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Neue Nationalzeitung · 1910-04-15 · Heft 8 (15.4.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 8 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 8 Idealismus des Judentums gerettet werden. Das „hohe Lied" von der Gerechtigkeit, Liebe und Wahrheit, welches das Judentum schon vor Jahrtausenden anstimmte, darf unserer Jugend nicht verstummen. Ihr leset eueren Goethe, Nietzsche und Ibsen, entzücket euch an Wagner, suchet die idealen Forderungen auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft, Literatur und Kunst zu befriedigen und wisset von euerem J e s a i a s nichts, der den Völkerfrühling vor Jahrtausenden verkündete und das erhabenste Ideal der Menschheit aufbaute. Was uns demnach bedrückt und kein frisches Leben unter uns aufblühen läßt, es heißt Unkenntnis unseres Judentums und Gleichgültigkeit gegen seine ewigen Lehren. Die Alten, die sich in das Schneckengehäuse versteinerter, fossiler Bräuche einspinnen, die Jungen, welche mit Nichtachtung und Verachtung an dem Gewaltigen und Großen vorübergehen, welches das Allerheiligste des Judentums birgt, sie alle tragen ihre Schuld daran, wenn das Judentum verkümmert und vielen, sehr vielen unter uns Hekuba wird Die Schule wurde bei uns höher als das Heiligtum geschätzt. Der Unterricht hat in unserer Mitte eine hohe, heilige Aufgabe zu erfüllen. Ist er sich dieser, auch in unseren Tagen, bewußt? Keine Anklage soll erhoben werden, da dieses Frühlings- und Freiheitsfest in unsere Häuser einzieht. Aber, wer wird es leugnen wollen, daß unsere Jugend von der Schönheit des Judentums1 wenig erfährt und ihr die großen, reckenhaften Gestalten unserer Vergangenheit viel weniger bekannt sind, als die nicht immer ganz einwandfreien der römischen und griechischen Geschichte. Unterrichtet die Jugend nach ihrer Art, verstehet es, jedem Antwort zu geben, der fragt, dem, der nach den Gründen der Dinge forscht, ebenso wie dem Materialisten, dem Klugen ebenso wie dem Gläubigen. Das sagt ja schon die alte Hagadah, die zu lesen wir nicht angelegentlich genug empfehlen können. Und sei es auch nur die Groteske „Chad Gadja", wemi sie mit Bedacht studiert wird. Die erzählt, wie der Schwache immer dem Starken und dieser dem Stärksten weichen mußte. Ein Stück jener Philosophie, die der große Denker unserer Zeit aphoristisch vortrug und als „fröhliche Wissenschaft", als „Menschliches, Allzumenschliches" bezeichnete. Die alte Pessah-Hagadah führt uns aber auch die Schar derjenigen vor, die überhaupt nicht zu fragen verstehen. Sie wissen, wie das alte Jargonwort sagt, nicht von ihrem Leben zu sagen. Und dieser Troß wird immer größer. Weil sie vom Judentum nichts wissen, bereiten sie sich das billige Vergnügen, über dieses zu spotten. Ihr Hohn soll ihre krasse Unkenntnis verbergen. Es wäre an der Zeit, diesen Leuten die Augen zu öffnen. Die Augen, aber auch den Mund, daß sie zu fragen verstehen. "Man sient, große Aufgaben harren unser. Und es wäre höchste Zeit, einen Damm zu bauen, um den Fluten der Zeit, die unseren Grund und Boden zu unterwühlen drohen, zu wehren. Unkenntnis, Gleichgültigkeit, Uneinigkeit, das sind die vernichtenden Zähne, welche an dem Heiligtum unseres Judentums nagen. Und die traurige Folge ist das Renegatentum, dieses Gift, das, furchtbar zersetzend, schleicht und wirkt Grausamkeit, Hinterlist, Heimtücke unserer Gegner, die nie aussterben werden, können uns nicht so schaden, wie die Fahnenflüchtigen, welche unsere Reihen verlassen, während wir, von den Fluten des Hasses umringt, unseren schweren Kampf fuhren. Das sind allerdings düstere Gedanken, die sich uns aufdrängen, während der Frühling seine Pracht wieder aufleuchten läßt, die Natur jubelnd die Neubelebung alles Seins verkündet, das Pessahfest von Erlösung und Freiheit spricht. Aber diese Festeszeit hat uns ein Geschenk gespendet, das wir uns nicht nehmen lassen, es heißt: Zuversicht. „Zu allen Zeiten sind sie gegen uns aufgestanden, um uns zu vernichten, aber der Heilige, gepriesen sei sein Name, hat uns errettet aus ihrer Hand." Wieder schlagen wir die alte Hagadah auf und lesen dieses tröstliche Wort. Ist es nicht doch ein merkwürdiges Volk, das, mitten im Drange der Gegenwart, der grauesten Vergangenheit gedenkt, eines Ereignisses, das sich im fernen Lande zutrug, im Dunkel einer längst vorübergerauschten Zeit. Dieses Volk, es liebt ein Gut über alles, es schätzt es um so hoher, je mehr es ihm versagt blieb: die Freiheit. Und ein solches Volk kann wohl zuversichtlich in die Zukunft schauen, trotz Charakterlosigkeit, Strebertum, Renegatentum und wie es sonst heißen mag, das Gewürm, das an unserem Marke zehrt. Nicht diejenigen aber werden uns die wahre Freiheit bringen, welchen wir gut genug sind, als Fußschemel zu dienen, damit sie sich zu heiß ersehnten Ehrenstellen emporgattern, auch nicht die, welche uns mit wohlfeilen Redensarten einschläfern, während die Not immer furchtbarer an uns herankriecht, deren ganzes Jagen und Hasten nur dem gleißenden Golde gilt, das sie als ihren einzigen Götzen umtanzen, nicht die Streber und Eitlen, die Schwätzer und Banausen, die Beschwichtigungsmenschen und Einschläferer werden uns helfen, sondern die Starken und Kämpfer, die mutig in die Arena treten, mit Wort und Tat für ihr Volk redend und wirkend. Es wird wohl noch solche Männer in unserer Mitte geben, und darum wollen wir das Pessahfest mit freudigen Gefühlen begehen. Es erzählt uns so viel von den Kämpfen unserer Ahnen. Freudig schwillt unsere Brust, das Auge leuchtet, es freut sich unser Herz, es erhellt sich der Geist, es grünt und blüht um uns auf, wenn wir in den Büchern unserer Vergangenheit lesen von unseren großen Männern und unseren edlen Frauen. Da saßen sie einst in Bene Berak und studierten über das gewaltigste Ereignis unserer Geschichte die ganze Nacht hindurch. Dann aber kamen die Jungen, die Schüler. Die Sonne hatte ihre lichten Strahlen entsendet, ein neuer, junger Morgen wachte auf. Und die Alten und Jungen gingen hin, um den Herrn zu preisen, der sein Volk befreite aus dem Lande der Knechtschaft. Ein schönes Bild der Hagadah. Da ist alles Symbol. Dunkel mag es um uns sein; aber das Licht einer neuen Zeit wird auch uns erstrahlen. Wer sich selbst aufgibt, wird auch von den anderen aufgegeben. Nur nicht an sich selbst verzweifeln. Das ist die Hauptlehre der Pessahtage. Frohe Festeszeit wünschen wir allen, die kämpfen und ausharren. Mögen sie Freude finden, wenn sie lesen in der alten Hagadah, die erzählt von unseren Kämpfen und unseren Siegen. Unsere P. T. Abonnenten werden anlässlich des Quartalwechsels um Erneuerung der Pränumeration höflichst ersucht. Die Administration.

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