Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 7 (1.4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr 7. sehr große Fortsehritte bei den Polen und Ruthenen; die Juden leiden aber darunter, denn sie werden verdrängt. Bisher hat sich bei den Juden das Genossenschaftswesen nur auf die Gründung von Spar- und Vorschuß vereinen beschränkt Das moderne Prinzip der Assoziation sollte aber weiter gehen. Es sollten sich ganze Branchen verbinden, um gemeinsam durch Organisation des Einkaufs und Verkaufs sowie der Produktion ihre Interessen zu fördern. Ich verweise Sie auf die zahlreichen jüdischen Milch-, Eier-, Krebsen-, Schwammhändler^usw., auf die verschiedenen Branchen der jüdischen Handwerker, deren schlechte Lage nicht allein auf den Mangel an Kapital, sondern auch auf andere Momente, wie zum Beispiel Isoliertheit, teuren Einkauf, Konkurrenz durch die Großindustrie, zurückzuführen ist. Die Polen und Ruthenen haben sich durch ihre wirtschaftliche Organisation Kapitalien und die Vorzüge des Großkapitals zu sichern gewußt. Möchten doch die Juden diesem Beispiel folgen; dann würde sich die Lage der jüdischen Volksmassen in Galizien wesentlich bessern." Eine t)enkschriff über die galizische jHüfsaktion. Die „I c a" in Paris, deren Tätigkeit in Galizien sich bisher hauptsächlich auf die Gewährung von Darlehen beschränkte, hat sich an die galizischen Kultusgemeinden und die im Interesse der galizischen Juden wirkenden Hilfsvereine mit einem Fragebogen gewendet. In demselben wird die Frage gestellt, was nunmehr vorzukehren wäre, um die jüdischen Volksmassen in Galizien wirtschaftlich zu heben resp. vor dem wirtschaftlichen Ruin, dem sie sicher entgegengehen, zu schützen, oder richtiger, um diesem Elend, welches seinesgleichen kaum findet, ein Ende zu bereiten. Wir haben vor uns eine „Denkschrift an die I. CA.", welche seitens des „Hilfsvereines für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galzien" in Wien in Beantwortung des obgenannten Fragebogens ausgearbeitet wurde. Diese „Denkschrift* ist eine fleißige Arbeit. Sie bemüht sich, alle Ursachen des galizisch-jüdischen Massenelends sorgfältig zu registrieren; sie konstruiert aus vorhandenen statistischen Daten ganz willkürlich statistische Schlüsse; sie zählt eine Reihe von Mittel und Miltelchen auf, durch welche den galizischen Juden wirtschaftlich und auch „kulturell" — auch diese Sorgen macht sich der Hilfsverein — geholfen werden könnte. Aber was wir in dieser Denkschrift lesen, ist weder neu noch originell. Das haben die Leiter des „Hilfsvereines" und der „Union" — sie sind ja identisch — schon vor zehn und mehr Jahren gesagt. Ihre Palliativ- Mittel sind aber heute darum nicht besser, weil sie inzwischen abgelagert sind. Die Denkschrift stellt folgende wichtigste Thesen auf: I. Gründe des Massenelends: Soziale Gesetzgebung, Antisemitismus und Chederwesen. II. Folgen des Massenelends: Abwanderung vom flachen Land, Auswanderung, Konkurrenzkampf der Juden untereinander, Armut, übermäßige Sterblichkeit, Sinken des moralischen Niveaus (?). IIL Maßnahmen zu r He b ung: Hausindustrieen, Errichtung von Fabriken, Gründung von Vorschußkassen und Zuführung zum Handwerk. Die Herren, die diese Denkschrift verfaßt haben, sind gewiß gut und hilfsbereit; sie verfügen bereits über einige Erfahrung. Aber sie beherrschen nicht den Stoff; sie kennen zu wenig die Menschen und die Verhältnisse in Galizien. Ihre Pläne sind zu schablonenhaft, ihr Horizont zu eng, ihre Arbeit zu kleinlich und schleppend. Was sie Hilfsaktion nennen, ist lediglich eine Hilfsspielerei. Von den projektierten Fabriksgründungen und der Zuführung zum Handwerk verspricht sich die Denkschrift selbst nicht viel. Dieselbe enthält darüber folgenden Kommentar: „Es muß aber darauf hingewiesen Averden, daß die Errichtung von Fabriken in Galizien mit Schwierigkeiten verknüpft ist. Zunächst die Schwierigkeit allgemeiner Art, daß Galizien ein agrarisches Land ist, in dem, wie schon oben bemerkt wurde, die Industrie nur wenig vertreten ist. Allerdings ist auch Rußland agrarisch und es konnten trotzdem dort Fabriken geschaffen werden; jedoch ist zu bemerken, daß Bußlaud die Entstehung seiner Industrie durch Prohibitivzölle erzwungen hat, während Galizien den Konkurrenzkampf mit der hochentwickelten Industrio im übrigen Oesterreich zu bestehen hat. Eine zweite Schwierigkeit, welche die Errichtung von Fabriken in Galizien behindert, besteht darin, daß solche zumeist nur mit mehr oder minder großen Kapitalien errichtet werden können. Westliche, schon bestehende Unternehmer sind nicht geneigt, ihre Kapitalien in Galizien zu investieren, in einem Lande, wo ein geeignetes Arbeitermaterial vorläufig noch fehlt und von ihnen erst geschaffen werden müßte." „Ein Teil der jungen Leute könnte auch dem Handwerke zugeführt werden. Wir haben bisher galizische Knaben nach Wien gebracht, um sie hier bei Handwerksmeistern unterzubringen. Es ist dies eine große Wohltat für diese Knaben, jedoch ist damit für Galizien selbst nur wenig getan. Solche Knaben bleiben, wenn sie das Handwerk erlernt haben, zürn allergrößten Teile in Westösterreich u ml sind für G a- 1 i z i e n verloren. Empfehlen würde es sich, die Knaben zu tüchtigen Handwerksmeistern in Galizien in die Lehre zu geben. Da jedoch die Zahl dieser Meister in Galizien sehr dünn gesät ist, wird es nötig sein, tüchtige, wenn möglich aus Galizien stammende Handwerksgehilfen durch Subventionen und Darlehen zu veranlassen, aus den westlichen Ländern nach Galizien zu gehen, sich dort niederzulassen, ihr Handwerk auszuüben und Lehrlinge heranzubilden.* Dieses Kapitel vom jüdischen Handwerk beweist recht kraß, mit welcher Oberflächlichkeit die Verfasser der Denkschrift gearbeitet haben. Statt sich den Kopf darüber zu zerbrechen, mit welchen künstlichen Mitteln in Galizien ein jüdischer Handwerkerstand gezüchtet werden könnte, täten die Herren viel besser, eine Auswanderungs-Statistik zur Hand zu nehmen. Sie hätten sich überzeugt, daß gerade der jüdische Handwerkerstand das größte Auswanderungskontingent unter den Juden stellt und daß bei keiner Nation Europas ein so großer Prozentsatz von Handwerkern auswandert wie bei den galizischen Juden. Welchen Zweck hätte es also, die Zahl der Handwerker in Galizien zu vermehren, wenn die bereits, existierenden auswandern müssen? Darin liegt des Pudels Kern! Den Handwerkern muß die Möglichkeit einer Existenz geschaffen werden! Dann werden die galizischen Lehrlinge auch ohne Subventionen und Darlehen als Meister in ihr Heimatsland zurückkehren. Nach dieser Richtung können Vorschußkassen sehr viel nützen; sie genügen aber allein nicht. Hier gilt es, den großartigen Gedanken zu verwerten, den Abgeordneter Breiter im Leitartikel dieses Blattes aufwirft: Die jüdischen Handwerker müssen sich associieren. Die Pr oduk t i v-Ge no s s en sc h a f te n werden den Einkauf von Rohstoffen, Werkzeugen und