Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 7 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 7 Der Jetzige Wiener Korrespondent der „Frankfurter Zeitung" ist aus Budapest, der frühere stammte aus Stanislau; das Blatt dürfte also das „Daitschtum" seiner Korrespondenten richtig einschätzen. §8&RR6SP©ND5NZGN Oesterreich-Ungarn. Eine journalistische Lumperei. Wien, den 23. März. (Orig.-Korr.) Wenn von journalistischer Lumperei in Wien gesprochen wird, so wird jeder in erster Linie an jene journalistische Prostituierte denken, deren Eigentümer zu später Nachtstunde Herrn David v. Gutmann aufgesucht hat, bloß um ihm mitzuteilen, daß sein Neffe in der morgigen Nummer aufs schwerste angegriffen wird: „Die Zeit". Die Haltung dieses Blattes kann uns nicht ganz gleichgiltig sein. Dieses Blatt wurde mit jüdischem Kapital, mit dem Kapital selbstloser jüdischer Männer gegründet, damit in Wien endlich ein anständiges, wahrhaft freisinniges, antikorruptionistisehes, daher den Interessen der Judenschaft gerechte Berücksichtigung zuwendendes Blatt entstehe. Statt dessen ist dieses Blatt heute das Organ der Klerikalen in Ungarn, der Christlichsozialen in Wien und der Allpolen in Galizien, und was die Unbestechlichkeit betrifft, so bemüht sich „Die Zeit", gerade so zu nehmen, wie die anderen, nur ist sie etwas ungeschickter. Bedauerlicherweise hat dieses Blatt seine größte Verbreitung unter den g a 1 i z i s c h e n Juden gefunden, wiewohl es mit Galizien gar nichts gemein hat, als daß sein Chefredakteur Dr. K a n n e r nach 8 l an i s 1 a u zuständig ist. Es ist daher unsere publi* zistische Pflicht, unsere galizischen Leser vor diesem Blatte zu warnen, indem wir auf seine wahre Tendenz aufmerksam machen, Auf welch tiefem moralischen Niveau „Die Zeit" steht, zeigt am besten die verwerfliche Schmutzkonkurrenz und Gesinnungslosigkeit einer ihrer wichtigsten Stützen, eines gewissen Emil Berge r,.der denTitel eines „Chefs des Abendblattes" führt. Wie ein hiesiges Tagblatt berichtet, hat sich dieser Herr Emil Berger den reichsdeutschen Blättern erboten, „um das Zwanzigfache" billiger als andere Korrespondenten zu arbeiten: dieser Ehrenmann wollte also die Wiener Vertreter jener Blätter, seine Berufskollegen, einfach um ihr Brot bringen. Weiters hat sich dieser Redakteur des mit jüdischem Kapital gegründeten Blattes bereit erklärt, in jeder Tendenzzuschreiben, also für die liberalen Blätter liberal, für die konservativen konservativ und f ü r die antisemitischen antisemitisch: ein journalistischer Fregoli. In seinem Zirkular gibt Berger die Herausgeber der „Zeit" als Referenzen an. Ein solcher Gesinnungs—mensch ist Chef des Abendblattes der ..Zeit"! Können die galizischen Juden erwarten, daß ein solches Blatt, welches über dies infolge seines chronischen Defizits vor dem Zusammenbruche steht, für ihre Interessen jemals eintreten wird? 1 Die zionistische Landeskonferenz in Lemberg. Lemberg. Am 27. und 28. März findet hier die Landeskonferenz der zionistischen Organisation in Galizien statt. Auf der Tagesordnung befinden sich u. a. folgende Punkte: Abg. Adolf Stand: Rechenschaftsbericht des Jüdischen Klubs. Dr. J. W a 1 d m a n n: Die Organisation. Rabbiner Dr. Thon: Der gegenwärtige Stand der zionistischen Bewegung. Deutsches Reich. A. J. K. O. Berlin. Die Allgemeine judische Kolonisations-Organisation hat für Sonntag den 20. März eine Versammlung einberufen. Die Einladung ging von einem aus etwa 30 in der jüdischen Oeffentlichkeit wohlbekannten Persönlichkeiten bestehenden Komitee aus. Es zeichneten u. a. die Herren Prof. Dr. B 1 a s c h k e, Geh. San.-Rat Dr. Blumenthal, Dr. Isidor Ginsberg, Stadtverordneter Rechtsanwalt Dzialoszynski, Dr. Hirsch Hildesheimer, Justizrat Dr. Maxim. Horowitz, Prof. Dr. K a 1 i s c h e r, Chefredakteur Isidor L a nd a u, Rudolf Mosse, Geh. Reg.-Rat Dr. P i e c k, Prof. Dr. Martin Philippsohn, Justizrat P1 o n sk e r, Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Proskaue r, Landtagsabgeordneter R o s e n o w, Stadtverordneter Louis Sachs, Geh. Mediz.-Rat Prof. Dr. Senator, Kornmeizienrat Gerson Simon, Oskar T i e t z. Als Vertreter des Präsidiums der A. J. K.-O. oröffnete Dr. Isidor G i n s b e r g die Versammlung mit einer Begrüßung der Erschienenen und mit einigen warmen Dankesworten an die zahlreichen Freunde der A. J. K.-O. Nach diesen Ausführungen berichtete Doktor Nossig über seine im Auftrage der A. J. K.-O. in Konstantinopel geführten Verhandlungen mit der türkischen Regierung und dem jungtürkischen Komitee. Als erster Diskussionsredner ergreift Prof. Martin Philippson das Wort. Der Präsident des Deutsch - israelitischen Gemeindebundes hebt hervor, was ihm an der neuen Organisation besonders sympathisch wäre, sei ihr Bestreben, nicht nur f ür den Auswandererstrom ein neues Abflußgebiet zu schaffen, sondern zu gleicher Zeit einen Teil der Auswanderer der landwirtschaftlichen Kolonisation zuzuführen und ihn dadurch bodenständig zu machen. Was dem jüdischen Volke heute am meisten abgeht, sei das Element des Ackerbaues, dessen jede gesunde Bevölkerung notwendig bedürfe. Dr. Hirsch Hildesheimer geht in längeren, temperamentvollen Ausführungen auf den Ernst der gegenwärtigen Situation ein und hebt hervor, daß wir uns vor einem höchst bedeutsamen historischen Mo^ mente befinden. Einerseits spitzt sich die traurige Lage unserer Brüder in den Ländern ihrer Verfolgung dermaßen zu. daß neue Katastrophen fast als unvermeidlich scheinen. Anderseits besteht die Gefahr, daß das einzige Abflußgebiet für die jüdischen Auswanderer, das in Wirklichkeit noch übrig bleibt, nämlich der türkische Orient, von anderen Völkern und Stämmen, die die Situation besser auszunutzen verstehen, in Besitz genommen werden könnte. Die jüdische Gesamtheit darf nicht die Verantworung auf sich laden, die einzige Rettungsmöglichkeit in einem wichtigen Augenblick unserer Geschichte verpaßt zu haben. Es sprachen noch Geheimrat B a g i n s k i. Prof. Rosinu. a., worauf der Vorsitzende Dr. G i n s b e r g