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Neue Nationalzeitung · 1910-04-01 · Heft 7 (1.4.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 7 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" ich möchte hinzufügen, unter dem Drucke des Vertreter-Kollegiums. Sie haben schon einmal darübergeschrieben und ich sage daher nichts neues, wenn ich bemerke, daß eigentlich der Kultusvorstand nur eine Scheinmacht repräsentiert, während das Vertreter=Kollegium alles macht. Es ist nun die allerneueste Erscheinung, daß Präsident Dr. Stern sich schließlich dem Willen dieses Kollegiums unterordnet, während es bisher umgekehrt war. Es scheint also, daß die bisherige Energie unseres Präsidenten im Rückgange begriffen ist, daß ihm aber anderseits seine persönliche Ambition nicht gestattet, aus dieser Niederlage die Konsequenzen zu ziehen . . . Es dürfte gewiß zur Sache gehören, wenn ich erwähne, daß sich für die Lueger-Kondolenz besonders der Vertreter Max Frank eingesetzt hat. Da ist es aber ein merkwürdiger Zufall, daß dieser Herr gleich* zeitig im IX. Bezirke für den Gemeinderat kandidieren wollte. Sollte dadurch seine Kandidatur günstigere Chancen erlangen? .. . Es war aber vergeblich. Das Wahlkomitee des IX. Bezirkes hat sich in seiner Majorität gegen die Kandidatur des Herrn Max Frank ausgesprochen. Es wurde bloß die jüdische Kandidatur des Baumeisters Melcher aufgestellt, wiewohl die Juden im I. Wahlkörper des IX. Bez. zirka 50 Prozent der Wähler bilden und, wenn sie wollten, auch zwei Gemeinderatsmandate erlangen könnten. Allein — und das ist ja charakteristisch für die jetzigen Verhältnisse in Wien — Frank kam gerade deswegen zu Falle, weil sich die „Bnei Brith" und Mitglieder des Kultus-Vorstandes für ihn einsetzten. Die Komiteemitglieder waren nämlich der Ansicht, daß das Mandat eines Kultus-Vorstehers und eines Gemeinderates nicht kompatibel seien . . . Einst war es anders. Dr. Stern, Baurat von Goldschmidt und Baurat Stiaßny gehörten gleichzeitig beiden Korporationen an und man sah darin einen Vorteil der Judenschaft. Allein seitdem Baron Hock dank jüdischer Unterstützung eine Partei gegründet hat, hält er es für seine Pflicht, auch den jüdischen — Klerikalismus zu bekämpfen. Es gilt als Vorzug, wenn ein Kandidat in jüdischer Beziehung indifferent ist, und er wird geradezu hors concours, wenn er getauft ist. So wird der „ausgetretene" Dr. von Fürth hauptsächlich von Baron Hock poussiert. Die Kahalmacher in der Seitenstettengasse, die sich stets nur als „Daitsche" fühlten und im Judentum bloß eine Konfession sahen, haben sich das alles selbst eingebrockt. Genehmigen Sie usw." * Ein reichsdeutsches Judenblatt über die Kondolenz des Dr. Stern. Das „Frankfurter Israel. Familienblatt" schreibt: „Nach mehrwöchentlichem Todeskampfe ist kurz vor dem Jahrestage des Todes seines Urvaters H a m a n ein würdiger Enkel gestorben. Und doch welch Unterschied! Der Tod des ersten Haman wurde in ganz Israel als eine Erlösung aus schwerer Gefahr empfunden und wirkte befreiend und läuternd; — der Tod des modernen Haman, der Tod Bürgermeisters Lueger in Wien aber ändert, nichts an dem Hamanssysteme und was noch schlimmer: er zeigt Israel in seiner ganzen Schmach. Denn wahrlich, niedriger kann das jüdische Ehrgefühl nicht mehr sinken als bei der Vertretung der 180.000 Juden Wiens. Ein Beileidsschreiben haben diese Edlen, die „mit allen ihren Mitbürgern tiefbewegt an der Bahre Luegers stehe n", an das Gemeinderatspräsidium gerichtet, ein Beileidsschreiben bei dem Tode des Mannes, der noch vor vier Jahren den Juden seiner Stadt mit einem Pogrom nach russischem Muster drohte und der von den Juden gesagt hat, sie hätten die Pest nach Wien gebracht. Ratlos sinnt man nach einer Erklärung, denn diese Tat ist mehr als Mangel an jüdischem Ehrgefühl. Nur eine Antwort ist möglich — und diese Antwort gibt die „Frankfurter Zeitung", indem sie sagt: der alteingesessene Wiener Jude ist s e 1ber Antisemit." Der Offiziosus von der Seitenstettengasse. Ganz anders „würdigt" das „Israelitische Wochenblatt" in Zürich die Person Luegers. Dieses Blatt wird nämlich von einem Leibjournalisten des Dr. Stern bedient; es zerfließt daher von Rührung und Schmerz. Die schweizerischen Juden, die dieses erbärmliche Zeug lesen, werden gewiß darüber weinen, welchen großen „Wohltäter" die Wiener Juden in Dr. Lueger verloren haben. Denn der Wiener Bürgermeister wird ihnen folgendermaßen geschildert: „Trotzdem muß anerkannt werden, daß der verstorbene Wiener Bürgermeister bei all seiner Judenfeindlichkeit im Verkehre mit Juden sich sehr liebenswürdig benahm und daß er namentlich a r m en und ärmlichen Juden sehr viel . Gutes erwiesen hat. Das war auch der Grund, weshalb er stets in der Leopoldstadt kandidierte. Dort war er nämlich eines Erfolges sicher — mit Hilfe der jüdischen Stimmen. Jeder jüdische Kaufmann und Gewerbetreibende hatte zu ihm Zutritt und er half jedem, sovielesinseinerMachtwar. Viele jüdische Gewerbetreibende in Wien verdanken ihre Existenz dem verstorbenen antisemitischen Bürgermeister; viele Juden in Wien schwuren hoch und heilig, daß Dr. Lueger kein Antisemit war. Dieses, sagen wir, wußten sie aus Erfahrun g." Auf diese Lügen und Entstellungen gibt es nur eine Antwort: Pfui Teufel! . . . * Die „Frankfurter Zeitung" gegen die — Juden in Wien. Die „Frankfurter Zeitung", welche in der freisinnigen Presse Deutschlands die erste Stelle einnimmt, veröffentlicht anläßlich des Todes von Doktor Lueger folgende scharfe Kritik über die Wiener Juden: „Ein bißchen antisemitisch war vor den ärgsten Ausschreitungen der Partei schließlich ein jeder Wiener, auch der alteinsässige Wiener Jude. Die östlichen Gefilde sind da zu nahe, aus denen sich alljährlich ein Strom noch wenig von der westlichen Kultur beleckter Ostjuden ergießt, die obendrein, kaum warm geworden, ganz wie in Berlin die neuen Elemente, sich als die eigentlichen Hauptstädter fühlen und aufführen. Noch jetzt ist ein gewisses aufdringliches Urwienertum höchst verdächtig und der lauteste literarische Wiener Lokalpatriotismus stammt gewiß aus Czernowitz oder Budapest."

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