Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1910-04-15 · Heft 8 (15.4.1910) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 8 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425801-2425810--1657-2428030
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 8 „Neue National-Zeitung" Seite 9 Ausgaben. Es gibt aber unter ihnen solche, die keineswegs in der Lage sind, sich solche Ausgaben zu leisten. Der jüdische Verein „Einheit", der in seiner Speiseanstalt (IL, Malzgasse 1:2) ein eigenes Lokal für die Mensa academica judaica eingerichtet hat, gibt zwar die Speisen zu den möglichst billigen Preisen, doch müssen sich auch diese von den gewöhnlichen Preisen unterscheiden. Es ergeht daher an die Juden Wiens die Bitte, Spenden für den Studentenfonds der Mensa acadamica judaica an die Administration, dieses Blattes einzusenden. Der Studentenfonds wird dazu verwendet, ärmeren Kollegen bei der Beschaffung der Pessachmahlzeiten behilflich zu sein. Hieran. Dienstag den 29. März fand die zweite ordentliche Generalversammlung des Vereines „Asyl für mittellose kranke Israeliten" statt. Die zahlreich erschienenen Mitglieder begrüßte der Präsident Herr Dr. M. Koref und gedachte mit herzlichen Worten der Verdienste des verstorbenen Vizepräsidenten Herrn Dr.Hersch, sowie der im Laufe des Jahres durch Tod entrissenen Mitglieder. Im Namen des Vorstandes dankte hierauf der Präsident der Witwe des Verstorbenen, Frau Dr. Rosa H ersch, dafür, daß sie bis?zum heutigen Tag<* die Bürde der Geschäfte eines geschäftsführenden Vizepräsidenten getragen habe. Hierauf erstattete Frau Dr. Rosa Hersch den Geschäftsbericht über die Tätigkeit des Vereines seit der letzten Generalversammlung. Nach dem Kassabericht und dem Revisionsbericht sprach die Versammlung das Absolutorium für die Gebarung aus. Sodann erstattete Herr Dr. Koref als ärztlicher Leiter des Genesungsheimes seilten ärztlichen Bericht, aus dem die Mitglieder zur Kenntnis nahmen, daß die verfügbaren 100 Betten seit September bis zum Tage mit 204 Personen belegt waren. Aus den weiteren Ausführungen des Referenten entnahmen wir, daß im ganzen 418 Gesuche eingelaufen sind und der Durchschnittsbelag 86 Pfleglinge per Tag ausmachte, daß 29*5 Prozent wesentlich gebessert und erwerbsfähig, 30*5 Prozent gebessert und erwerhsfähig und 26-8 Prozent gebessert und zu leichter Arbeit geeignet entlassen wurden. AUSN WSßKiLEN Rabbiner Dr. Horowitz in Frankfurt a. M. ist am 27. März verschieden. Dr. Horowitz war ein hervorragender Kanzelredner, eine talmudische Autorität von einer Bedeutung, die in allen religiösen Kreisen der Welt geradezu als maßgebend anerkannt wurde. Von Schriften allgemeinwissenschaftlichen Wertes sind sein wertvolles Werk „Die Frankfurter Rabbiner" und die von ihm bewirkte Herausgabe der Inschriften des alten Frankfurter Friedhofes besonders zu erwähnen. Dr. Horowitz hatte seinerzeit den bekannten Rabbinerprotest gegen den Zionismus an leitender Stelle unterzeichnet. Im Laufe der Jahre hat er jedoch seinen schroff ablehnenden Standpunkt aufgegeben. Jüdische Opfer beim Brandnnglück in Oekörito. Wie die Untersuchung ergab, haben bei der Brandkatastrophe in Oekörito in Ungarn, bei welcher dieser Tage in einer brennenden Scheune, in der ein Tanzvergnügen stattfand, 300 Menschen ums Leben kamen, auch mehrere Juden ihr Leben eingebüßt. Bisher konnte festgestellt werden, daß bei der Tanzunterhaltung auch der Szatmarer Kaufmann Karl Vogel, dessen Kunden die Oeköritoer Bauern waren, sowie dessen Gehilfe Daniel Kadar anwesend waren und in der Scheune verbrannten. Ferner werden auch zwei jüdische Frauen, die während der Tanzunterhaltung Orangen und Erfrischungen feilboten, vermißt. Auch sie scheinen in der Scheune umgekommen zu sein. Der Besitzer der Scheune, in welcher das Unglück geschah, der 90jährige Gastwirt Abraham Weiß, blieb unverletzt, hat jedoch vor Schreck eine Nervenerschülterung erlitten. Er zittert am ganzen Körper und weint udunterbrochen. Der Kammersängerin Selnia Kurz wurde, wie das „Extrablatt" mitteilt, vom russischen Konsulat in Wien das Paßvisum nach Rußland verweigert. Dieses Verbot ist umso auffälliger, als bereits wiederholt jüdische Künstler, so S o n n e n t h a 1 u. a., in Rußland gastiert haben. Nach Versicherung ihres Rechtsfreundes hat Fräulein Kurz nun endlich doch das Paßvisivum bekommen. Wenn die Dame hesser beraten wäre, sie hätte diese Reise vielleicht doch lieber unterlassen. Diese Jüdin aus dem Osten hätte es sieh überlegen können, ob sie es unbedingt notwendig hat, sich den „hohen und höchsten Herrschaften", deren politisches Ideal die Pogroms bilden, aufzudrängen. Sollte aber Fräulein Kurz einmal mit dem Grafen Aerenthal zusammenkommen, so wäre es gut, wenn sie ihn aufmerksam machen würde, daß kein Ausländer in Rußland so wenig Schutz genießt wie der österreichische Jude. Selbst der reichsdeutsche Jude findet bei seinem Auswärtigen Amte einen Fürsprecher, wie aus der Interpellations- Beantwortung des Staats-Sekretärs von Schön im Deutschen Reichstage vom 16. März hervorgeht. In Oesterreich gilt aber das Prinzip, daß die österreichischen Juden nicht nach Rußland reisen müssen; blos unser Minister des Aeußeren muß in Petersburg gewesen sein. Jüdische chirurgische Klinik in München. Am 14t. April trat in München die konstituierende Versammlung des Vereines „Schwesterheim" zusammen, um definitiv die Gründung einer jüdischen chirurgischen Klinik zu beschließen. Die Vorbereitungen sind bereits alle getroffen. Das Haus Hermann-Schmidt-StraJße 5 wird zum genannten Zweck umgebaut und das jüdische Schwesterheim hinein verlegt. Die Verwaltung des Hauses bleibt in den Händen der jüdischen Schwestern und eines ärztlichen Beirates. Die Kosten werden außer aus den Mitteln des Vereines , Jüdisches Schwesterheim" mittelst Subvention der U. O. B. B.¬ Loge und durch Ausgabe einer 4prozentigen Anleihe gedeckt. Edouard Colonne (mit eigentlichem Namen Julius Eduard Juda), der bekannte französische Musiker und Leiter des „Concert National" in Paris, ist im 72. Lebensjahre gestorben. Er war einer der aufrichtigsten und glücklichsten Vorkämpfer moderner und im besonderen deutscher Musik in Frankreich. Seine Konzerte im Chatelet, kurzweg „Colonnekonzerte" genannt, genossen einen Ruf und eine Beliebtheit, die sie zu einem wesentlichen Faktor des ganzen Pariser Musiklebens machten. Colonne stammte aus einer angesehenen jüdischen Musikerfamilie. Zeitschriften-Rundschau. Die „Selbstwehr" gegen den „Jüdischen Klub". Das offizielle zionistische Organ „Selbstwehr" in Prag veröffentlicht in seiner letzten Nummer unter Bezugnahme auf den in unserer letzten Nummer erschienenen Leitartikel des Abgeordneten Breiter eine Reihe von Anwürfen gegen den „Jüdischen Klub", die in einem seltsamen Widerspruch zu dem Eigenlob des Herrn Abgeordneten Stand auf dem Lemberger Parteitage stehen. „Unser Klub hat es bisher verabsäumt, mit dieser Organisation in Verbindung zu treten, ihm Direktiven für seine Tätigkeit zu geben, hat kurzum nach dem auch in Ostösterreich angewandten Rezepte alles der zufälligen Entwicklung überlassen. Der jüdischparlaraentarische Klub, der durch seine Unterlassungssünden auf dem C4ebiete einer. einheitlichen politischen Organisation viel Verworrenheit gestiftet hat, wird aber noch einer zweiten Anklage vor dem Parteitage Rede und Antwort stehen müssen. Für die Kenntnis der wirtschaftlichen Verhältnisse Galiziens und der Bukowina ist das notwendige statistische Material nicht gesammelt, zur Besserung der traurigen Lage, abgesehen von der Kreditunion in Lemberg, so gut wie nichts versucht worden. Unsere führenden Politiker müssen endlich zur Erkenntnis kommen, daß mit dem begeistertsten Reden und zwei- bis dreitägigem Aufenthalte im Wahlkreise, mit Interpellieren und Intervenieren, Für- und Rücksprache in Ministerpalais noch lange nicht die Aufgabe eines jüdischen Volksmannes erfüllt ist. Unsere Zeit verlangt eine energische Arbeit zugunsten der wirtschaftlich Schwächeren, eine Kooperierung der lebensgesunden Elemente, damit diese im Existenzkampfe nicht unterliegen."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.