenier Rothschilds, ein geborener Oesterreicher; Rentier E. S. Kann: Rentier Hippolyte Rodrigues; E. F. Vene z i a n i u. v. A. Diese Tradition: die besten und edelsten Geister für die jüdische Sache zu erwärmen und die ihr entfremdeten einflußreichsten jüdischen Kreise in ihren Bannkreis zu zwingen, hat die Pariser Allianz bis auf den heutigen Tag treu befolgt. Was die Alliance vom Anbeginn anstrebte? Cremieux sprach es bei ihrer Gründung in der Generalversammlung vom Jahre 1860 in lapidaren Worten aus: „Verteidigen die Ehre des Namens Israelit, so oft sie angegriffen wird; durch alle Mittel die Ausübung gewerblicher und nützlicher Berufe ermutigen; wo es notwendig, die Unwissenheit und das Laster bekämpfen, welche die Kriecherei züchten; arbeiten durch Macht der Uebcrzeugung und durch den sittlichen Einfluß, den sie auszuüben in der Lage sein wird, an der Emanzipation unserer Brüder, die noch unter dem Drucke von Ausnahmsgesetzen stöhnen; beschleunigen und befestigen die vollkommene Befreiung durch die geistige und sittliche Wiedergeburt: dies ist in der Hauptsache das Werk, dem sich die Alliance Israelite Universelle gewidmet hat". Aber nur der großen Begeisterung, von der diese Männer vom ersten bis zum letzten für die jüdische Sache erfüllt waren, deren jeder ein unermüdlicher Apostel der Alliance war, war es zu verdanken, daß das Werk so ungeahnt rasch aufblühte, Früchte trug und überall zur Nachahmung und zur Gründung ähnlicher Vereine anregte. Es klingt förmlich wie ein Aufjauchzen, wenn dreizehn Jahre später der greise Cremieux zur Bar-Mizwah der Alliance gelegentlich eines Rückblickes auf ihre bisherige Tätigkeit ausruft: „Da ist ein altes Volk, das jüdische; es war während 1800 Jahren den allergrößten Verfolgungen preisgegeben, hat alle Unglücksfälle, alle nur irgend erdenklichen Angriffe ertragen und doch glücklich überlebt,. und über die ganze Welt verbreitet, ist es heute zahlreicher, als es selbst zu den glänzendsten Epochen seiner nationalen Selbstständigkeit gewesen. Ich erinnere mich immer wieder, wie schon im Jahre 1831 der Bischof Gregoire, dieser gute, würdige Priester, der zuerst, schon vor der großen Revolution von 89, eine mächtige Stimme zugunsten der Israeliten vernehmen ließ, zu mir sprach, indem er mich in seine Arme schloß: ,Es ist eine unverwüstliche Nation, die Ihrige; wissen Sie, daß sie gegenwärtig, so üel man bestimmt weiß, mehr als sechs Millionen Anhänger zählt, das heißt, mehr als zur Zeit der Regierung Davids und Salomons?' — Was würde dieser Mann heute sagen! — Hören sie, da hatten vor 13 Jahren einige Männer von Herz unter uns den Gedanken, eine große Fahne zu erheben mit der Inschrift: Schutz allen Israeliten der Welt. Diese Fahne wurde von unserer Hauptstadt aus weiter getragen, in den verschiedenen Hauptstädten anderer Staaten aufgepflanzt, und so ward in allen großen Mittelpunkten der israelitischen Bevölkerung die Alliance Israelite Universelle gegründet. Unter ihrer geweihten Fahne suchten sich alle zu bergen, die sie stützen sollte; der Widerhall der Alliance wurde weithin vernommen. „Es ist in der Tat. eine große Institution, die ich nicht anders als mit einem tiefen Entzücken brüderlicher Freude begrüßen kann. Ja, wo irgend in der Welt, und wäre es in einer noch so weit entlegenen Gegend, ein Jude geschlagen wird, die Alliance Israelite Universelle erfährt es und von allen Seiten erhebt sie sich und ruft den Schutz der Gerechtigkeit und der Gesetze an. Sie erfüllt die große Pflicht, die ihr obliegt; sie läßt keinen Angriff ohne Abwehr, keine religiöse Verfolgung ohne Intervention. Das heilige Ziel, das sie sich gesetzt hat, ist: den Israeliten bei allen Völkern zur Erlangung vollständiger Gleichberechtigung zu verhelfen und demgemäß jene schmachvollen Vorurteile verschwinden zu machen, durch welche dieselben noch gegenwärtig gar vielfach in so gehässiger Weise verfolgt werden. Und ist uns diese Pflicht, der wir uns mit Liebe und Eiter gewidmet haben^ nicht vor ge s chri eben durch die gehobene Stellung, die wir überall einnehmen, wo wir unter den Nationen als Mitbürger aufgenommen sind und keine Beschränkungum unseres Kultus willen zu ertragen haben? „In Deutschland, England, Italien, Frankreich, Holland, Belgien, wie viele ausgezeichnete Israeliten! Sind sie da nicht in Wissenschaften und Künsten, in Staats- und Komunalämtern, im Militär wie in den gesetzgebenden Versammlungen zu den höchsten Stufen gelangt? Nun denn, weil es unter uns einen geistigen Keim, einen Lebensfun ken gibt, der nicht verlöschen wird. Und wahrlich, es ist nicht blos ein aus den Tiefen meiner Seele geschöpftes religiöses Gefühl, das mich so sprechen läßt, sondern es ist die Wahrheit, die hervorbricht, die Geschichte, welche aus mir spricht ... In allen Ländern, wo unser Stamm eine brüderliche Aufnahme findet, seht, wie er da, bleibend in seiner Reinheit, sich dennoch mit der Bevölkerung verbindet, deren Zivilisation und Fortschritte er annimmt. „Ich weiß nicht, meine Herren, auf welchen Tag Gott meine letzte Stunde festgesetzt hat und will es auch nicht wissen; aufrichtig gestanden, wenn ich noch heute Abend beim Eintritt in mein Haus seinen Boten an der Schwelle treffen und er mir zurufen sollte: ,Der Moment ist da, die Stunde ist gekommen!1 so würde ich nicht zu ihm sprechen, wie der Patriarch Jaccb einst gesagt: ,Die Tage meiner Lebensjahre waren wenig und böse,' sondern ich würde zu Gott sprechen: ,Du hast mir der zahlreichen und gut vollbrachten Tage ziemlich genug gegeben, ich bin dein!' Aber wenn er mich noch einige Tage auf Erden läßt, wenn dieses Wunder sozusagen, das mich hinieden erhält, noch ein wenig fortdauert, so lange Geist und Herz in diesem