Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 8 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 „Neue National-Zeitung" Seite 5 Qualitativ jedoch, d. h. ihrer, wenn ich mich so ausdrücken darf, ideellen Architektonik nach ist es und bleibt es ein Werk, das in allererster Linie der Judenfrage gewidmet ist. Die Judenfrage ist die Achse, um die sich sämtliche Ausführungen des Buches drehen. Es würde uns jedoch viel zu weit führen, wollten wir hier die Fülle der in diesem Werke behandelten und aufgeworfenen Probleme besprechen. Wir wollen uns hier daher einstweilen auf den allgemeinen rassentheoretischen Teil — in seiner Anwendung auf die Judenfrage — beschränken. i . n. Wenn man sich mit den quasi wissenschaftlichen Untersuchungen der Rassentheorien näher befaßt, kommt einem unwillkürlich das prägnante, kraftvollderbe Wort Nietzsches in den Sinnt „Maxime: Mit keinem Menschen umzugehen, der an dem verlogenen Rassenschwindel Anteil hat." In der Tat: Wie wenig währer Wissenschaft und wie viel politischer Vorurteile, ja historischer Lügen steckt in diesen „Theorien". Nehmen wir z. B. die modernste derselben — die sogenannte Germanentheorie. Der Gedankengang derselben ist bekanntlich folgender: Am Anfang war — das Blut, das Biologische, die Rasse. Die gesamte Geschichte ist nichts anderes als die Entfaltung der den verschiedenen Menschengruppen ab initiö inhärenten physischen und psychischen Rasseneigenschaften und kultureller Potenzen. Ein kleiner Teil der Völker ist von der Wiege aus zum Herrschen und Siegen berufen, während alle übrigen Völker zum Dienen und zur Sklaverei prädestiniert sind. Die Herren — das sind die „blonden Langschädler"; die Sklaven — die „dunklen Rundschädler". Unter den Sklaven sind wieder die allerletzten — die Semiten, oder vielmehr — die Juden, die, kulturell absolut steril, keinen positiv-historischen Wert für die kulturelle Entwicklung der Menschheit haben. Dagegen rührt alles Große, Erhabene und Geniale in der Geschichte von den Langschädlern (Germanen) her Und der langen Rede kurzer Sinn, der dickleibigen quasi theoretischen Untersuchungen ä la Chamberlain, Ammon, Woltmann etc. praktischer — allzu praktischer — Schluß ist: Die Weltherrschaft der Germanen einerseits und der wissenschaftlich verbrämte Antisemitismus andererseits. Nicht in den langen Schädeln, sondern in den langen — Armen liegt der Kernpunkt des Problems. Und nicht in der vermeintlichen semitischen Minderwertigkeit, sondern im Größenwahn der arischen Rassentheoretiker. Jedenfalls bestimmen m. E. die Rassentheorien weder die Richtung der internationalen Politik, noch, wie es Zollschan zu glauben scheint, die Beziehungen der europäischen Nationen zu uns Juden. Das Gegenteil hätte allenfalls mehr für sich. Diese Theorien sind eher der ideologische Ausdruck der antisemitischen Politik, als ihre Ursache. Diese aufgeschraubten Ideen dringen aus den Fachschriften durch die antisemitische Tagespresse nur in wenige chauvinistische Kreise ein, während die breiten Volksmassen diesem Hirngespinst überhaupt fernstehen. Die wahrhaft gebildete Welt weiß sehr wohl, daß die sogenannte Germanentheorie, die mit der Theorie der Rassen-Inferiorität des Judentums eng verknüpft ist, die idee fixe einer unbedeutenden Anzahl deutscher Gelehrter ist, die das imperialistische Säbel-„Rasseln" des preußischen Junkertums durch reaktionäre Rasse n-„Theorien" zu rechtfertigen suchen. III. Man darf gewiß die große Bedeutung der Rasse, des biologischen Momentes in der Geschichte, weder übersehen, noch unterschätzen. Doch spielen gegenwärtig die treibende und dominierende Rolle in der menschlichen Entwicklung nicht die verhältnismäßig konstanten biologischen Erbwerte, sondern die der ständigen Fluktuation und Evolution unterworfenen kulturellen Traditionswerte. Die Rassenunterschiede haben gegenwärtig nur insofern eine Bedeutung für den sozialen Fortschritt, inwiefern sie auf die größere oder kleinere Anpassung der gegebenen Menschengruppe, etwa Nation, an dem allgemeinen Entwicklungsgang einen Einfluß üben, inwiefern sie also in die menschliche Kulturentwicklung eine individuelle Nüancierung hineinbringen. Hieraus folgt wohl, daß wir der prinzipiell rassentheoretischen Behandlung alles historischen Geschehens überhaupt und der Erscheinungen des jüdischen Lebens insbesondere keineswegs beipflichten können. Stellt man sich aber einmal auf den Standpunkt der Rassentheorien und betrachtet man von demselben aus die Polemik, die Zollschan gegen die Theorien von der Inferiorität der jüdischen Rasse führt, so wird man ohne Vorbehalt zugeben müssen, daß ihm die vollständige Widerlegung derselben in allen Stücken glänzend gelungen ist. Mit einem überreichen und einer sorgfältigen wissenschaftlichen Prüfung unterzogenen Tatsachenarsenal zieht Zollschan gegen den Feind ins Feld. Die Ergebnisse der bisherigen wissenschaftlichen Kritik der Rassenvorurteile der germanischen „Theorien", die neuesten Forschungen auf dem Gebiete der Judenfrage sowie persönliche Erfahrungen und Beobachtungen sind in diesem Buche vereinigt. Was die einzelnen Grundpostulate betrifft, auf denen die Germanentheorie beruht, so bekämpft sie der Autor mit Erfolg, indem er den Beweis führt, daß weder das blonde ethnische Element noch der dolichocephale Schädel und der hohe Wuchs als ausschließliche Merkmale der germanischen Rasse anzusehen sind. Dieselben lassen sich vielmehr sehr oft durch die Einflüsse des Milieus, der Lebensbedingungen etc. erklären, wie es Zollschan auch tatsächlich an zahlreichen Beispielen von Juden, die ja in verschiedenen Ländern und grundverschiedenen Verhältnissen leben, nachweist. Auch hänge die Umwandlung der Dolichoin Brachocephalie durchaus nicht notwendig von Rassenmischungen ab, sondern sei vielmehr eine Begleiterscheinung des allgemeinen kulturellen Aufschwunges. IV. In Bezug auf die gegenwärtige Auffassung über das Rassentum der Juden wollen wir hier nur auf einige der markantesten Ausführungen und Ergebnisse des Buches hinweisen. Von besonders großem Interesse und Bedeutung ist m. E. der von Zollschan dargebrachte Beweis, daß die Juden in anthropologischer und physiologischer Beziehung wohl als dekadent, nicht aber als d egeneriert bezeichnet werden müssen. So führt er auch im einzelnen aus, daß der gegenwärtige kleine Wuchs der Juden zum größten Teile dem ungünstigen Milieu zuzuschreiben ist, daß ihre eigentliche Größenanlage eine bedeutendere ist, was jene Teile der jüdischen Rasse beweisen, die sich in günstigeren Lebensbedingungen befinden. In wenigen Generationen erreichen — ja übersteigen sogar hie und da — die Ju-