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Neue Nationalzeitung · 1910-04-01 · Heft 7 (1.4.1910) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 7 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 7 „Neue National-Zeitung" Seite 9 FEU LLETON. Dr. M. Grünfeld : f)ie Gegner. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben halbvergangener Zeiten. I. Mutter Gitl legte die letzte Hand an, um die Vorbereitungen für aen Pessah-Abend, den Seder, zu vollenden. Still waltete an ihrer Seite ihre Tochter R o s 1, deren feine Züge den Ausdruck einer stark verhaltenen Wehmut zeigten. Wenig wurde zwischen Mutter und Tochter gesprochen. Schon war der Tisch mit einem blühend-weißen Tuche bedeckt. Es erglänzten die schweren silbernen Leuchter, die nur aus ganz besonderem Anlasse dem Hausschatze der Familie entnommen wurden, deren altes Erbstück sie bildeten. Hell erstrahlte nun die festlich geschmückte Familienstube. Bereit waren die Sinnbilder des Festes. Auf der alten Sederschüssel — Jahrhunderte blickten auf sie hernieder — lagen die Pessahbrote, die Mazzoth. Die bitteren Kräuter und die süßen Latwerge, das gebratene Ei und das Salzwasser, nicht zu vergessen das Stück Fleisch am Knochen, das Andenken an das Ueberschreitungsopfer, versinnlichten die tiefere Bedeutung des Festes, an dem alles an die Freiheit mahnt, das köstliche Gut, welches niemand so zu schätzen wußte, wie das alte, stets geknechtete jüdische Volk. In der naheliegenden Synagoge stimmten sie soeben die alten Freiheitssänge an. Das klang alles so frisch uund mutig und jugendlich. Freude und Freiheit war der .wiederkehrende;Kehrreim dieser Lieder. Aus den Tiefen der Herzen strömten sie hervor und mächtig stiegen sie empor zu dem Freiheitsgotte, der Tyrannen- und Pharaonenmacht stürzt. Und dann eilte man nach Hause. Die Sehnsucht nach dem Familientische war heute eine allgemeine. Denn dies ist die sinnige Bedeutung dieses einzigen Festes: Der Familingedanke wird an ihm besonders rege, es verkörpert ihn durch alle seine Bräuche. Die Familie ist der feste Untergrund Israels, wohin auch immer es getrieben wurde im Laufe der Jahrtausende . . . Reb Ahron Friedfertig betrat mit fröhlichem Gruße die leuchtende Familienstube. Er war zufrieden. Ein Wunsch, den er lange gehegt hatte, soltte ihm an diesem festlichen Abende erfüllt werden. Der Seder-Abend wurde für ihn gleichsam der Ab= Schluß eines Lebens voll reger Tätigkeit. Für wen hatte er gearbeitet? Nur für sein Kind, seine über alles geliebte Tochter. Diese sollte sich nun dem künftigen Gatten verloben. Der war ein rechtlicher, fleißiger Geschäftsmann, von guten Eltern stammend und auch die Gelehrten fehlten in der Familie nicht. Der Herr hatte seine Arbeit gesegnet und man schätzte Baruch Goldenberg in der Gasse als reichen Mann. Und er hatte auch ein Herz für seine weniger glücklichen Glaubensbrüder, denen Vermögen versagt geblieben, und die im schweren Kampfe der Zeiten ihr tägliches Brot hart sich erringen mußten. Um es kurz zu sagen: Baruch war eine gute Partie, soweit Menschen darüber urteilen können. Denn die Zukunft ist ja doch des Allwissenden. So dachten Ahron und Gitl, denn fromm und gottergeben war ihr Sinn, wie nicht anders denkbar. Gitl erwiderte lächelnd des Gatten Gruß. Still küßte Rosl des Vaters Hand, die sich segnend auf das Haupt der Tochter legte, das schwarze Gelock sanft streichelnd. Lieblich war dies Familienbild anzusehen, eine Idylle voll Poesie und schlichter Schönheit. — „Gelobt sei der Herr," begann Ahron, „der uns diesen Abend hat erleben lassen. Du bist nun auch froh, liebe Gitl, daß die schwere Arbeit der letzten Wochen vorüber ist. Denn wohl wissen wir Männer es zu schätzen, welchen Kummer euch Frauen die Räumerei vor Pessah verursacht. Der Chomez *) ist nun glücklicherweise vertilgt, euch, aber auch uns, zur Freude. Denn wahrlich auch wir Männer haben unter diesem ewigen Säubern und Hausumstürzen nicht wenig zu leiden." Ein mildes Lächeln Ahrons begleitete seine letzten Worte, welche manche Unannehmlichkeit der verflossenen Tage zum Ausdrucke brachten. Sanft erwiderte Gitl: „Es ist wahr, schwer müssen wir uns den Pessah erkämpfen nach all' dem Ungemache des Winters. Doch seien wir froh, daß wir diesen überstanden haben und der Allerbarmer uns vor Krankheit und anderen Leiden bewahrt hat. Die Sorgen sind vorüber, wir wollen uns des Festes, aber auch des Glückes unserer Tochter freuen." Diese hatte fast teilnahmslos das Zwiegespräch der Eltern angehört. Ihre sonst so roten, frischen Wangen waren heute merklich bleich, selbstverständlich, wie die Mutter meinte, vor leicht erklärlicher Erregung. Sie wußte, was ihr bevorstand. Dieser Abend sollte über ihr künftiges Geschick entscheiden. Welches Mädchen sieht nicht seiner Verlobung mit einer gewissen Erregung entgegen? Und ihre Rosl war ein so schüchternes Mädchen. Aufgewachsen unter dem schützenden Elternauge, hatte sie des Lebens Ernst noch nicht kennen gelernt, der jetzt an sie, fast unvermittelt, herantrat. War auch dieser Baruch der Mann nach dem Herzen ihrer Tochter? Die Frage hatten sich merkwürdigerweise die Eltern noch nicht aufgeworfen. Solche Fragen kannte man im alten jüdischen Familienhause kaum. Liebe, die kommt nach der Ehe. Man muß sich erst kennen lernen. „Jeder Schiddech (Partie) macht sich erst nach der Hochzeit," das war eines der geflügelten Worte von Gitls „Bab" (Großmutter) gewesen. Und die war eine kluge Frau. Vierzehn Kinder waren ihrer gottgesegneten Ehe entsprossen, die geschlossen wurde nach dem Willen der Eltern, ohne daß man sie viel gefragt hätte, ob auch ihr Bräutigam nach ihrem Willen sei. War es in Gitls Ehe anders gewesen? Und doch hatte sie mit ihrem Ahron gelebt, wie es die Religion verlangte, in Frieden und Ehren. Schier 50 Jahre waren verflossen, seitdem sie ihm die Hand zum ehelichen Bunde gereicht. Anfangs mußte sich der Gatte in seinem ehrsamen Geschäfte weidlich plagen. Die Kinder, die ihnen der Herr schenkte, hatte Er sich wieder genommen, darunter ihren Sohn, ihren Kadisch-Sager. **) Der Wille des Herrn war geschehen, sein Name sei gepriesen. Günstigere Zeiten hatten Ahron zum wohlhabenden Manne gemacht. Er konnte jetzt seiner einzigen Tochter eine stattliche Mitgift geben. Darauf war er stolz. Sein zukünftiger Schwieger- *) Sauerteig. '**) Totengebet.

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