Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 7 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 7 söhn sollte dereinstens nicht sagen, er sei „leer" ausgegangen. Das wollte sich Reb Ahron nicht nachsagen lassen. Aber dieser Schwiegersohn werde ihm auch den Sohn ersetzen. Davon war Ahron überzeugt. Er hatte gewählt unter den Männern der Gasse. Und den Würdigsten gefunden. So meinte er. Rosl aber sah, daß sich jetzt ihr Geschick entscheiden werde. Sie hatte sich es freilich anders vorgestellt. Ihre Eltern hatten den Gatten gewählt, aber auch sie. Und der war Baruch Goldenberg nicht. Die Zeit schien doch vorüber zu sein, in welcher ohne Willen der Kinder über deren Zukunft entschieden wurde. Dies freilich hatte Ahron übersehen. Sonst war er kein schlechter Rechner. Diesmal aber hatte er sich verrechnet. „Wo nur Baruch bleibt?" fragte jetzt Gitl, „es wäre an der Zeit, daß wir uns zum Seder setzen." — „Einen freudigen Festabend wünsche ich den Lieben allen," mit diesen laut und fröhlich gesprochenen Worten betrat nun ein junger Mann die Familienstube, allen warm die Hände drückend. Es war aber nicht der sehnlichst erwartete Baruch. Purpurnes Rot bedeckte Rosls bleiche Wangen. Und hätten die Eltern jetzt einen Blick auf das Antlitz der Tochter geworfen, vielleicht wäre ihnen manches erklärt worden, was ihnen in den letzten Tagen wunderlich erschienen war an ihrem Kinde. Der Gast, der soeben eingetreten, war der Doktor der Medizin David Fröhlich. Ein Kind des Ghettos, hatte er frühzeitig die Eltern verloren, am Gymnasium der Stadt studiert, von guten Menschen, darunter auch von Ahron, unterstützt, der mit dem Vater Davids innig befreundet gewesen. Auch auf der Universität war ihm die Unterstützung seiner Gönner zuteil geworden. Mit eisernem Fleiße, erfüllt von Liebe zu seinem Berufe, hatte der junge Mann seine Studien vollendet, war nun vor kurzer Zeit in seine Vaterstadt zurückgekehrt und übte seinen Beruf in der humansten Weise aus. Schätze freilich hatte er sich noch nicht erworben. Dazu schien es ihm an Geschick zu fehlen. Aber die Beliebtheit bei allen, die ihn kennen lernten, erwarb er sich. Und das Leid, das er in seinem Leben erfahren, vermochte ihm nicht die Heiterkeit seines Wesens zu nehmen, die an dem endlichen Erfolge nicht verzweifelte. Innige Freundschaft und Dankbarkeit verband ihn mit Ahrons Hause. Aber noch eiwas zog ihn hier mächtig an. Das waren Rosls, seiner Jugendgespielini, träumerische Augen, ihr sanftes Wesen, ihre schwärmerische Natur voll Poesie und Lieblichkeit. Er wußte es, die Eltern hatten beschlössen, sie einem materiell besser situierten Manne zu geben, als er es war. Aber er baute auf die Liebe Rosls, und die Liebe, das wußte er, sei stärker als der Tod, also werde sie auch stärker als Baruch Goldenberg und sein Geldsack sein. Vorläufig freilich war wenig Aussicht vorhanden, den Willen Ahrons zu besiegen. Doch David gab sich dem Liebesschmerze nicht preis. Er wollte der Verlobung Rosls, als gerne gesehener Gast Ahrons, beiwohnen an diesem Pessahabende. Auch Verlobungen lassen sich rückgängig machen. Daran hatte David nie gezweifelt. Soeben hatte Ahron die uralten Worte zu rezitieren begonnen: „Dies ist das Brot des Elends," als der lange und bange ersehnte Baruch erschien. Der immer heitere Dr. David deutete dies verspätete Erscheinen Baruchs zu seinen Gunsten und machte auch in diesem Sinne eine Bemerkung zu Rosl, welche hold errötete und diesmal heiter lächelte. Baruch ließ Ahron die Worte der alten Formel zu Ende sagen, dann entschuldigte er sich ziemlich linkisch. „Du hast doch wohl nicht ein Geschäft abgewickelt?" warf Ahron lustig ein. Er ahnte nicht, wie richtig seine Bemerkung war. Baruch, der nie rastende Geschäftsmann, hatte wirklich mit seinem Agenten eine Besprechung gepflogen, die ihn nicht sehr heiter stimmte. Während man auf ihn wartete und Ahron mit der Erzählung vom Auszuge aus Aegypten begann, hatte Baruch die betrübsame Mitteilung erhalten, die Schafwolle, — er arbeitete nämlich in diesem ebenso notwendigen als nützlichen Artikel — sei „gefallen". Er war darüber sehr bestürzt und mit Mühe nur beherrschte er sich. Denn er hatte eine sehr große Partie sehr teuer gekauft. Rosl betrachtete ihn unverwandt. Als man zu den „ägyptischen Plagen" kam, erinnerte sie ihn daran, er möge nicht vergessen, die bei dieser Gelegenheit übliche Prozedur vorzunehmen. David konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. Der war an diesem Abende zur Satyre sehr geneigt und so sprach er: „Unser Freund Baruch will an diesem Abende von Plagen nichts wissen. Das begreife ich. Sein Herz ist voll Liebe und diese überträgt er selbst auf die alten Aegypter. Denn diese waren alles, nur keine Schafwollehändler." Alle lachten und auch der Angeredete zwang sich dazu. Ahron aber konnte sich nicht enthalten, dem Spotlustigen einen tadelnden Blick zuzuwerfen. Es kam das reichliche Pessahmahl. Baruch schien getröstet. Dies bewies sein gesegneter Appetit. Und nun erhob sich Ahron. Mit wenigen kräftigen Worten verkündete er die Verlobung Rosls, seiner geliebten Tochterj mit dem ehrsamen Geschaftsmanne,- > seinem Freunde Baruch, dem Sohne seines dahingegangenen lieben, guten, frommen Freundes Moses und dessen verewigten Gattin Buna. Gitl war sehr gerührt und umarmte ihre Tochter, die wieder recht bleich geworden war. „Zum großen Glücke soll es sein," sprach die Mutter. „Die eigentliche Verlobung werden wir am Chol-Hamaed (Halbfesttage) feiern," setzte Ahron stolz hinzu. — „Und nun wollen wir es uns wohl sein lassen und unseren Becher auf das Wohl der Verlobten leeren," sprach er weiter. Dieser Wunsch wurde von allen mit Bereitwilligkeit erfüllt. Selbst Rosl wurde von der allgemeinen Heiterkeit ergriffen. Sie wechselte einen verständnisvollen Blick mit David, der heute von einer verwunderlichen Zuversicht erfüllt zu sein schien. Er erhob nun sein Glas und sprach: „Auch ich trinke auf die Zukunft. Möge sich diese für meine Jugendfreundin so gestalten, wie sie sich sie wünscht." Diese beziehungsreichen Worte wurden von niemand so verstanden, wie von Rosl. Mit dem Instinkte der Liebenden merkte sie, daß Davids Worte für sie ein starker Trost sein sollten. Noch war über ihre Zukunft nicht das letzte Wort gesprochen ... (Fortsetzung folgt.) Schalotn Asch: Motele. (Schluß.) Aber der Allsehende weiß und sieht ja alles, was der Mensch zu tun gedenkt Und Motele hält sich zurück . . . Aber die geschlossenen Augen ziehen ihn mit Gewalt an sich. Ihr Gesichtchen, ihr Haar ... das alles zieht... Und auf den Fußzehen näherte er sich ihr...