Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 8 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 „Neue National-Zeitung" Seite 11 Dr. M. Grünfeld : Die Gegner. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben halbvergangener Zeiten. (Fortsetzung.) Die Mutter erstrahlte vor inniger Freude. Ahron sang die alten Festtagsliedchen und alle Tischgenossen stimmten fröhlich ein. David sprühte an diesem Abende vor Witz und Geist. Für alle die alten Bräuche wußte er eine Deutung. „Woher hast du, mein Sohn," fragte Ahron erstaunt, „diese Kenntnisse? Lernt man dies auch auf der Universität? Gehört dies auch zur Medizin?" Und Gitl fiel ein: „Du weißt es ja, Ahron, aus einem Bochur (gelehrten Jüngling) kann man alles machen. So pflegte meine Großmutter zu sagen. Und David hat auch einmal Talmud gelernt." — „Lang ist es her," erwiderte dieser lachend. „Ich habe von diesem Gegenstande mehr vergessen, als ich jemals lernte. Der Talmud war nie meine starke Seite." — „Das will ich glauben," sprach Ahron. „Man kann aber auch heute Kranke nicht mehr nach der Medizin des Talmud heilen." — „Das will ich selbst meinen," erwiderte David. „Aber er gibt dem, der sich mit ihm, wenn auch nur für kurze Zeit befaßt hat, eine gewisse Findigkeit, die in manchen Lagen des Lebens notwendig ist." Und wieder schaute er verständnisinnig auf Rosl. „Die Liebe ist stärker, als alle Schlauheit," warf diese nun ein. David nickte ihr lächelnd zu. Baruch, der einsah, daß er jetzt auch ein Wörtlein reden müsse, meinte: „Von der Liebe allein kann man nicht leben. Man muß auch Geschäftsgeist besitzen." Die Wirkung dieser Worte war eine verschiedenartige. Ahron schien ganz der Meinung seines künftigen Schwiegersohnes zu sein. Mutter Gitl hielt es mehr mit der Liebe. Rosl zitierte die Worte des „hohen Liedes", die sie irgendwo gelesen, für sich hin: „Stärker als der Tod ist die Liebe." — Vom Tode wollte David allerdings nichts hören. „Die Liebe soll leben und etwas Schlauheit dazu, und — die Liebe macht schlau!" rief er lachend aus. — Noch wurde recht heiter das Liedchen vom „Böcklein" von der ganzen Gesellschaft teils gesagt, teils gesungen. So endete der Seder-Abend bei Ahron, der Verlobungs* abend seiner Tochter Rosl. II. Die „Gasse" hatte wieder ihren Gesprächsstoff. Den bildete die bekannt gewordene Verlobung Rosls mit Baruch. Man war darüber einig: es wäre für beide Teile „eine gute Partie". Daß die zwei zu einander paßten, wollte man schon weniger zugeben. Die sanfte, liebliche, wohl erzogene Rosl, die gerne deutsche Bucher las, schien doch nicht die richtige Lebensgefährtin zu sein für den ungebildeten Baruch, der, wie man nicht leugnete, zwar ein „guter" Jude war, aber nur für seine Schafwolle Sinn hatte. Diese war allerdings ein guter Artikel. Das Geschäft nährte seinen Mann. Baruch hatte sich ein stättliches Vermögen erworben. Man wußte es in der „Gasse". Er war auch nicht engherzig. Er lebte und ließ leben. Die kleinen Geschäftsleute fanden bei ihm immer Gehör, wenn sie ihre kleinen Schmerzen hatten, hervorgerufen durch den sich einstellenden Geldmangel. Dann half Baruch mit kleinen Darlehen, die er in der uneigennützigsten Weise jedem gewährte, der ihn darum ersuchte. So hatte er sich einen stattlichen Anhang in der „Gasse" erworben, eine Gefolgschaft von Leuten, die ihn schätzten und seine Bereitwilligkeit, zu helfen, würdigten. Anderseits galt Baruch bei einem anderen Teile der Ghettoleute für knausernd und nicht gerade nobel. Das waren diejenigen, welche in Wohltätigkeit „machten". Für die verschiedenen Vereine, welche in der „Gasse" der Wohltätigkeit dienten, hatte Baruch eine meist verschlossene Tasche. Er war der Ansicht, die allzuweit getriebene Wohltätigkeit, das Rachmonus, züchte die Schnorrerei und fördere den Müßiggang. Es wäre besser, die armen Leute zur Arbeit zu erziehen, als daß man die Risse mühsam verkleistere und doch keine dauernde Abhilfe schaffe. Wie man sieht, waren diese Ansichten Baruchs etwas modern, einem neueren Zeitgeiste entsprechend und sie wurden demgemäß auch nicht von allen geteilt. „Er kann leicht reden," brummte der kinderreiche Schammes (Gemeindediener) für sich hin, wenn Baruch wieder einmal seine Anschauungen unverhohlen geäußert hatte. „Er hat ein gutes Geschäft, verdient Tausende und weiß nicht, wie es dem armen Manne zu Mute ist, der von Gottes Segen nur die Kinder erhalten hat. Der Satte weiß nicht, wie es dem Hungrigen im Magen brummt. Ein herzloser Mensch, dieser Baruch." In dieser Weise sprach nun wieder der Schammes Jossef zu seinem Weibe, als sie beide an einem Sabbath-Nachmittage von der Verlobung Baruchs, aus Mangel an einem anderen Gesprächsstoffe, redeten. Die fünf männlichen Rangen des Schammes belustigten sich inzwischen ziemlich laut auf dem geräumigen „Schulhofe". Es war dies ein weiter Platz vor der Synagoge, der sich bei der hoffnungsvollen Jugend der Gasse großer Beliebtheit erfreute. Besonders an den Sabbatii-Nachmittagen ging es auf diesem Hofe hoch her und gar manches Mittagsschläfchen wurde durch den Lärm, den die „Gassenjungen" erregten, unliebsam gestört. Und des Schammes Jünglinge waren da immer obenan. Denn um die Erziehung seiner Söhne hatte sich der Diener der Gemeinde wenig gekümmert. „Sie werden sich schon durchbringen, dies war sein ewiger Trost. So ließ er seine Jungen „sich ausleben". Nur manchmal, wenn es ihm gar zu bunt wurde und sein Geduldfaden riß, griff er zu dem uralten Züchtigungsmittel, der Gerte, mit der er, etwas unsanft, gewisse Körperteile seiner Jungen bearbeitete. Und dann herrschte eine Zeitlang Ruhe. Die Jungen konnten sich wieder „ausleben". Dieser Schammes, der sich über die Herzlosigkeit Baruchs beklagte, war im übrigen nicht gerade die unwichtigste Person des Ghettos. Man wußte, der Mann war klug und verstand es, an unsichtbaren Fäden die ganze Leitung der Gemeinde an, sich zu reißen. Er war, sozusagen, der Hausmeier der jeweiligen Gemeinde» Vorsteher. Der feste Pol war er inmitten der sich stets ändernden Leitungen der Kilian (Gemeinde). Es ging ihm dabei nicht schlecht. Sein Gehalt war freilich gering, „zum Verhungern zu viel, zum Sattwerden zu wenig". Aber die Sportein, die für ihn abfielen, ersetzten, was man ihm zu zahlen verabsäumte. Und Jossef verstand sein Geschäft Als kluger Diplomat