Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 8 (15.4.1910)
- Date
- 1910-04-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Dr. v. Fürth, nachdem er vor sechs Jahren in den Gemeinderat gewählt wurde, aus dem Judentum ausgetreten ist, während der zweite, ein Dr. Wilhelm N e u m a n n, sich als Student getauft hat. In der am 11. d. Mts. abgehaltenen Sitzung hat das Wahlkomitee, unter dem Vorsitze des Herrn Noske, neben zwei jüdischen Kandidaten, Dr. Hein und Dr. Mittler, sowie neben drei christlichen Kandidaten, Dr. G ra n i t s c h, Professor K1 a u d y und Kommerzialrat Maass, noch jene zwei Fahnenflüchtige den Wählern der Inneren Stadt als Kandidaten für den Gemeinderat zu empfehlen beschlossen. Die Haupträdelsführer dieser Clique, die Herren N o s k e, Baron Hock und Dr. Ofner, haben diesmal die jüdischen Wähler unterschätzt. Sie glaubten, in jenen Zeiten zu leben, da sich die jüdischen Wähler ihrem Diktate fügten und wie Stimmvieh zur Urne treiben ließen, da die deutschfortschrittliche Phrase jedes selbständige Denken bei den jüdischen Wählern hypnotisierte. Und da zeigte es sich, daß sich die jüdischen Wähler denn doch nicht alles zumuten lassen und daß es eine gewisse Grenze gibt, bei der die jüdische Wählerschaft den bisherigen Wahlmachern die Gefolgschaft versagt: dort, wo ihre Ehre aufs Spiel gesetzt wird. * Die Wähleryersammlung, die am 12. d. Mts. im Hotel de France stattgefunden hat, war der Schauplatz aufregender Szenen und leidenschaftlicher Wortgefechte, wie sie wohl seit Jahren in der Inneren Stadt nicht vorgekommen sind. Schon die große Anzahl der erschienenen Wähler, die ja sonst bei deutschfortschrittlichen Veranstaltungen durch ihre Abwesenheit zu glänzen pflegen, war ein Beweis des ungeheuren Interesses, welches diesmal in der Wahlkurie der Höehstbesteuerten für die Wahlen vorherrscht. Tatsächlich kamen die meisten Wähler, um gegen die Schmach zu protestieren, die das Wahlkomitee durch Aufstellung zweier fahnenflüchtigen Juden der gesamten jüdischen Wählerschaft antun wollte. Die Personen der einzelnen Kandidaten, ihr Programm und ihre bisherige Tätigkeit interessierten Niemanden; im Mittelpunkte der stürmischen Debatten standen lediglich die Personen des konfessionslosen Dr. v. Fürth und des getauften Dr. Neumann. Während alle anderen Kandidaten mit großer Aufmerksamkeit und unter stürmischem Beifalle ihr Programm entwickelten, konnten sich Dr. v. Fürth und Dr. Neumann kaum Gehör verschaffen. Sie wurden ausgepfiffen, angejohlt, ausgezischt und als „Ueberläufer", „Verräter", „Fahnenflüchtige" apostrophiert. Es schien wiederholt, daß die Versammlung gesprengt sei und nur mit Mühe gelang es dem Präsidium, die Ruhe wieder herzustellen. __ Dr. Neu mann wurde moralisch hingerichtet. Die Wähler Bernard Hofbauer und Dr. L i f c z i s haben ihm den .Garaus gemacht. Sie legten schonungslos das Verwerfliche im Vorleben dieses Mannes dar, der als Sohn reicher Eltern, zu einer Zeit, als die jüdische Studentenschaft im Kampfe gegen ihre antisemitischen Kollegen ihr Leben in die Schanze schlug, feige dem Judentum den Rücken kehrte. Dieser Mann wage es, seine Hand nach einem Mandate auszustrecken, welches 70 Prozent jüdischer Wähler zu vergeben haben. Auf das alles hatte Dr. Neu mann nichts zu antworten, als daß er zynisch bemerkte, als Student habe er die Wassertaufe, heute aber habe er die Feuertaufe empfangen. Der jüdischen Wähler bemächtigte sich ein Gefühl des Ekels und sie verließen den Saal. Es fand daher eine Abstimmung über die Kandidaten nicht statt. Es waren auch einige Christen — Mitglieder des Wahlkomitees — in der Versammlung anwesend, die sich sehr „liberal" gebürdeten, ebenso mehrere Täuflinge, die ihrem Schrittmacher zu Hilfe kamen, indem sie über die „Jüdischen Klerikalen" schimpften. Das Resultat der Versammlung war eine Niederlage des Wahlkoraitees. Es ist in sehr unangenehmer Weise zur Ueberzeugung gelangt, daß sich die jüdischen Wähler der Inneren Stadt endlich aufgerafft haben und nicht mehr gesonnen sind, sich als Stimmvieh behandeln zu lassen. Die jüdischen Wähler wollen im Gemeinderate nicht durch Konfessionslose und Getaufte, sondern durch Juden vertreten sein. Die M u g d a n s mögen in Berlin Erfolge haben, in Wien haben sie nichts zu suchen. Sehr bedauerlich ist, daß Abgeordneter Hofrat Kuranda, die Gemeinderäte Dr. He in und Doktor Mittler diese zwei schmählichen Kandidaturen innerhalb ihrer Partei nicht zu verhindern wußten. Diese Herren werden sichs zuzuschreiben haben, wenn die allgemeine Erbitterung, die jetzt in jüdischen Kreisen herrscht, auch sie zur Verantwortung ziehen wird. Die letzten Ueberreste der verkrachten Liberalen, diese Dienstags-Tischgesellschaft, die nicht nur unsere Wahlfreiheit, sondern auch unsere Gewissensfreiheit unterdrücken möchte, muß endlich in ihrer ganzen Jämmerlichkeit entlarvt werden. Die wenigen jüdischen Mandatare täten gut, sich von dieser Gesellschaft loszusagen, solange es noch nicht zu spät ist. . L. Dr. Max Schatz: Ein Beitrag zum jüdischen Kossen- Problem, i. „Das Rassenproblem unter besonderer Berücksichtigung der theoretischen Grundlagen der jüdischen Rassenfrage" — so hat Dr. Ignaz Zollschan sein Werk genannt.*) Mit gleichem — und vielleicht noch größerem — Recht könnte er es m. E. „Die Judenfrage unter Berücksichtigung des Rassenproblems" betitelt haben. Denn was an dem Buche einem jeden sofort auffällt — und der Autor macht auch keinen Hehl davon — ist, daß es von einem modernen Juden geschrieben ist, der an den schweren und verwickelten Problemen seiner Nation nicht achselzuckend vorübergehen konnte, den sie in ihrem Banne gefangen hielten, bis er sich ein klares Bild über die objektiven EntwicklungSTTendenzen und -Möglichkeiten des jüdischen Volkes geschaffen hat. Auf dem Wege zu diesem seinem Hauptziele mußte er sich auch über manche allgemeine Frage, insbesondere über die anthropologischen, historischen und physiologischen Grundlagen des modernen Rassenproblems überhaupt Klarheit verschaffen. Als Resultat dieses langen und schwierigen Weges ist das vorliegende Werk zu betrachten. So mag es denn auch richtig sein, daß das Buch quantitativ eher dem allgemeinen Rassenproblem, als der spezifischen Judenfrage gewidmet ist. *) Verlag Willi. Braumüller, Wien und Leipzig, 1910.