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Neue Nationalzeitung · 1910-04-15 · Heft 8 (15.4.1910) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 8 (15.4.1910)
Date
1910-04-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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r NBIB RSRAüSGgBER: ors.R.LNNONu:: XII. JAHRGANG. WIEN, 15. APRIL 1910. Nr. 8. Pessah-Betrachtungen, Von Dr. Moses Ahronsohn. Um aufrichtig zu sprechen: erfreulich sind gerade die Gedanken nicht, die das diesjährige Pessahfest in uns „auslöst", wie man im modernen Jargon zu sagen pflegt. Wir wissen: auf den Kanzeln wird wieder recht viel von Freude, Fröhlichkeit, Frühling und Freiheit gesprochen werden, car c'est nötre metier. Das bringt das Geschäft mit sich. Uns aber will es bedünken, daß die genannte Alliteration in unseren Tagen sehr schlecht angebracht ist. Es gehört der ganze Optimismus, durch den sich angeblich das Judentum auszeichnet, dazu, um Freude zu empfinden, wenn man sieht, wie unseren jetzigen Juden die Seelen- und Charakterstärke der Ahnen fehlt, auf die wir so gerne hinweisen. Den Alten sowohl, als auch den Jungen, Männern und Frauen. Nehmen wir an, wir befinden uns in einem bürgerlichen, jüdischen Hause an der Seder-Tafel. Ist noch immer die Kenntnis des Judentums allüberall so verbreitet, daß Eltern den Kindern immer, in richtiger Weise, auf die vielfachen Fragen zu antworten wissen, die an sie gerichtet werden? Und die Jungen. Diese an einer modernen Literatur und Philosophie genährte Nachkommenschaft, was bedeuten ihr die Symbole des Festes? Mit einem höhnischen Nasenrümpfen betrachtet sie die uralten Symbole, steht auf von der Tafel und geht ihren Freuden nach. Die Jugend ist u n s e r Frühling, aber der starrt;von Materialismus und Strebertum. Kein Blick zur Höhe, nur immer in der Niederung, das ist das Kennzeichen unserer .Proles.- LFnd. der Ruf, zur Höhe wird übertönt von dem Rufe nach Brot und den Freuden der Erde. . - ■* " * . - Reiter, vdi.e vjelgepriesene Freiheit unserer Zeit, was'isf"sie? ' Wer wird es noch wagen, von Freiheit zu reden in einer Zeit, die verlangt, daß das Linsengericht eines Aemtchens erkauft werde mit einem Opfer des Intellekts, die gewöhnlichste Existenz aufgebaut werde auf den Trümmern dessen, was die großen, heldischen Vorfahren erkämpft und erstritten, erduldet und erlitten haben. Ich glaube demnach, daß es endlich an der Zeit ist, die landläufigen Phrasen ins alte Eisen zu werfen, und, wenn diese Pessahtage kommen, gründlich darüber nachzudenken, wie wohl diesem uralten Volke, das die Pyramiden der Pharaone im Schweiße seines Sklavenangesichtes erbaute, Hilfe werden könnte. Bezeichnend genug mahnt kein anderes Fest so dringlich als dieses, die Jugend zu belehren. Wir glauben demnach, Belehrung ist vor .allem notwendig, aber Belehrung durch Tatsachen, mit Vermeidung des Flitters der Phrasen. Als der Pharao einst den größten Volksmann, den Befreier Moses, fragte: „Sage mir doch, wer sollen eigentlich diejenigen sein, die aus Aegypten wegziehen?", da antwortete der mutige Held: „Mit unseren Alten und Jungen wollen wir ziehen." Ich dächte, in diesem Bibelworte besitzen wir einen Fingerzeig dafür, was unserem Judentum in unseren Tagen frommt. Nur keine künstlichen Gegensätze schaffen zwischen Alt und Jung. Das Einspinnengewisser Retter des Judentums in einen veralteten Formelkram kann dieses gewiß der Jugend nicht näher bringen. „Weise sind diejenigen, welche die Zeiten verstehen." Sich der Zeit und-ihren Forderungen verschließen, welche stürmisch an unsere Tore pöchen, das hieße die Jugend zurückstoßen, die "nun einmal anders ist als die Alten. Diese Gegensätze müssen überbrückt werden. Der Jugend-mußder

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