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Neue Nationalzeitung · 1910-04-01 · Heft 7 (1.4.1910) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 7 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 7 „Neue National-Zeitung" Seite 11 Sein Herz hämmert, vor seinen Augen wird ihm schwindelig . . . Ihr Haar . . . Nein! — Ihr Gesichtchen! . . . Auf ihren Haaren ruht eine Heiligkeit und diese erlaubt nicht, läßt nicht — küssen — nein — seine Lippen sind befleckt, und ihr Haar beflecken, hieße, die Heiligkeit von ihr verscheuchen . . . -«.' Nein! . . . Nein! . . . Ja! . . . Ja! . . . Komme! . . . rufen verborgene Stimmen. Ihr Herzchen lockt, das Haar noch mehr, . . ihr Gesichtchen spricht, . . . die Aeuglein reißen ihn mit Gewalt an sich und kein Mensch ist da, niemand sonst sieht es . . . Alles herum nickt beistimmend . . . Und wieder war er näher herangerückt, leise, schon berühren seine Lippen ihr Haar . . . Und da öffnet sich die Tür und Sprince, fteb Mojsche Ghaims Weib tritt herein. „0 weh! weh ist mir! Was seh' ich? . . ." schrie sie auf. Und Motele blieb stehen wie vorher und glotzte sie bloß an. Kein Wort der Entschuldigung entrang sicli seiner Kehle. Ein kurzer Zeitraum . . . Motele sitzt im Walde ganz allein. Stille Sommernacht . . . Alles schläft um ihn herum. Die Bäume stehen still und schlafen. Der Himmel hat sein blaues Schlafkleid an und schläft, nur der einsiedlerische Mond blickt ins Tal herab. Manchmal versteckt er sich hinter einer Wolke, es überfällt ihn ein kurzer Schlummer und er läßt inzwischen seinen Begleiter, seinen Stern, Wache halten. „Nur ich allein bin wach — meint Motele — ich sitze unter den Bäumen im Walde da, einsam, traurig ... Und wozu bin ich eigentlich hergekommen? Wer hat mich hergeführt? . . . Ich weiß es nicht. Ich gehe und gehe, bis ich mich in diesen Wald verkrieche. Ich setze mich unter diesen großen Baum mit den dichtbezweigten Aesten nieder und ihm vertraue ich alles an. Alles erzähle ich ihm und nichts verhehle ich ihm . . . Vereinsamt sitze ich da und schweige . . . Tausende von Schatten, Tausende von Bildern und Gestalten tanzen an meinen Augen vorbei. Und tausend Gedanken spuken in meinem Kopfe und in meinem Herzen umher . . ." Doch bald vergißt er all das. Ihm däucht, er sitze im Walde mit ihr. Schrieb er ihr doch ein Brieflein, sie möge herkommen. Und sie kommt oft nacht-nächtlich . . . Allnächtlich steigt sie aus ihrem Grabe hervor, schüttelt den Sand von ihren Totengewändern, läßt ihr Haar auseinander, kommt in den Wald und setzt sich zu ihm nieder. Er fraget: „Reisele, du bist doch schon ein Weibchen? Nicht wahr? Du hast ja Reb Mordche den Lamden*) geheiratet? Und Reb Mordche Lamdens Frau trägt ihr eigenes Haar? Pfui, Reisele! Das geht nicht an!... Lege dein Häubchen an!___ Und er glaubt, ihre Antwort zu vernehmen: „Reb Mordche Lamdens Weib ist gestorben und ich bin Reb Mojsche Chaims Tochter, noch eine Jungfrau" . . . *) den Studierten, den Talmudisten. Und er vergißt, daß sie gestorben. Er wähnt sie lebendig. Sie sei wieder dieselbe, wie vor der Heirat, wie damals, als er zu Reb Chaim ins Haus kam. Damals, damals . . . Er gedenkt alles . . . Und jetzt sitzt er doch mit ihr im Walde, allein... Und die Bäume schmiegen sich aneinander und schlafen. Das ganze Leben schläft. .. Der Mond hat sich soeben hinter die Himmelsdecke geschoben und träumt. Das Licht in des Waldwächters Häuschen erlischt. Auch er schläft bald . . . Nur jener Stern oben, des Mondes (iefährte, ist noch wach und die Frösche quacken so unmutig im n Wasser .. . Noch eine kurze Weile und sie schweigen auch . . . Und der Stern schaut mit lieblichem Lächeln auf die ganze Welt herunter, er grüßt und küßt sie . . . Und der Stern schaut auf beide herab und lacht. Er lauscht ihren Geheimnissen, welche sie ihren Herzen zuflüstern. Und es scheint, als ob er ihnen sagte: „Fürchtet euch nicht, liebe Kinderchen! Ich werde niemandem eure Geheimnisse verraten." Und er küßt sie beide mit einem Silberstrahl und beleuchtet ihr weißes Totengewand. Und beide — schien es dem Motele — sitzen sie beieinander, aber keines von beiden sieht das andere an. Er blicke zum Himmel empor und sie tief in den Wald hinein . Und er glaubt zu hören: „Motele!" . . . „Reisele!" . . . Wiederum grenzenlose Stille ... Die Köpfe lassen sie auf ihre Brüste niedersinken und ihre Gesichter erröten. Eine Träne rollt ihre Wangen herab. Und stille ist es ringsherum. Alles schläft einen tiefen Schlaf. Es scheint ihm, daß sie ihn mit einem Ausdrucke des Erbarmens anschaue. Verschämt blicken beide zu Boden. Und der Stern da oben hat's gesehen und gelacht. . . „Reisele!" — ruft es kaum hörbar. „Motele!" — vermeint er zu hören, gerufen von einer zärtlichen Stimme voll Anmut, daß sein Herz schier zusammenschmelze. „Reisele, darf ich dich küssen?" . . . fragt er eilig. Doch bald ward es ihm bange darum und er möchte eiligs das Gesagte zurückziehen. Und sie habe nichts darauf erwiedert — schien es ihm. Sie legte bloß ihr Gesichtchen in ihre kleinen Händchen und schluchzte bitter. Hernach raunte sie ihm ins Ohr, auf den Stern hinweisend: „Er sieht alles und das geniert mich." ... Und sie versteckten sich hinter den Bäumen, um den Strahlen des Sternes zu entgehen. Aber der Stern hatte dennoch alles gesehen und gelacht. — — — — — — — — — — Bald breitete sie ihre Schwingen aus und flatterte davon. Die Totengewänder schleppten sich ihr nach. Und er blieb allein sitzen. Im Städtchen galt er für einen Verrückten.

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