Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 7 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7 ..Neue National-Zeitung' Seite 3 Motoren besorgen, sie werden den Verkauf der Waren nach entfernten Absatzgebieten vermitteln, sie werden ihren Mitgliedern auf ihre Produkte Vorschüsse gewähren können, da die Genossenschaft mehr Kredit haben wird, als das alleinstehende Mitglied. Die Genossenschaft wird ihre Mitglieder mit den Fortschritten des Gewerbes bekannt machen, sie wird ihnen Verkaufs- und Ausstellungsräume zur Verfügung stellen usw. Diesen Weg haben bereits die polnischen und ruthenischen Handwerker in Galizien mit dem besten Erfolge eingeschlagen und sie haben dadurch den jüdischen Handwerkersland lahmgelegt. Es wäre die höchste Zeit, daß auch die Juden von ihren Nachbarn etwas lernen. Aber nicht bloß die jüdischen Handwerker, sondern auch die hundertausende jüdischer Kleinhändler können durch Association, wie Abg. Breiter richtig bemerkt, ihre gefährdete Existenz retten. Was hat der jüdische Kleinhändler oder Landhausierer davon, daß ihm die Vorschußkassa der „Ica" einen Betrag leiht? Er kauft dafür bei den Produzenten Naturalien wie Milch, Butter Käse, Schwämme, Fische, Krebse, Geflügel, Eier und verkauft sie mit einem äusserst geringen Nuizen an den Großhändler, der die Waren exportiert. Von der Differenz zwischen dem Ein- und Verkaufspreis fristet er sein Dasvin. Wenn aber dem Kleinhändler die Möglichkeit gfboten wird, sich zu vereinigen und die eingekaufte Ware selbst zu exportieren, dann wäre zweifellos ihr Nutzen größer und ihre Existenz eine gesicherte. Sollen wir uns noch mit der in der Denkschrift aufgerollten Frage der Hausindustrie beschäftigen? Die Berichte des Hilfsvereines müssen trotz ihrer Schönfärberei zugeben, daß die Hausindustrie den damit beschäftigten Frauen und Mädchen — für Männer bietet die Hausindustrie kein Arbeitsgebiet — nicht einmal einen Taglohn von 1 K zu sichern vermag. ... Die Denkschrift hat sich über ihre Stellungnahme zur Auswanderung ganz ausgeschwiegen: die brennende Schänkerfrage, die 20.000 jüdische Familien mit dem Hungertode bedroht, wird hier nur mit der kurzen Erzählung der bloßen Tatsache abgetan. . . . Diese Denkschrift will gewiß den Anspruch erheben, die seriöse Arbeit, kompetenter Fachmänner zu sein. Daß dies nicht der Fall ist, glaube ich bewiesen zu haben. L. Ein jüdischer Oberlandesgerichtsrat POLITISCHE RUNDSCH/W. Der jüdische Minister-Präsident. Professor Luigi Luzalti, der bereits mehrere Male als Schalzkanzler und letztens als Ackerbau- Minister fungiert hat, wurde vom italienischen König zum Ministerpräsidenten ernannt. Rom, das Zentrum des Ghristententums, wird nunmehr neben dem jüdischen Bürgermeister auch einen jüdischen Minister- Präsidenten an seiner Spitze haben. Wohl dem Lande, dessen Volk soviel Vorurteilslosigkeit und dessen Herrscher soviel Gerechtigkeitssinn an den Tag legen; wohl den Juden, deren Patriotismus und Verdienste vom Volke soviel Achtung und vom Landesherrn soviel Anerkennung gezollt wird. Mit Stolz und ohne Neid beglückwünschen wir das jüdische Volk Italiens zu dieser Auszeichnung, die nicht ohne historische Bedeutung ist. Während in Oesterreich und Deutschland den Juden die untersten Stufen der militärischen und richterlichen Hierarchie versperrt werden, zieht in Monte Citorio der jüdische Nachkomme berühmter Talmudisten und hebräischer Dichter als Minister-Präsident ein . . . bedeutet dagegen in Oesterreich eine Sensation. Nachdem er wiederholt präterirt wurde, ist nun der s i eb e n t e Jude im Wiener Oberlandesgerichtssprengel zum Oberlandesgerichtsra t ernannt worden. Alle sieben sitzen bei der I. Instanz. Sie bekommen die VI. Rangsklasse, aber beim Oberlandesgericht haben sie nichts zu suchen. Allerdings sitzt im Lemberger Obergericht ein Jude; im Wiener Obergericht, welches die Gesuche jüdischer Richteramtskandidaten zurückweist, ist kein Plalz für jüdische Mitglieder. Diese Praxis hat wenigstens Logik für sich. Solange die Juden dem Obergericht nicht angehören, können sie eine Berufung zum Obersten Gerichtshof nicht anstreben. Welche Gefahr könnte der österreichischen Justiz drohen, wenn beispielsweise die Hofräte Dr. B e i s s e r und Grabscheid vor ihrer Ernennung nicht den Taufschein vorgewiesen hätten? . . . Die Wiener Genieinderatswahlen für den [. Wahlkörper werden Ende April stattfinden und noch ist im I. und IL Bezirke betreffs der jüdischen Kandidaten keine Einigung erzielt worden. Im I. Bezirke lehnt sich ein großer Teil der jüdischen Bürgerschaft gegen den konfessionslosen Doktor von Fürth und den getauften Dr. Neumann auf: im II. Bezirke stehen sich zwei Parteien gegenüber, von denen die einen drei Juden und einen Paradechristen, die andern zwei Juden und zwei Paradechristen als Kandidaten nominieren. Im IX. Bezirke ist eine Einigung erzielt, weil die Juden von den ihnen gebührenden zwei Mandaten eines in Anspruch nehmen. Es kommt auf dieses eine Mandat auch nicht mehr an. Was sich um die jüdischen Mandate reißt, ist nichts als platte Mittelmäßigkeit. Namen wie Melcher, Schwarz-Hiller, Winternitz, Kleebinder (Sohn des verstorbenen Gemeinderates) oder gar Mittler sind für die jüdische Bevölkerung leerer Sehall. Keine- Verdienste, keine Individualitäten, ja nicht einmal ein Programm. Die Kandidaten haben blos das Bestreben, in die Gemeindestube hineinzukriechen. Was sie als Juden gegenüber der antisemitischen Gemeinde-Majorität im Interesse der jüdischen Bevölkerung leisten sollen, wissen sie selbst nicht — sonst hätten sie es ja wenigstens gesagt. Die meisten klettern ja blos auf die Schultern der Juden, um ganz andere Interessen zu vertreten. Herr Melcher, die neueste Stütze der Kahalpartei, hat z.B. die Aufgabe, im Gemeinderate seine Kollegen, die Baumeister, gegen die neue Bauordnung zu schützen. Dr. Mittler wieder wird den Liberalismus und das Deutschtum retten. Wer wird aber die Wiener Juden vor den Wahlcliquen retten? Zum Tode t)r. buegers. Unter Bezugnahme auf den in unserer letzten Nummer veröffentlichten Artikel ^„Eduard Drumont und Alfred Stern kondolieren . . ." erhalten wir von einem hervorragenden Mitgliede der Wiener Kultusgemeinde nachstehfende Zuschrifft, die auch wegen ihres sonstigen Inhaltes gewiß großes Interesse erregen wird: Warum hat Dr. Stern kondoliert? „So sehr ich auch mit Ihrer Stellungnahme gegenüber der Kondolenz anläßlich des Todes von Doktor Lueger übereinstimme, so möchte ich doch glauben, daß es gerecht wäre, die Verantwortlichkeiten zu verteilen. Dr. Stern hat nämlich nicht spontan die Kondolenz abgesandt, sondern im Einvernehmen, ja,