Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 8 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425801-2425810--1660-2428033- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 12 „Neue National-Zeitung'* Nr. 8 verhielt er sich mit allen Parteien, an denen die Gemeinde nicht arm war. Man mußte sich aber auch mit diesem Jossef vertragen. Dies wußten die Anwärter auf das viel begehrte Amt des Roseh=Hakohol (Gemeindevorstehers). Durch viele Jahre bekleidete Jossef das Amt eines Gemeindedieners. Er war mit allen Verhältnissen der Gemeinde wohl vertraut. Und so war er der eigentliche Wahlmacher, der geheime, aber erfolgreiche Agitator, dessen Gunst man sich nicht verscherzen durfte. Man fürchtete auch seinen losen Mund. Eine Bemerkung, von Jossef hingeworfen, konnte viel schaden, wie anderseits sein demagogisches Geschick der Wähler Gunst schon manchem zu der heißersehnten Würde eines obersten Leiters der Kilian verholfen hatte. Denn der Ehrgeiz war immer eine hervorstechende Eigenschaft jener Gemeindemitglieder, die da vermeinten, die irdischen Güter, die ihnen eine gütige Vorsehung geschenkt und welche sie sich durch ihre Geschäfte erworben, berechtigten sie auch dazu, Führer der Gemeinde zu sein. Doch kehren wir wieder zu Jossef zurück, der nach einem reichlichen Sabbathmahle, freilich auf seine Pfeife schmerzlich Verzicht leistend, in eifriger Unterhaltung über die Verlobung Baruchs, mit seinem Weibe, der ziemlich beschränkten Zertl, begriffen war. „Ich sage dir, Zertl," rief er jetzt eifrig aus, „dem Baruch gönne ich Ahrons Rosl nicht. Warum? Weil sie ein schönes, feines, herzliches, gebildetes Mädel ist, und er ist ein rücksichtsloser Schafwollhändler. In Ahrons Familie hätte ein anderer gepaßt. Und weißt du wer?" Zertl zermarterte sich das Gehirn, aber vergeblich suchte sie nach dem! den der von ihr bewunderte Gatte, der gescheite Jossef, meinte. So will ich dir ihn nennen, wenn du ihn nicht erraten kannst, es ist der Dr. David Fröhlich, den ich meine." Zertls Antlitz erhellte sich. „Das ist richtig," gab sie zu, „der Doktor hätte für Rosl besser gepaßt. Ich hätte sie ihm gegönnt. Hat er doch unsere Kinder behandelt, wie sie am Scharlachfieber erkrankt waren und gar nichts dafür gezahlt genommen; ein guter Mensch, ein sehr braver Mann, der Doktor David. Aber, er hat kein Geld, wie kann er Rosl zur Frau verlangen?" — Jossef lachte bei diesen Worten seiner mehr praktischen, als wirklich verständigen Ehehälfte laut auf. „Du redest, wie du es verstehst," rief er höhnend aus. ,,Geld und wieder Geld. Ist Geld alles? Wo bleibt die Bildung, wo die Liebe?" Dies verstand Zertl allerdings nicht. Bildung, Liebe — reiche Leute heiraten unter einander, Es wäre freilieh ein schweres Unternehmen gewesen, Zertl beizubringen, zu einer glücklichen Ehe gehöre noch etwas anderes, als Geld. —- Jossef ließ, sich in seiner Rede nicht stören. . ^,Die Erbsen wird er . ihr in den Topf zuzählen, der Geldmensch, der kein Herz hat für die Armen. Für diese hat er nur gute Ezes (Ratschläge). Mit Ezes sind wir aber versehen. . Arbeiten sollen die armen Leute, sind immer seine Worte. Arbeite, wenn Gottes Segen nicht dabei ist. Dann kannst du verhungern. Ihm ist leicht, zu reden. Er hat ein gutes Geschäft/ Das hat er vom Vater geerbt, er weiß auch, wofür er arbeitet. Will er nicht am Ende auch Rosch-Hakphol werden? Dafür wird. Jossef sorgen, daß er es nicht wird Leider kann ich nichts dagegen tun, daß er Ahrons. Rosl zur Frau bekommt. Aber Rqscn-Häköhol soll er nicht werden, so war ich Jossef Lob heiße'ünd dich, Zertl, zur Frau besitze, und fünf Jungen habe, die mich der Herrgott auferziehen lasse zu allem Guten, zur Chuppa *) und guten Werken." — Diesen Segensspruch rezitierte Jossef mit der ihn begleitenden frommen Andacht. Freilich gehört in die Formel auch die Thorah. Die hatte Josef Löb wohlweislich ausgelassen. Denn wohl wußte er, zu Thorahmännern, zu Gelehrten, werde er seine „Gassenjungen" nicht erziehen. Ihre Köpfe waren zu hart für die Gelehrsamkeit. Die Debatte zwischen Jossef und seinem Weibe war im vollen Zuge, als sich die Türe des Gemaches öffnete und, wie der Wolf in der Fabel, der soeben gepriesene Dr. David Fröhlich erschien. „Gott zum Gruß!" rief wie aus einem Munde das überraschte Ehepaar dem Eintretenden entgegen. Heiter erwiderte dieser den Gruß, hinzusetzend: „Sie werden sich wundern, lieber Jossef, daß ich mir diesmal das Vergnügen mache, Sie aufzusuchen. Es ist, gottlob, niemand in Ihrer Familie krank; aber es ist eine Angelegenheit wichtiger Art, die mich zu Ihnen führt, wenn auch nicht die des Arztes." Jossef wartete gespannt, worauf der Doktor hinziele. Er wollte doch nicht am Ende Gemeindeoberhaupt werden? Das war undenkbar. Und, daß er seine Herzensangelegen* heit ihm anvertrauen wolle, daran dachte er schon gar nicht. Nun begann David: „Ich glaube wohl, daß ich vor Ihnen und Ihrer Gattin mein Geheimnis enthüllen kann, denn Verschwiegenheit über das, was ich Ihnen enthüllen will, ist die Hauptsache." Jossef und sein Weib horchten auf. Sie versicherten, kein Wort zu reden von dem, was sie nun hören sollten. Wie wollten sie nicht ihrem Wohltäter helfen, wo sie nur konnten, um ihm einen Teil ihrer Schuld abzuzahlen? David dankte und setzte fort: „Wie Sie wissen, hat sich Rosl mit Baruch am Pessah-Abende verlobt. Ich muß Ihnen nicht sagen, wie sehr mich dies schmerzt, denn immer habe ich gehofft, Rosl zu meiner Lebensgefährtin zu machen und jetzt scheint diese Hoffnung zunichte geworden zu sein." Jossef nickte. „Nur Sie, Herr Doktor, verdienen Rosl zur Frau," sprach er aufrichtig, „so wahr wir heute heiligen Sabbath haben. Soeben habe ich dies meiner Zertl auseinandergesetzt." Diese stimmte zu. „Nun denn," begann David, „Sie sollen mir zu Rosl verhelfen. Sie vermögen es." — „Ich?" rief Jossef verwundert und doch mit heimlichem Stolze aus, „ich sollte dies können? Verzeihen Sie, werter Herr Doktor, wie soll dies geschehen? Wollen Sie Gabbai (Synagogenvorsteher) oder Rosch- Hakohol werden, da ließe sich über, die Sache reden, aber zum Schadehen (Heiratsvermittler) habe ich leider wenig Geschick. Ich muß dies zugestehen. Mancher derartige Versuch ist mir zu Wasser geworden. Das Geschäft habe ich aufgegeben. Ich stehe mit Reb Ahron auf gutem, sehr gutem Fuße; aber wie soll ich ihn bewegen,- Ihnen seine Tochter zu geben^ besonders da sie schon vergeben ist? Das gellt nicht, Herr Doktor, es geht, wirklich nicht." Stumm schüttelte er sein Haupt, während Zertl, welche das Verlangen Davids noch weniger verstand als ihr trauter Gatte, yerlegen. an den Bändern ihrer Sabbathhaube zupfte. Eine bange Stille war eingetreten, nur manchmal-unterbrochen, von. dem Siegesrufe des ältesten. Rangen des Schammes, der. von.dem nahen. Schulhofe her Übertönte.. , - * ..(Fortsetzung folgt.). *) Trauhimmel," Symbol der Eheschließung."