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Neue Nationalzeitung · 1910-04-15 · Heft 8 (15.4.1910) · p. Seite 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 8 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 Seite 3 Das Ende der Propination.*) Vierundzwanzigtausend Familien mit über hundertfünfzigtausend Seelen sehen jetzt mit Angst und Sorge dem Machtspruche des galizischen Statthalters Dr. Bobrzynski entgegen. Wohl selten war der erste Beamte eines Landes in der Lage, mit einem Federstrich so viele Tausende von Familien dem Hungertode zu überliefern oder ihnen ihre wirtschaftliche Existenz zu sichern! Nach mehrfachen Enqueten, Kundgebungen und Versammlungen der Interessenten hat die galizische Statthalterei in einem Erlasse dieselben aufgefordert, in der Zeit vom 15. März bis 15. April d. J. bei den Bezirkshauptmannschaften ihres Wohnsitzes um Verleihung einer Schankkonzession einzuschreiten. 24.000 Familienhäupter kommen hier in Betracht. Denn soviel lebten bisher in Galizien von der Propination; die meisten betrieben den Ausschank von Schnaps und Bier am Lande und in den Städten, sonst aber fanden Tausende von Familien ihre Existenz als Beamte und Diener der Propinationen. Am 31. Dezember d. J. erlischt in Galizien die Propination. Das Ausnahmsrecht des Landes Galizien hört auf, und an Stelle der Propinatoren, die das Schankrecht vom Lande gepachtet haben, an Stelle der Schenker, die ihren Branntwein von der Propination beziehen mußten, treten selbständige Konzessionäre im Sinne der Gewerbeordnung, wie in allen anderen Ländern. Um diese Konzessionen oder eigentlich um das Prinzip, nach welchem die Konzessionen im ganzen Lande zu verleihen sein werden, ist seit einem Jahre ein heißer Kampf entbrannt. Auf der einen Seite stehen die bisherigen Interessenten, die 24.000 Familien, die durch das Erlöschen der Propinationen ihre Existenz, ihr Brot verlieren, und auf der anderen Seite die politischen Parteien, die unter dem Schlagworte des Kampfes gegen den Alkoholismus das Schankgewerbe in ihren Parteibetrieb übernehmen wollen. Die Allpolen, die Polnische Volkspartei und die Ruthenen richteten im Landtage in wiederholten Debatten an die Regierung die Aufforderung, die Schankkonzessionen in erster Linie an die Gemeinden und dann an die landwirtschaftlichen Genossenschaften zu verleihen, weil nur dadurch die Bevölkerung von der angeblich zunehmenden Trunksucht geschützt werden könnte. Was mit den 150.000 menschlichen Wesen geschehen soll, die plötzlich ohne jeden Erwerb dastünden, kümmert diese Politiker nicht; sie setzen sich in ihrem Parteifanatismus nicht nur über alle Gebote der Humanität, sondern auch über alle Grundsätze der Staatsraison hinweg, die ihnen sagen müßten, daß die plötzliche Aushungerung von 150.000 Menschen eine wirtschaftliche Katastrophe für das ganze Land zur Folge hätte. Allerdings sind 85% der Betroffenen Juden. In dem Lande, wo ohnehin 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung als Massenproletariat vegetieren und auf die Hilfe ausländischer Wohltätigkeitsinstitute angewiesen sind, pflegen sich die politischen Führer von Skrupeln gegenüber ihren jüdischen Mitbürgern nicht leiten zu lassen. .Noch auf hunderttausend und mehr jüdische Bettler, die nicht einmal auswandern können, weil man heutzutage, auch zur Auswanderung Geld braucht, kommt es ihnen nicht mehr an. Was mit Hilfe *) Dieser Artikel unseres Herausgebers ist am 4. d. M. in der. Wiener „S o nnu ii d M o n t a g s z e i t u n gu erschienen. Die Redaktion. der landwirtschaftlichen Genossenschaften, die vom Lande und Staate subventioniert werden, bereits vor zwanzig Jahren begonnen wurde, sollen die Schankkonzessionen zu Ende führen: die vollständige Verdrängung der Juden vom flachen Lande nach russischem Muster. Dieser jeder Humanität Hohn sprechende Parteifanatismus hat an kompetenter Stelle kein Entgegenkommen gefunden. Statthalter Dr. Bobrzynski, der noch aus der Zeit seiner parlamentarischen Wirksamkeit nicht nur als ein vornehmer Staatsmann, sondern auch als kluger Kopf bekannt ist, übersah allzu rasch die Gefahren, die dem Lande und der Gesamtbevölkerung drohen, wenn er sich ins Schlepptau von jenen Parteien nehmen ließe, die unter dem Deckmantel von Schlagworten ihre Parteiagitatoren versorgen wollen. Am 19. Jänner d. J. erklärte Dr. Bobrzynski im galizischen Landtage unumwunden, daß er an die Ortsgemeinden keine Konzessionen zu vergeben gedenke. „Die Gemeinden sind in erster Linie dazu berufen", sagte er, „die Trunksucht einzudämmen und die Schenken zu überwachen. Werden sie diese Aufgaben auch als Schankkonzessionäre erfüllen können? Wir hätten dann zwar keine Landes-, dafür aber eine Gemeindepropination." Gleichzeitig holte die Statthalterei bei den Ortsgemeinden Gutachten darüber ein, ob und wieviel Konzessionen in ihrem Bereiche zu vergeben seien. 700 Gemeinden verbaten sich jede Konzessionserteilung; eine Revanche dafür, daß man ihnen selbst keine Konzession erteilen wollte. Die übrigen Gemeinden und speziell die Stadtgemeinden gaben Ziffern an, die mit der von der Statthalterei aufgestellten Norm ungefähr im Einklänge stehen: 1 Schankkonzession auf 500 Einwohner in den Städten, und 1 Konzession auf 800 Einwohner in den Landgemeinden. Da Galizien bei der bevorstehenden Volkszählung mindestens 8 Millionen Seelen zählen dürfte, so werden auch ungefähr 14.000 bis 15.000 Konzessionen erteilt werden. Die bisher loyale Haltung und der Gerechtigkeitssinn des Statthalters Dr. Bobrzynski sind eine genügende Bürgschaft, daß die bisher im Schankfache tätigen Personen in erster Linie eine Berücksichtigung finden werden. Die Leute, die bisher in Galizien Schnaps und Bier verkauft haben, verdienen am allerwenigsten, daß sie der Staat wegwerfend behandle. Sind sie doch seine Handlanger beim Verkaufe jener Genußmittel, die dem Staatsbudget Hunderte Millionen zuführen. Ein Finanzminister, Dr. v. Korytowski, war es auch, der einer galizischen Schenkerdeputation, die von ihm die Aufhebung der sogenannten Dunajewski-Steuer verlangte, in dem von ihm so gut beherrschten jüdischen Dialekt zurief: „Gut, meine Herren, ich will darüber nachdenken, aber schaut's doch, daß die Bauern recht viel trinken . . ." Dr. S. R. Landau. Der Mugdanismus in Wien. (Die Gemeinderatswahlen in der Inneren Stadt.) Auch Wien hat seinen Mugdan. Wie in Berlin, so versucht auch hier eine „zusammengewürfelte Gesellschaft" — so nannte selbst der fortschrittliche Gemeinderat H e r o 1 d diese Clique — die sich zu einem deutsch-fortschrittlichen Zentralwahlkomitee ernannt hat, den jüdischen Wählern zwei Männer als Gemeinderäte aufzudrängen, von denen der eine

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